Das Riga Jurmala Musikfestival und ein atmosphärisch genialer Abend mit dem russischen Modernismus

Riga Jurmala Music Festival, Dzintari Concert Hall, London Symphony Orchestra, 30. August 2019

Foto: © Didzis Grodzs
Riga Jurmala Music Festival, 30.08.2019

London Symphony Orchestra, Leitung: Gianandrea Noseda
Solist: Seong-Jin Cho, Klavier

von Dr. Gerald Hofner

Als Kleinod unter den klassischen Musikfestivals entpuppt sich das erstmals durchgeführte Riga Jurmala Musikfestival in der lettischen Hauptstadt und in seinem Seebad Jurmala. Beeindruckend ist die Vielzahl an großen Namen, die die Veranstalter bereits im Gründungsjahr an die Ostsee holen konnten. Beeindruckend sind auch die Veranstaltungsorte in der alten Hansestadt und – als Kontrast dazu – in der Dzintari Konzerthalle des sommerlich beschwingten Seebads Jurmala unmittelbar an der Ostsee.

Nachdem bereits andere große Orchester im Musikfestival brillierten (u.a. das Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta oder das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung der wunderbaren Susanna Mälkki), kam zum Abschlusswochenende das London Symphony Orchestra nach Jurmala und sein Principal Guest Conductor Gianandrea Nosoda. Der kurzweilig, da zuweilen pantomimisch arbeitende Italiener gilt auch aufgrund seiner Lehrzeit bei Valery Gergiev als ausgewiesener Kenner der symphonischen russischen Musik. Und durch diese gab das London Symphony Orchestra eine kurze Zeitreise – kaum zufällig in der halboffenen Halle, die bis zur Unabhängigkeit Lettlands eine der bedeutenden Musikspielorte der Sowjetunion war.

Das Hors d´Œvre des Festmenus war dabei eine Suite aus Rimski-Korsakows Oper „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“. Gut gewählt, zeigt Rimski-Korsakows Programmmusik doch beispielhaft schon die Stilelemente der russischen Symphonik, die sich auch in den folgenden Stücken des Abends wiederfinden sollten  – die weite Amplitude der Stimmungen zwischen ungestümer Energie und melancholischer Lyrik, volkstümliche Weisen und marschierende slawische Rhythmen.

© Pauls Zvirbulis

In korrekter zeitlicher Abfolge folgte das 2. Klavierkonzert Prokofjews, in dem der Komponist noch wenig Polytonalität verarbeitet, dafür aber viele der genannten Stilelemente. Der Solist der Veranstaltung war der 25-jährige Südkoreaner Seong-Jin Cho. Gerade die beiden ersten Sätze gaben ihm alle Möglichkeiten, seine technische Perfektion zu zeigen. Und das tut er mit Coolness und Leichtigkeit. Bis sich der Ausnahmepianist dann so gut auf Nosoda und seine Leute eingespielt hatte, dass der dritte und vierte Satz die Tiefe der Kommunikation zwischen Orchester und Solist voll ausschöpfen konnte. Obwohl das Stück als höchst schwierig gilt, ein Genuss. Der Beifall war so anhaltend, dass Seong-Jon Cho um eine kleine Zugabe nicht herumkam.

Schostakowitsch dann zum Schluss – seine 6. Symphonie, in der der Komponist als Zugeständnis an die Repressalien des Regimes Stalins wieder etwas zurückkehrte von seinen Ausflügen in die Atonalität. Die gut anhörbare Symphonie mit all den typisch russischen Stilelementen wird von Nosoda und seinen fröhlich mitschwingenden Londoner Symphonikern wunderbar in Szene gesetzt. Der ungewöhnliche Aufbau kommt ihnen dabei entgegen. Nach einem ersten langsamen, sinnlichen Largo steigern sich Geschwindigkeit und Rhythmus im zweiten, bis der dritte Satz mit seinen tänzerischen Elementen alle Hemmungen hinter sich lässt.

Der tosende Beifall für das Orchester und seinen Dirigenten wollte nicht enden, was mit einer kleinen Zugabe belohnt wurde. Natürlich einer russischen.  Aus einer Oper Prokofjews.

Und als Beifall und Schlussakkord abgeklungen waren, hörte man sie wieder bis in den halboffenen Konzertsaal –  die Wellen der Ostsee, die diesem Festival die besondere Atmosphäre gaben. Gut, dass es auch in 2020 wieder stattfinden wird.

Dr. Gerald Hofner, 1. September 2019, für
klassik-begeistert.de

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