Ritterbands Klassikwelt 5 / 2019: Wo liegt Titipu ?

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In Gilbert und Sullivan’s Titipu (beziehungsweise Japan) galten in der Tat drastische Strafen für ein „schweres“ Vergehen: Auf Flirten stand die Todesstrafe durch Enthauptung. Und dies nimmt bereits den Kern der Handlung des „Mikado“ vorweg.

von Charles E. Ritterband

Wo liegt Titipu? Das Land ist auf keinem Globus, keiner Weltkarte zu finden. Und doch existiert es. In einer Oper. Einer komischen noch dazu. Und dieses legendäre Land hat einen Herrscher. Er trägt den Titel „Mikado“. Und so heißt die komische Oper von Gilbert und Sullivan, Gilbert dem größten englischen Librettisten seiner Generation und Sullivan, dem führenden Komponisten seiner Zeit: der viktorianischen Ära. Der Mikado wurde auf dem Höhepunkt in jener glorreichen historischen Epoche des britischen Kolonialismus uraufgeführt, am 14. März 1885 im Savoy-Theatre am Londoner Strand. Knapp zehn Gehminuten vom heute noch existierenden Savoy wird vor ausverkauftem Haus, im London Coliseum (dem größten Theater der Theaterstadt London), das Stück jetzt wieder gezeigt – in einer phänomenalen Produktion der English National Opera ENO. Das „Savoy“ ist übrigens ein sozusagen legendäres Luxus-Hotel, und das Theater befindet sich tief im Untergeschoss dieses Gebäudes. Kein Wunder, dass die „Mikado“-Inszenierung den Art Déco Stil der 1920er-Jahre, in dem auch jenes berühmte Hotel erbaut ist, aufnimmt.

Wo ist Titipu? Es befindet sich in einer Oper namens „The Mikado“, die ja auch den Untertitel „The Town of Titipu“ trägt. Dieses Titipu ist ein Nicht-Land, ein Pseudo-Japan, das von einem Gewaltherrscher namens Mikado regiert wird, der mit sanfter Stimme die fürchterlichsten Dinge von sich gibt – unter dem Motto „let the punishment fit the crime“ (die Strafe soll dem Versprechen entsprechen), und der sich lustvoll die brutalsten Strafen ausmalt: Enthauptung, Lebend-Begraben, heißes Öl und heißes Blei: Englischer Humor in seiner schwärzesten Erscheinungsform.

Gilbert und Sullivan waren das englische Pendant zu Jacques Offenbach und Johann Strauß. Offenbachs Unterwelt und die ganze lustige griechische Mythologie waren lediglich der Vorwand für seine Zeit- und Gesellschaftskritik. Und das Wien der „Fledermaus“, in der für eine rauschende Ballnacht jeder das mimen konnte, was er wollte, wo sich Sein und Schein vermischten und die Klassengrenzen munter überschritten wurden, während im letzten Akt das Gefängnis drohte – das war nicht nur eine Persiflage auf die damaligen Verhältnisse  der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien: All diese kann man auch heute, alljährlich am Opernball erleben, wo man für (sehr viel) Geld im Frack und teuren Abendkleid für eine Nacht Aristokratie mimen kann.

In Gilbert und Sullivan’s Titipu (beziehungsweise Japan) galten in der Tat drastische Strafen für ein „schweres“ Vergehen: Auf Flirten stand die Todesstrafe durch Enthauptung. Und dies nimmt bereits den Kern der Handlung des „Mikado“ vorweg. Damit bezweckten der Librettist und der Komponist vor allem eines: Der Puritanismus der Viktorianer wurde schärfstens aufs Korn genommen – mit dem Mittel der Verfremdung, der Absurdität, der Lächerlichmachung.

Obwohl zu jener Zeit in England eine Japan-Manie herrschte (wie zur Zeit Mozarts mit gutem Grund sowohl eine Türken Manie – siehe „Entführung aus dem Serail“ – als auch eine Ägypten Manie – siehe „Zauberflöte“ – grassierten) war die Wahl Japans als Schauplatz für dieses ironische Spektakel eine rein zufällige. Hier mag man an den köstlichen Film „Wag the Dog“ von Barry Levinson (1997) denken, in dem – ebenso willkürlich – „Albanien“ zum Feindesland Amerikas erklärt wird.

