Rosa Feola und Riccardo Muti verzaubern und sorgen für große Gefühle

Rosa Feola und Riccardo Muti verzaubern und sorgen für große Gefühle  Spoleto Festival, 30. August 2020

Foto: © Maria Laura Antonelli/AGF

Domplatz Spoleto (Italien), 30. August 2020
Abschlusskonzert (Livestream)

Rosa Feola, Sopran

Giovanile Luigi Cherubini Orchestra
Leitung: Riccardo Muti

von Dr. Holger Voigt

Es ist faszinierend zu beobachten, wie glücklich ein außerordentlich klug zusammengestelltes Konzertprogramm ein unter pandemiebedingtem Entzug leidendes Publikum innerhalb weniger Minuten machen kann. So geschehen beim Abschlusskonzert des diesjährigen Spoleto-Festivals auf dem Domplatz der umbrischen Kleinstadt. Zum Schluss gab es nur noch Begeisterung für die Sopranistin Rosa Feola, das Orchester Giovanile Luigi Cherubini und den umtriebigen Maestro Riccardo Muti, der wie ein Fels in der Brandung die Fahne der Musikkultur ungebeugt und gegen alle Widernisse hochzuhalten imstande ist. Für etwas mehr als eine Stunde schien das Leid Italiens der letzten Monate in den Hintergrund gerückt zu sein.

Das von Riccardo Muti selbst gegründete Giovanile Luigi Cherubini Orchestra, als Jugendorchester junger MusikerInnen ins Leben gerufen, spielt unter Mutis Leitung auf allerhöchstem Niveau. Davon legte auch der heutige Abend Zeugnis ab. Akkurat und beseelt, stets von unbändiger Spielfreude geleitet und mit instrumentalem Schönklang ausgestattet, war es eine wahre Freude, dieser verschworenen Gemeinschaft zuzusehen und zuzuhören. Inzwischen ist mir dieses Orchester immer vertrauter geworden und mehr und mehr ans Herz gewachsen.

Domenico Cimarosas (1749 – 1801) Overtüre aus seiner Opera buffa „Il matrimonio segreto“ machte den Anfang an diesem bereits ins Dunkel gehüllten Spätsommerabend. Die Overtüre ähnelt der von Wolfgang Amadeus Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und lässt an Furiosität nichts zu wünschen übrig. Orchester und Dirigent konnten hier aus dem Vollen schöpfen und den Konzertabend musikalisch in die passende Stimmungslage bringen. Nach einem derartigen Auftakt konnte man gespannt den weiteren Programmpunkten entgegenfiebern.

Riccardo Muti. Photo: Maria Laura Antonelli/AGF

Es folgte die Darbietung dreier Opernarien der 34-jährigen italienischen Sopranistin Rosa Feola, die bereits in ihrer Reihung zu erkennen gaben, dass es sich um eine wahre auditive Delikatesse handeln würde. Drei Arien, bei denen alle Expressionsregister einer Sopranstimme herbeigezogen werden mussten. Und in der Tat: Es gab Gesangskunst vom Feinsten, was mit riesigem Applaus bedacht wurde.

In der Arie der Donna Anna aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ („Crudele!…) ist die Koppelung lyrischer und dramatischer Anteile in der richtigen Ausgewogenheit erforderlich, was der Solistin mit hoher Intensität und hervorragender Phrasierung meisterhaft gelang. Höhensicher und selbst im piano noch klar vernehmbar gestaltete sie diese Partie in anrührender Weise und schien am Schluß selbst zutiefst bewegt zu sein.

Rezitativ und Romanze der Giuletta aus „I Capuleti e i Montecchi“, Vincenzo Bellinis (1801 – 1835) Version von Romeo und Julia, stellt einen der Höhepunkte dieser wunderschönen, leider viel zu selten gespielten Oper dar. Und auch an diesem Konzertabend muss man von einem Höhepunkt sprechen. Alles beginnt mit einem wunderbar gespielten, anmutigen Hornsolo, dessen Motiv später im Zusammenklang mit der Sopranstimme wieder aufgenommen wird. Auch Harfe und Flöte gesellen sich dann dazu, die emotionale Binnenwelt Giuliettas hervorhebend.

