Klaus Florian Vogt als Siegfried und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Mime © Brescia/Amisano – Teatro alla Scala
Nach der fabelhaften “Walküre” im Ring-Zyklus in der Scala folgte ein ebenso fabelhafter “Siegfried”. Die Sängerinnen und Sänger ließen keine Wünsche offen, und Alexander Soddy führte das Orchester der Scala zu einer Glanzleistung.
Richard Wagner
Siegfried. Der Ring des Nibelungen, zweiter Tag.
David McVicar, Regie
David McVicar und Hannah Postlethwaite, Bühnenbild
Emma Kingsbury, Kostüme
S. Katy Tucker, Videoprojektion
David Finn, Licht
Gareth Mole, Choreographie
Orchestra del Teatro alla Scala
Alexander Soddy, Dirigent
von Dr. Rudi Frühwirth
Groß waren meine Erwartungen nach der herrlichen Walküre zwei Tage zuvor – und sie wurden nicht enttäuscht. Klaus Florian Vogt zeigte einmal mehr, dass er in der Titelrolle derzeit wohl nur schwer zu übertreffen ist. Gerade für den jungen Siegfried ist seine für einen Heldentenor erstaunlich bewegliche Stimme wie geschaffen, ebenso seine ideale physische Präsenz. Die Spitzentöne kommen mühelos, ohne jegliches Forcieren. Auch vermag er den stimmlichen Marathon ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen durchzustehen und ist selbst im dritten Aufzug noch voll präsent.
Im ersten Aufzug ist Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Mime ein ebenbürtiger Gegenspieler. Er bringt den hinterlistigen, verschlagenen Charakter des Nibelungen in Stimme und Darstellung köstlich auf die Bühne. Dennoch vermag er auch Mitleid zu wecken, wenn der ungestüme Zögling ihn allzu derb behandelt.
Michael Volle ist als Wanderer sichtlich milder und großzügiger geworden, wenngleich er noch immer mächtig auftrumpft, wenn er sich in der Rätselszene als “des Speeres starken Herrn” beschreibt. Die Personenführung des Regisseurs ist in diesem ersten Aufzug höchst gelungen: Mimes Kochkünste werden parallel zu Siegfrieds Schmelzen und Schmieden treffend ironisiert – ein komödiantischer Kontrast, der die Szene ungemein belebt.

Zu Beginn des zweiten Aufzugs dominiert ein ausnehmend düsteres Bühnenbild, das eine echte Waldesstimmung kaum aufkommen lässt. Ólafur Sigurdarson zeigt eindrucksvoll, warum er mit Fug und Recht als einer der hervorragendsten Alberich-Interpreten der Zeit gilt. Den verarmten, heruntergekommenen Herrscher verkörpert er mit beeindruckendem Körpereinsatz: gebrochen, rachsüchtig, doch zugleich von tragischer Würde. Sein raues, markantes Timbre charakterisiert die Figur stimmlich ebenso überzeugend. Klaus Florian Vogt nutzt Siegfrieds Nachsinnen über seine Mutter hingegen meisterhaft, um seine lyrische Seite eindrucksvoll zur Geltung zu bringen: zart und introspektiv.
Die Ermordung des verwandelten Riesen Fafner – wohltönend und bedrohlich gesungen von Ain Anger – stellte den Regisseur David McVicar vor die Frage: Wie weit soll die Illusion des Märchens gewahrt bleiben?
McVicar entschied sich dafür, den Theatermechanismus offen zu zeigen: Der riesige Wurm wird deutlich sichtbar von etlichen Bühnenarbeitern manipuliert. Warum der Drache bereits bei seinem ersten Erscheinen als totes, skelettiertes Ungeheuer präsentiert wird, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Der Waldvogel singt nicht – wie so oft – unsichtbar vom Schnürboden herab, sondern erscheint leibhaftig in der entzückenden Gestalt von Francesca Aspromonte auf der Bühne: mit punkigem Irokesenschnitt, begleitet von einem Bühnenarbeiter, der ein kleines Vöglein an einer Stange flattern lässt. Eine verspielte Lösung, die den Zauber der Natur einfängt, ohne ihn zu verstecken.

Während mich das Orchester bereits in den ersten beiden Aufzügen begeistert hat, treibt Alexander Soddy es im dritten Aufzug zu einer absoluten Höchstleistung. Im grandiosen Vorspiel, in der ergreifenden Szene zwischen Erda (Christa Mayer) und dem Wanderer, in der spannungsgeladenen Begegnung zwischen Wanderer und Siegfried sowie schließlich in der triumphalen Erweckungsszene entfaltet Soddy die Klangwelten mit atemberaubender Präzision und Intensität.

Camilla Nylund wiederum beweist ihre Stimmbeherrschung und Interpretationskunst mit dem Wandel von der verängstigten Jungfrau in das “wild wütende Weib”.
Der abschließende Liebesjubel des Paares gerät zu einer vollendeten musikalischen Ekstase, die den Zuhörer ergriffen und überwältigt zurücklässt – erst der folgende lautstarke Applaus holt einen in die Realität zurück.
Dr. Rudi Frühwirth, 6. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Klaus Florian Vogt, Siegfried
Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Mime
Michael Volle, Der Wanderer
Ólafur Sigurdarson, Alberich
Ain Anger, Fafner
Christa Mayer, Erda
Camilla Nylund, Brünnhilde
Francesca Aspromonte, Stimme des Waldvogels