Bernard Haitink sagt still und leise adieu

Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, Wiener Philharmoniker, Bernard Haitink, 31. August 2019

Foto: © Salzburger Festspiele / Neumayr / Leo
Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 31. August 2019

Bernard Haitink, Dirigent
Emanuel Ax, Klavier
Wiener Philharmoniker, Orchester

Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58
Anton Bruckner
Symphonie Nr. 7 E-Dur WAB 107

von Jürgen Pathy

Letzte Chancen sollte man nutzen! Obwohl sein allerletztes Konzert erst am 6. September in Luzern über die Bühne gehen wird, läuft die Abschiedstournee eines der ganzen Großen bei den Salzburger Festspielen bereits auf Hochtouren: Bernard Haitink, 90, zieht einen Schlussstrich! Nach über sechzig Jahren, hunderten von Aufnahmen, unzähligen Auszeichnungen und Ehrendoktoraten sagt der Altmeister mit Anton Bruckners siebter Sinfonie noch einmal leise Adieu.

Für meinen Geschmack ein wenig zu leise. Und das, obwohl dem Altmeister mit den Wiener Philharmonikern einer der profiliertesten Klangkörper zur Verfügung steht. Seit der Geburtsstunde der Salzburger Festspiele gilt das weltberühmte Orchester in der Festspielstadt als Garant für allerhöchste Qualität. Doch das für viele beste Orchester der Welt, zu deren Ehrendirigenten Haitink am Mittwoch erkoren wurde,  hat ihr herrlich duftendes Gift schon intensiver versprüht.

© Salzburger Festspiele / Anne Zeuner

Pianissimi, die sonst aus kaum greifbaren Tiefen entspringen und mit zärtlichem Schmelz dahinschweben, wirken grob und farblos. Intensive Legatobögen, deren Kräfte sonst bis zum Bersten gespannt sind, lassen jegliche Spannkraft vermissen. Und der bitter-süße Duft, in den diese verschworene Einheit aus Spitzenmusikern einen sonst zu hüllen vermag, verliert sich in einzelnen Nebelschwaden.

Zu müde und lasch scheint die Führung des greisen Maestro, der gewohnt textnah, beinahe schlicht und mit der stoischen Ruhe, die ein Herr seines Alters gezwungenermaßen ausstrahlt, dirigiert. All zu kräfteraubend scheinen diese beiden monumentalen Werke.

© Lisa Marie Mazzucco

Denn zu Beginn funkelt es noch, da erblüht das Beethoven‘ sche 4. Klavierkonzert noch regelrecht. Glücksgefühle inklusive Gänsehaut übermannen einen beim Erklingen der Streicher. Und Emanuel Ax, 70, der für den „erkrankten“ Murray Perahia eingesprungen ist, beweist, dass er die schillernden Triller, die gewaltigen Akkorde und die chromatischen Läufe noch immer aus dem Effeff beherrscht. Zwar gleicht sein Klavierspiel keiner Offenbarung, dennoch scheinen die Weichen für einen gebührenden Abschied Bernard Haitinks gelegt. Das verfolgen im ausverkauften Festspielhaus auch Intendant Markus Hinterhäuser, Staatsoperndirektor Dominique Meyer und dessen erwachsener Sohn.

Doch irgendwo auf dieser Reise zwischen den beiden lyrischen Werken, die in ihrem Grundcharakter ziemlich ähnlich sind, verliert sich die Spur. Immer mehr verblasst der narkotische Duft – vor allem in Bruckners siebter Symphonie.

Anstatt der viel zitierten Wehmut und des edlen Pathos des gewaltigen Adagios, das als bewegendes Totengedenken an Richard Wagner konzipiert wurde, herrscht ein – ich trau es mich  kaum zu sagen – energielos dahin wabernder Einheitsbrei. Erfrischend und dankend unterbrochen vom schnellen Trio und dem bewegten Finale, in dem ein weiteres Mal die Wagnertuben ihre sinfonische Entjungferung erleben durften. Anton Bruckner hat diese eigens von Richard Wagner für den „Ring des Nibelungen“ konstruierten Instrumente erstmals in einer Symphonie – im Adagio – implementiert.

Letztendlich tobt das Haus und hofiert Bernard Haitink, den sichtlich berührten Maestro ohne Starallüren, unter stehenden Ovationen in die nahende Musikerpension. Bleibt ihm, der vor allem als Bruckner– und Mahlerspezialist in die Geschichte eingehen wird, nur noch gute Erholung und etwas mehr Frische und Elan für die folgenden zwei Konzerte zu wünschen. Ebenso Murray Perahia, der angeblich mit größeren Problemen in der rechten Hand laboriert.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 1. September 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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