"Routine gehört nicht auf die Bühne, sondern neue Entdeckungen und Entwicklungen" – 9 Fragen an die israelische Sopranistin Chen Reiss

„Routine gehört nicht auf die Bühne, sondern neue Entdeckungen und Entwicklungen“ – 9 Fragen an die israelische Sopranistin Chen Reiss

Chen Reiss: „Rising Star“ der Wiener Staatsoper

Die in Holon, einer kleinen Stadt südlich von Tel Aviv, geborene Sopranistin Chen Reiss tritt in wichtigen Rollen an führenden internationalen Opernhäusern auf – vor allem in der Wiener Staatsoper, aber auch in der Bayerischen und der Hamburger Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Semperoper Dresden, dem Théatre des Champs-Elysée, der Royal Opera Covent Garden, London, dem Maggio Musicale Fiorentino, in Tokio, Philadelphia, Barcelona und Madrid, der Israeli Opera und der Mailänder Scala. Sie trat auf mit namhaften Orchestern wie den Wiener und den Münchner Philharmonikern sowie dem Concertgebouw-Orchester, in der New Yorker Carnegie Hall wirkte sie bei Mahlers 8. Sinfonie mit. 2014 wurde Chen Reiss die Ehre zuteil, in der weltweit übertragenen Mitternachtsmesse für Papst Franziskus das „Et incarnatus est“ aus Mozarts Großer Messe in c-Moll zu singen. Sie sang am Lucerne Festival ebenso wie in den BBC-Proms an der Londoner Royal Albert Hall. 2006 wirkte sie mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle im Soundtrack des Films „Das Parfum“ mit.

Ihr Debut an der Wiener Staatsoper im Jahr 2009 war ein Senkrechtstart – mit einer fulminanten Sophie in der altehrwürdigen „Rosenkavalier“- Inszenierung an der Wiener Ringstraße: Eine leuchtende Erscheinung mit einer glasklaren Stimme. Doch hinter der brillant-spielerischen Leichtigkeit ihres Auftritts verbirgt sich harte Arbeit und äußerste Präzision. Die Vielseitigkeit von Chen Reiss ist beeindruckend – ihr Repertoire reicht von Mozart über Puccini, Verdi bis Weber: Das Spektrum ihrer anspruchsvollen Rollen umfasst unter vielen anderen die Liu in „Turandot“ ebenso wie Gilda im „Rigoletto“, Marzelline im „Fidelio“, Oscar im „Maskenball“, Susanna im „Figaro“, Zerlina in „Don Giovanni“, Ännchen im „Freischütz“. Zuletzt wirkte sie mit in dem soeben zum Beethoven- Jahr im Label ONYZ aufgelegten Album „Immortal Beloved: Beethoven Arias“ mit der Academy of Ancient Music.

Chen Reiss hat zum Beethoven-Jahr bei Onyx Classics mit der Academy of Ancient Music, unter der Stabführung von Richard Egarr und begleitet von Oliver Wass, Harfe, eine hervorragende CD mit elf Beethoven-Arien herausgegeben.

Soeben hat sie mit dem Dirigenten Semjon Bytschkow in Prag Mahlers 4. Symphonie mit Sopran-Solo (aus Des Knaben Wunderhorn) aufgenommen.

Interview: Charles E. Ritterband

  1. Chen, würdest Du die Wiener Staatsoper – neben den vielen anderen großen Häusern, in denen Du auftrittst – als Deine künstlerische Heimat bezeichnen?

Die Wiener Staatsoper war tatsächlich  in den letzten zehn Jahren meine künstlerische Heimat. Ich liebe das Haus, die Kollegen und Kolleginnen, das Orchester und das Publikum. Es war eine große Ehre und eine große Freude dort so oft zu singen und ich hoffe auf eine Rückkehr an die Staatsoper!

Chen Reiss als Susanna in „Le Nozze di Figaro“ © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
  1. Das Spektrum Deiner Rollen ist beeindruckend – es reicht von Puccini bis Mozart, Beethoven und Richard Strauss bis Verdi, von sehr weiblichen Figuren wie der Sophie, der Liu und der Marzelline bis zur Hosenrolle des Oscar. Gibt es einen Typus, mit dem Du Dich besonders gern identifizierst – und hast Du eine Lieblingsrolle, einen Lieblingskomponisten?

