Staatsoper Hamburg: Das Experiment "Ring & Wrestling" ist gelungen

Ring & Wrestling, Operanovela, 5. und letzter Teil, Musik aus “Der Ring des Nibelungen” von Richard Wagner,  opera stabile, Staatsoper Hamburg

Foto: Jörn Kipping (c)
Ring & Wrestling, Operanovela, 5. und letzter Teil
mit Musik aus “Der Ring des Nibelungen” von Richard Wagner
opera stabile, Hamburg, 6. Oktober 2018
Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
unter der Leitung von Leo Schmidthals

von Teresa Grodzinska

Wrestler: Mia Arens, Nabila Attar, Fritz Otis Bergemann, Rilka Beust, Mario Cirkel, Daniel Czieschke, Arne Dührsen, Daniel Van Eendenburg, Philipp Feit, Lisa Feldmann Julia Gallinger, Dominik Günther, Babak Hasheminagaad, Lisa Huss, Torsten Lange, Elmar Lause, Julia Levin, Miguel Martinez, Moritz Meyer, Baster Rübsam, Therese Schneider, Patrik Tessmann, Mirko Thiele, Lena Vix, Berenice Warnecke. Special guest: Mark Boombastic (in Folge 4).

Die Kostüme der Wrestler sind Eigenkreationen.

Die namentliche Aufzählung der Wrestler aus dem St.-Pauli-Biotop hat einen Grund. Wer mehrere Folgen der Operanovela gesehen hat, der weiß, was für eine Arbeit hinter dem vermeintlich kindischem Unterfangen steckte. Fünf Wochen auf Hochtouren für LehrerInnen, BeamtInnen, StudentInnen, Hausfrauen/Hausmänner, MusikerInnen… Alles ganz normale, beruflich angebundene St. Paulianer mit klarer politischer Haltung (links, aber nicht extrem), klarem musikalischem Geschmack (Rock and Roll at its best und sonst alles, was gut ist) und mit kindlicher Lust für gemeinsame Blödeleien.

Es muss an der St.-Pauli-Luft liegen, dass diese Leute reifen ohne zu altern und zu verbittern; dass sie statt Bausparverträgen Plattenverträge mit sich selbst schließen, dass sie sich über vieles, was in dieser Gesellschaft schief läuft, unmissverständlich laut und deutlich aber charmant und mit Selbstironie äußern.

Und all das fand Einzug in die letzte Folge der Opernovela “Ring & Wrestling”. Der Promoter der Elbphilharmonie, ein gewisser Don Shrimp, tauschte sein grünes T-Shirt gegen einen Bodysuit in gedämpftem Mintgrün. Der Body hatte mehrere Taschen, aus denen das Geld nur so quoll. Ein Goldkettchen und eine Bierwampe rundeten sein Erscheinungsbild ab. Mit einem Mikro, dass wie eine Verlängerung seines Armes wirkte, pries er in Einkaufszentrum-Verkäufer-Manier die Elbphilharmonie an. Die Elphi – in bunt beklebte Pappe gehüllt – hopste gelangweilt aber tapfer in der Mitte des Rings herum. Oben konnte man Geld einwerfen.

Die Elphi, Gewinnerin des letzten Wrestlings-Duells, hätte eigentlich die neue Walhalla werden können; das war zumindest die Hoffnung der obdachlosen Wagner-Götter. Es liefen schon Verhandlungen mit Don Shrimp, als ein Immobilienmakler, ein saftiger Bariton, auftauchte. Er trieb den Eintrittspreis für die Elphi-Walhalla in die Höhe, und die Götter sanken mutlos in die vier Ecken des Rings, “Für uns kein Sieg” vierstimmig glockenklar singend. Die Lichter im Ring gingen aus, eine Totenstille breitete sich aus und ging in eine ernstzunehmende depressive Phase über.

Die St.-Pauli-Fraktion im Publikum machte halbherzig aber lauthals Vorschläge, wer jetzt den Göttern zu Hilfe eilen soll. “Kommander Kernschmelze” wiederbeleben! – “St. Pauli aufs Mauli”, wo seid Ihr!-Rufe hallten durch den immer dunkler werdenden Saal.

In der Luft hing die Frage: “Sind denen die Ideen ausgegangen, oder kommt noch was?”

Es kam was, und zwar echt gruselig-aktuell: Don Pedro, der Ringansager, holte aus dem Schlund der Hinterbühne einen veritablen Roboter der 5. Generation, den Bento. Der machte kurzen Prozess mit der Elphi und wollte sogar ihren Pächter, Don Shrimp, schlagen, was absolut gegen die Wrestling-Regeln gewesen wäre. Don Shrimp, flink wie ein Wiesel, hatte aber dringend geschäftlich weg müssen und übergab Wotan die Fernbedienung, die Bento, den Roboter, steuerte.

Ausgerechnet Wotan! Er trampelte auf dem Ding solange herum, bis Bentos Memory aufbrach und uns die allergeheimste Prophezeiung zuteil wurde: “aus dem Schlund der von Menschen gequälten Erde werden Ungeheuer herauskriechen, die ihr euch nicht vorzustellen imstande seid…”  Die Wagnerfreunde auf der Galerie lächelten süffisant – endlich ein Bezug zu ihrem Trauma: Untergang der Welt, wie wir sie kennen, dachten besser informierte Umweltschützer.

„Nicht mit uns!“, schrie auf einmal Don Pedro. Bildung ist nicht alles, Freunde! Wir, die noch vor fünf Wochen “Wagner” nur als “Wagner-Ofenfrische” kannten, haben den Auftrag, die Götter zu retten! Wir schaffen es! Ich rufe jetzt die letzte Garde: Loony Lobster und Captain Tentakel!. Die kamen, schlugen alles kurz und klein. Sogar der Promoter Don Shrimp lag auf einmal k.o. im Ring, der Unsympath, der elende. Zwischendurch meldete sich per Monitor (insgesamt drei an der Zahl) Haidi Hitler mit der Warnung, dass sie zwar körperlich nicht mehr da sei, aber digital wohl. Sie sei jetzt undercover beim Verfassungsschutz tätig.

Hymne, Hymne und noch mal Hymne. Nik Neandertal und sein Schwabbelbauch über der Strumpfhose rührten uns alle zu Tränen. Als das Licht im Saal heller wurde merkten wir, dass aus dem Schlund überdimensionale schwarze Schnecken (oder waren es Kakerlaken?) quälend langsam auf die Bühne krochen. Dieses augenblickliche Herunterbrechen der Stimmung ist gute, alte Theaterkunst vom Feinsten. Chapeau.

An keiner Stelle war diese Opernovela unprofessionell, übermütig oder lächerlich gewesen. Sowohl den Mitarbeitern der Hamburgischen Staatsoper/opera stabile als auch den Rock & Wrestling-Leuten aus St. Pauli, Hamburg-Mitte, gebührt große Anerkennung. Auch die Wagnerianer die sich trauten, ihre gewohnten Denkpfade zu verlassen, haben schmunzelnd zugegeben, dass das Experiment Ring & Wrestling gelungen ist. Wir, eher Wagner-Pizza-Kenner, wussten es schon lange. Im Foyer munkelte man über Finanzierung der zweiten Staffel durch das Hamburger Spendenparlament…

Teresa Grodzinska, 7. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

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