„Japan“ hat im „Mikado“ einen Distanzierungseffekt – und „flirten“ ist eine Chiffre, ein Codewort für unaussprechliche Delikte in der viktorianischen Ära (wie etwa außereheliche Beziehungen und Prostitution).  Zielscheibe war der Puritanismus, der diese Dinge tabuisierte. Zielscheibe waren auch Korruption und Ämter-Kumulation im viktorianischen England – verkörpert durch den urkomischen „Lord High Executioner“ (den obersten Scharfrichter) namens Ko-Ko und, stets an seiner Seite, nicht minder drolligen und absurden „Lord High Everything Else“ (der Lord der für alles andere zuständig ist).

Das musikalische Resultat dieser Mischung aus England und einem fiktionalen Japan ist ein skurriles Kuddelmuddel der Kulturen: einer der Höhepunkte ist das plötzlich und ohne Vorwarnung erklingende, wunderschöne und sehr englische Madrigal „brightly dawns our wedding day, joyous hour, we give thee greeting“ (hell dämmert unser Hochzeitstag, wir grüssen dich!). Und dann wieder ein authentischer japanischer Marsch, bestehend aus nur fünf Noten, in der pentatonischen Tonart – mit dem, (original japanischen) Text „Miya sama miya sama „,  On n’m-ma no maye ni. Pira-Pira suru no wa. Nan gia na. Toko tonyare na? Miya sama, miya sama…“, das beim feierlichen Auftritt des Mikado gesungen wird. Der authentische Text bedeutet: Ehrwürdiger Prinz, was ist dies Ding das aufflattert vor dem Pferd seiner Hoheit ? In einer nächsten Strophe kommt dann auch die Antwort: Es ist das kaiserliche Banner von Seidenbrokat, das Signal für die Bestrafung der Rebellen! Ein authentisches Stück japanischer Geschichte also im Original-Wortlaut…

Die Tonfolge ist authentisch wurde zwar für westliche Stimmen und Instrumente adaptiert, sie hat aber eine eigene Geschichte: Der Komponist Arthur Sullivan war bekannt mit einem gewissen Algernon Bertram Freeman-Mitford, erster Baron von Redesdale. Dieser war als Diplomat – Zweiter Sekretär – an der Britischen Botschaft in Japan seit dem Jahr 1868 tätig. Mitford befasste sich intensiv mit Japan und schrieb auch über das exotische Land. Das musikalische Thema, das Sullivan Mitford zu verdanken hatte, war eben jenes „Miya sama“, ein Militärmarsch, dem die Truppen, welche den neuen Kaiser Meiji im sogenannten Boshin (oder „Restaurations“) -Krieg (27. Januar 1868 – 27. Juni 1869) zwischen dem Tokugawa-bakufu und den kaiserlichen Truppen unterstützten. Die Niederlage des Bakufu machte den Weg frei für die entscheidende, im Rahmen der Meiji-Restauration durchgeführte grundlegende Umgestaltung der japanischen Gesellschaft.

Interessant ist übrigens in diesem Zusammenhang, dass Puccini, der für seine „Turandot“ chinesische Tonfolgen und für seine „Madame Butterfly“ japanische Melodien (wie das berühmte Kirschblüten-Lied „Sakura“) verwendet hatte, genau jene Tonfolge Miya sama in seiner „Butterfly“ ebenfalls einfügte – und zwar in jenem Moment, da die allein Gelassene dem Prinzen Yamadori vorgestellt wird (und bekanntlich zurückweist).

Wie aber kam der Librettist Gilbert auf Japan – und wie auf die Figur des „Lord High Executioner“, der auf Geheiß des Mikado möglichst viele Köpfe abzuschlagen hat (in der ENO-Inszenierung sind diese Köpfe denn auch in einem riesigen Schrank zu sehen): Gilbert berichtet, dass er auf die Idee kam, als er im Jahr 1884 in seiner Bibliothek saß und sein Blick zufällig auf das Schwert eines japanischen Scharfrichters fiel, das da an der Wand hing…

Dr. Charles E. Ritterband, 15. November 2019, für
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