Brahms und Janáček in Belgien –
ein Genuss für die Ohren

Johannes Brahms und Leoš Janáček, Musikzentrum De Bijloke, Gent, 5. Oktober 2018

Foto: © Kris Hellemans
Johannes Brahms und Leoš Janáček, Musikzentrum De Bijloke,
Gent, 5. Oktober 2018

Jan Latham-Koenig Dirigent
Pavla Vykopalová Sopran
Markéta Cukrová Mezzosopran
Michal Lehotský Tenor
Pavel Švingr Bass
Daniela Kosinová Orgel
Prager Philharmonischer Chor
Lukáš Vasilek Einstudierung & Koordination
Sinfonieorchester Flandern

Johannes Brahms – Akademische Festouvertüre, op. 80
Johannes Brahms – Schicksalslied, op. 54
Leoš Janáček – Glagolitische Messe

von Daniel Janz

Die westbelgische Stadt Gent steht sicherlich nicht auf jedermanns Agenda, wenn es um hochwertige, klassische Musik geht. Trotz eigenem Musikzentrum, regelmäßigen Festivals und dem häufig aufspielenden Sinfonieorchester Flandern, das immerhin im eigenen Land einen hervorragenden Ruf besitzt, hört man auf internationaler Ebene noch sehr wenig von diesem Ort. Das mag verschiedene Gründe haben. An mangelnder Qualität liegt das aber sicher nicht.

Man muss besonders den Mut bewundern, mit dem die Veranstalter auftreten. Mit zwei Kompositionen von Johannes Brahms und der glagolitischen Messe von Leoš Janáček stehen anspruchsvolle Werke auf dem Spielplan, die schon andere Orchester zu Fall brachten. Der Intendant des Musikzentrums verriet klassik-begeistert im persönlichen Gespräch, dass beispielsweise die Stadt Budapest im Rahmen dieses Projektes bewusst ihr Orchester eingeladen hätte, weil das Orchester vor Ort zu große Ehrfurcht vor diesem Projekt gehabt hätte.

Glücklicherweise steht mit Jan-Latham-Koenig(64) ein Interpret zur Verfügung, der nicht nur Internationalität, sondern auch Expertise in einer Person vereint. Der 1953 in England geborene Dirigent mit französischen, dänischen, polnischen und mauritianischen Wurzeln machte sich bereits bei seinem Debüt 1988 international als Operndirigent einen Namen. Als erster britischer Dirigent überhaupt war es ihm 2011 möglich, in Russland eine Stelle als Direktor der Novaya Opera anzutreten.

Dieses Vermögen überträgt sich auch auf sein Orchester, das im ersten Stück des Abends geradezu brilliert. Brahms akademische Festouvertüre, 1880 in Bad Ischl zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an ihn selbst komponiert, ist genau das, was der Name verspricht: Ein wahres Fest der Sinne. Im Wechsel zwischen feurigen Rhythmen und breitem Thema besticht das Orchester besonders durch eine lichte Intonation. Den Abschluss bildet ein mit Becken, Trommel und Triangel gekrönter Choral, den man nicht besser hätte inszenieren können.

Auf diesen beachtlichen Auftakt folgt in der mittelalterlichen Architektur des Musikzentrums „Bijloke“ dann das so genannte „Schicksalslied“ desselben Komponisten. Hier vertonte Brahms 1868 – 1871 ein Gedicht des Lyrikers Johann Christian Friedrich Hölderlin.

Den Beginn macht eine gemächliche Einleitung, die noch nichts von der späteren Spannung des Werks erahnen lässt. Neben feinsinnig von Jan-Latham-Koenig herausgearbeiteten Akzenten stechen besonders das erste Horn sowie die Oboe heraus. Hier tritt nun auch zum ersten Mal der Prager Philharmonische Chor in Erscheinung. Mit klar definierter Stimmlage untermalen die Sängerinnen und Sänger die einfühlsamen Passagen der ersten Strophe, während sie in der zweiten Strophe in pure Dramatik ausbrechen.

Was stattdessen kaum zur Geltung kommt, ist der Text. Er bleibt leider über weite Strecken des Liedes undeutlich, mischt sich beinahe in einer Art Klangbrei.  Man kann dem Ensemble zwar einen schönen Gesamtklang attestieren. Aber davon alleine lebt das Werk nicht auf. Hier von Langeweile zu sprechen, wäre wohl etwas hart. Aber ein Wermutstropfen ist die fehlende Verständlichkeit allemal. Bei einem tschechischen Chor mit einem flämischen Orchester in einer belgischen Stadt, die einen deutschen Text interpretieren, ist deutliche Aussprache aber vielleicht auch ein bisschen zu viel verlangt.

