Tristan und Isolde: Leidenschaftlich, dramatisch, stellenweise zu laut

Richard Wagner, Tristan und Isolde  Bayreuther Festspiele, 12. August 2022

Foto: Bayreuther Festspiele 2022; Tristan und Isolde; Insz. Roland Schwab, © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele, 12. August 2022

Richard Wagner, Tristan und Isolde 

Jolanta Łada-Zielke berichtet von den Bayreuther Festspielen, wo gerade die zweiten Vorstellungen stattfinden.

„Nur starke Menschen kennen die Liebe, nur die Liebe erfaßt die Schönheit, nur die Schönheit bildet die Kunst“ [1]dies schrieb Richard Wagner in seiner Abhandlung „Die Kunst und die Revolution“, drei Jahre bevor er Mathilde Wesendonck kennenlernte. All das befindet sich in der „Tristan“-Inszenierung von Roland Schwab: die leidenschaftliche Liebe, die ungezwungene Schönheit und die Kunst auf hohem Niveau. Am besten gefällt mir die Anspielung auf die Liebesgeschichte von „Philemon und Baucis“ des römischen Dichters Ovid, deren Helden sich nach dem Tod in Bäumen verwandelten. Dieses Motiv stellt Piero Vinciguerra in dem Bühnenbild dar, am deutlichsten im dritten Akt. Drei Statistenpaare zeigen drei verschiedene Stadien der Liebe: kindlich, jugendlich und reif. All diese Etappen erfahren Tristan und Isolde in einer sehr kompakten Zeit.

Im Festspielhaus dauert es vier Stunden, in denen die durch die Kunst ausgedrückten Emotionen der Helden ihre Höhepunkte erreichen. Die Musik harmoniert perfekt mit den Lichteffekten auf dem Boden, die zuerst ruhiges Wasser zeigen, dann erscheinen darauf Blutlachen (eine Anspielung auf die Ermordung von Morold durch Tristan) und schließlich ein Strudel, der die beiden Liebhaber erbarmungslos hineinzieht. Im zweiten und dritten Akt ist es ein Sternenhimmel.

Tristan und Isolde, Bayreuther Festspiele 2022. Foto: Enrico Nawrath.

Den zweiten Akt empfinde ich als ein bisschen eintönig; da den größten Teil der Handlung das Liebesduett in Anspruch nimmt, ist die Gestaltung der Szenen immer eine Herausforderung für einen Regisseur. Hier taumeln Tristan und Isolde an der Wand, oder legen sich auf dem Boden. Viel interessanter agieren sie nach der Aufnahme des Liebestranks, wenn sie zuerst verwirrt sind und nicht wissen, was mit ihnen gerade geschehen ist. Ich finde Katharina Wagners Idee für den zweiten Akt bei den Festspielen 2017 viel besser.

Die Schönheit und Kunst dieser Inszenierung bilden auch die starken Stimmen der Sänger. Stephen Gould, der wieder als Tristan in Bayreuth zu erleben ist, singt diese Figur mit Wärme und dann mit einer gewissen Dramatik an den entsprechenden Stellen. Catherine Foster als Isolde ist stimmlich genauso gut, Ihre Aussprache könnte aber besser sein.

Bayreuther Festspiele 2022; Tristan und Isolde; Insz. Roland Schwab, (c) Enrico Nawrath

Dieser Meinung sind sogar meine deutschen Kollegen vor Ort. Georg Zeppenfeld als König Marke begeistert wie gewohnt das Publikum mit seiner dunkelgefärbten, aber klar zeichnender Stimme und einwandfreier Diktion. Nach der zweiten Vorstellung bekamen Ekaterina Gubanova (Brangäne), Markus Eiche (Kurwenal), Olafur Sigurdarson (Melot), Jorge Rodríguez-Norton (Hirt), Raimund Nolte (Ein Steuermann) und Siyabonga Maqungo (Junger Seemann) ebenso viel Applaus.  Wahrscheinlich begann im Zuschauerraum jemand zu buhen, aber seine Stimme ging im Beifall und Jubel unter.

Bayreuther Festspiele 2022; Tristan und Isolde; Insz. Roland Schwab, (c) Enrico Nawrath

Das Orchester unter der Leitung von Markus Poschner spielt mit Schwung und Bravour. Bei der „langsamen und schmachtenden“-Stelle am Anfang phrasiert es mit Schönheit und Präzision. Eine separate Darstellung von zwei Solo-Instrumentalisten auf der Bühne halte ich für eine hervorragende Idee. Nur eine Anmerkung: Maestro Poschner, achten Sie bitte mehr auf die Lautstärke! Der erste Einsatz von Kurwenal und der letzte von König Marke waren vom Orchesterklang übertönt und fast unverständlich. Der Festspielchor ist dagegen perfekt hörbar, obwohl er hinter der Bühne singt. Sobald man diese wenigen Defizite verbessert, werden sich Wagners Worte über die Bildung von Kunst durch die Liebe und Schönheit in den nächsten Tristan-Aufführungen in Bayreuth erfüllen.

Jolanta Łada-Zielke, 13. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

[1] Richard Wagner, Die Kunst und die Revolution (1849, in „Dichtungen und Schriften“, Jubiläumsausgabe in 10 Bänden herausgegeben von Dieter Borchmeyer, Band 5., „Frühe Prosa und Revolutionsschrifte“ Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1983, S. 300

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