Rosa Feola © Todd Rosenberg

Rosa Feola singt mit unbegrenzt erscheinender Innigkeit im Ausdruck, intonationssicher und auch in den höheren Spitzentönen ansatzlos sicher, dynamisch perfekt modulierend und mit anrührender Klangschönheit. Ein zutiefst bewegendes Erlebnis! Die Sopranistin zog alle in ihren Bann, man konnte sich der Sogkraft und Glaubhaftigkeit der Gefühle Giuliettas praktisch nicht entziehen. Das war große Oper im Konzert, und das Publikum zollte dieser Darbietung verdient riesigen Beifall.

Doch die emotionale Intensität sollte noch etwas zulegen können. In Verdis „Ave Maria“ der Desdemona aus „Otello“ begibt sich die schutzlos erscheinende Protagonistin vertrauensvoll in die Hände Gottes und dabei ihrem Schicksal hin, das sie selbst schon ahnt und emotional antizipiert. Das gesungene Gebet Desdemonas rührt unmittelbar an; Verdis Musik lässt Tränen laufen und Knie zittern. Derartige Szenen sind absolute Höhepunkte in der Oper. Rosa Feolas Vortrag war in jeder Hinsicht atemberaubend, und man hatte den Eindruck, dass es sich um eine Standing Ovation der Orchestermitglieder handelte, als sich diese im Anschluss von ihren Sitzen erhoben. Es war deutlich zu erkennen, dass auch bei der Sopranistin die Augen feucht geworden waren. Eine grandiose Leistung, für die es großen Beifall gab.

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Der nachfolgende sinfonische Abschnitt dieses Konzertabends begann mit Franz Peter Schuberts „Unvollendeter“, der zweisätzigen achten Sinfonie. Riccardo Muti ist ein großer Verehrer von Schuberts Musik und hat diese häufig aufgeführt und für CD eingespielt. Seine Probenarbeiten kann man auf Video betrachten.

In seinen sinfonischen Werken klingt die Musik Schuberts (1797 – 1828) zuweilen wie eine Ankündigung der Musik eines Johannes Brahms (1833 – 1897), oft – wie hier in der achten Sinfonie – ein wenig mehr mit Wehmut getränkt, als diese bei Brahms zu spüren wäre. Das liedhaft-marschierende sowie das sich immer wiederholende dynamische An- und Abschwellen stellt fast eine dramatische Qualität der Kompositionsweise Schuberts dar. Muti zeigte an diesem Abend, dass er – wie nur wenige andere – den Wechsel der Befindlichkeiten im Ausdruck dieser Musik intuitiv resoniert und die richtigen Schwerpunkte zu setzen imstande ist. Abermals Gelegenheit für das Giovanile Luigi Cherubini Orchestra, seine Qualitäten unter Beweis zu stellen.

Den Abschluß des heutigen Konzertabends bildete Saverio Mercadantes (1795 – 1870) „Sinfonia Spagnolo“ aus der fast vergessenen Oper „I due figaro“. Wie die Bezeichnung bereits erkennen lässt, geht es „spanisch“ zu, was sich hier eher auf eine rhythmische Komponente bezieht. Der Maestro hielt sich hier bisweilen völlig zurück und gab dem Orchester damit den Raum, der eigenen Spielfreude zu folgen und die heitere Atmosphäre sich entfalten zu lassen. In Dynamik und Temposteigerungen oft an Giacchino Rossini (1792 – 1868) erinnernd, endete dieser wunderschöne Konzertabend, dessen Programm durch alle Seelenebenen führte, mit einer zuversichtlich erscheinenden Grundstimmung. Hand aufs Herz: Was hätte es Besseres geben können?

Dr. Holger Voigt, 30. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem, Teatro di Verdura di Palermo, 26. Juli 2020, Livestream

Programm:

Domenico Cimarosa: Il matrimonio segreto

Overtüre

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

Arie der Donna Anna

“Crudele!…Non mi dir, bell’idol mio”

Vincenzo Bellini: I Capuleti e i Montecchi

Rezitativ und Romanze der Giulietta

“Eccomi in lieta vesta…Oh! Quante volte, oh quante”

Giuseppe Verdi: Otello

Arie der Desdemona

“Ave Maria”

Franz Schubert

Sinfonie No. 8 B-Moll D759 „Unvollendete“

Saverio Mercadante: I due Figaro

Sinfonia Spagnola

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