Dass es auch auf einem ganz anderen Level geht, beweisen alle Akteure indes bei Janáčeks imposanter glagolitischen Messe. Sie ist nicht nur stilistisch, sondern auch orchestral ein Kontrast zu den Werken des deutschen Romantikers Brahms. Dieses 1926 vollendete Werk des tschechischen Komponisten vertont das traditionelle Ordinarium der katholischen Messe – allerdings im Kirchenslawisch und nicht in Latein. Neben Harfen, Orgel, Celesta, Glocken und weiteren diversen Schlagzeugen greifen hier auch die 4 Gesangssolisten zum ersten Mal ins Geschehen ein.

Den ersten Einsatz übernimmt nach der feierlichen Introduktion des Orchesters die kurzfristig für Adriana Kohútková eingesprungene Pavla Vykopalová (46) zusammen mit dem Chor. In teils harmonischer, teils melancholischer Manier tragen sie ein eindringliches Kyrie vor. Frappierend fällt sofort der Unterschied in der Textverständlichkeit im Vergleich zu Brahms’ Schicksalslied auf. Sowohl die aus Tschechien kommende Solistin als auch der Chor singen klar intoniert und präzise ausgesprochen jedes einzelne Wort. Das ist wahrer Genuss, selbst für Ohren, die kein Kirchenslawisch gewohnt sind.

Einen kräftigen Einstieg erlebt auch der in Bratislava geborene Tenor Michal Lehotský (45). Auch er war kurzfristig für den erkranken Jaroslav Březina eingesprungen. Mit durchschlagender Stimme schmettert er im Gloria gegen Orgel und Orchester an. Selbst im vollen Tutti kann er sich durchsetzen. Leider wirkt er dabei gelegentlich zu schroff – sein „Amen“ schreit er beispielsweise regelrecht heraus und dämpft damit den Eindruck eines ansonsten herrlich eingespielten Ensembles.

Im Credo schließt sich dann auch der 1985 in Litoměřice (Tschechien) geborene Bass Pavel Švingr dem Geschehen an. Mit seinem warmen Timbre und einem vollen Klang bereichert er das von Effekten und Orgelpassagen geprägte Orchesterspiel. Den teils stampfenden, sich zu einem brachialen Treiben ergänzenden Rhythmen, wirkt er sensibel entgegen. Schade, dass er hier als einziger nach Ruhe strebt. Womöglich ist es aber mehr der Komposition selbst, als der energischen Interpretation des Dirigenten Jan Latham-Koenig geschuldet, dass sich Einkehr und Ruhe eines Glaubensbekenntnisses nicht richtig entfalten möchten.

Viel weicher präsentieren die Künstler stattdessen das Sanctus, in dem Markéta Cukrová, ebenfalls aus Tschechien (geboren in Prag), zum ersten Mal ihre Stimme erhebt. Ihren Einstieg bereiten Orchester, sowie Sopranistin Pavla Vykopalová und Bass Pavel Švingr in Kombination mit der anmutig zart spielenden, fast schon gestreichelten Solo-Violine vor. Auch der Chor kann hier erneut in einfühlsamster Manier glänzen. Als sich dann alle Akteure im Agnus Dei vereinen, bescheren sie höchsten Hörgenuss.

Eigentlich wäre das ein perfektes Ende, doch Janáček sah in seiner Komposition noch zwei weitere, rein instrumentelle Parts vor. Das Postludium als ersten Part widmete er ganz und ausschließlich der Orgel. Die bereits präsente Organistin Daniela Kosinová kann hier noch einmal ihre Virtuosität als Solistin unter Beweis stellen. Im Wechsel von kräftigen und einfühlsamen Passagen überzeugt sie vor allem durch ein raffiniertes Verständnis ihres Instruments.

Auch der hymnenartige Exodus zum Schluss des Werkes besticht durch Klarheit und  Ausdrucksstärke. Das ist noch einmal eine kleine Sternstunde, in der Dirigent und Orchester – allen voran der fabelhaft dynamisch spielende Paukist – ihre ganze Brillanz beweisen können. In teils wilden Ausbrüchen steigern sie sich zu einem Finale, das gar nicht anders honoriert werden kann, als durch lang anhaltenden Applaus. Damit bilden sie den glorreichen Abschluss einer Aufführung, die man als beste Werbung für dieses Orchester und auch für die Stadt Gent als musikalisches Zentrum verstehen kann.

Daniel Janz, 7. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

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