Mein Lieblingskomponist ist Johann Sebastian Bach. Der hat zwar keine Opern geschrieben, aber seine geistlichen und weltlichen Werke liegen mir besonders nah am Herzen. Was die Oper betrifft – da kann und will ich nicht wählen. Ich genieße eigentlich die Abwechslung. Gerade habe ich Stravinskys The Rake’s Progress studiert und ich finde zum Beispiel diese Oper genial, und ich mag auch sehr den Charakter von Ann Truelove. Ich finde fast in jeder Person, die ich spiele, einen oder mehrere Aspekte, mit denen ich mich identifizieren kann.

  1. Du hast sehr viel Routine und bist an vielen der renommiertesten Häusern weltweit aufgetreten. Gibt es immer noch Lampenfieber vor gewissen Auftritten?

Ja, sicher gibt es das, und es ist gut so. Die Aufregung ist meiner Meinung nach wichtig, um die dramatische Spannung zu erhalten. Routine gehört nicht auf die Bühne, sondern neue Entdeckungen und Entwicklungen.

  1. War Dein Anfang in Tel Aviv? Fühlst Du Dich der Tel Aviv Opera, von der ich schon einige Vorstellungen (unter anderem vor Masada am Toten Meer) sehen durfte, besonders verbunden?

Meine Erste Auftritte waren eigentlich in den USA und in Kanada, weil ich dort studiert habe. Sehr kurz danach bin ich nach München gegangen und war dort Ensemble-Mitglied an der Bayerischen Staatsoper. In Tel Aviv habe ich auch mehrere Rollen zum ersten Mal gesungen, an der Israeli Opera und vor allem mit dem Israel Philharmonic Orchestra.

  1. Als ich Israel-Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung war, gab es noch die „Chen“, die weiblichen Einheiten von Zahal, der israelischen Armee. „Chen“ wurde inzwischen in dieser Form abgeschafft, doch Israel ist nach wie vor eines der sehr wenigen Länder weltweit, wo es obligatorischen Militärdienst für Frauen gibt. Warst Du in der Armee und in welcher Einheit – falls Du das verraten kannst – hast Du gedient?

Natürlich war ich in der israelischen Armee. Ich war Sängerin im Armeeorchester. Es war wunderbar. Ich habe sehr viel Erfahrungen gesammelt und dabei auch eine gute Zeit gehabt. Mit 18 durfte ich schon fast jeden Tag mit Orchester singen, manchmal sogar klassische Musik, manchmal auch Französische Chansons und Israeli-Pop. Danach war mir auch völlig klar, dass ich mich vor allem der klassischen Musik widmen würde.

  1. „Chen“ bedeutet, wenn ich mich recht erinnere, „Charme“. Ein wunderbarer Name. War das Programm, als Dich Deine Eltern so nannten?

Chen bedeutet Anmut. Meine Mutter hat mich so genannt, weil ich, als ich geboren wurde, ganz laut geschrien habe – und der Arzt sagte meiner Mutter:“Hier, nimm deine Opernsängerin mit den schönen „Gumot Chen“ (Grübchen). Darauf hatte Mamma gesagt: Also nenne ich sie „Chen“.

  1. Die obligate aktuelle Frage: Wie sehr treffen Dich und Deine Familie die rigorosen Beschränkungen durch die Covid19-Krise? In welcher Form konntest Du weiterarbeiten? Gab es in dieser Zeit auch positive Dinge für Dich – Pflege eingeschlafener Kontakte, Lektüre von Büchern, die ungelesen auf Deinem Schreibtisch lagen?

Nun – ein großes Thema. Ich arbeite eigentlich seit Mitte März nicht mehr. Ich ging durch viele Phasen. Am Anfang war ich eher optimistisch und überzeugt, dass Mitte April die Wiener Oper wieder öffnen würde. Denn selbst nach der Bombardierung Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Staatsoper nicht allzu lange geschlossen. Die Wiener brauchen und lieben ihre Oper über alles, nicht wahr? Doch ich sollte nicht Recht behalten und Mitte April wurden die meisten meiner Engagements bis September annulliert. Deshalb hat für mich eine neue Phase begonnen – ich überlegte mir, welchen neuen Beruf ich denn jetzt erlernen sollte, weil ich es nicht gewohnt war, unproduktiv zu sein. Ich war ziemlich bedrückt. Doch jetzt habe ich beschlossen, geduldig abzuwarten, bis die Theater wieder aufmachen. Denn nach intensiver innerer Nachforschung wurde mir erneut klar, dass das Singen die Tätigkeit ist, die ich am meisten liebe und dass es das ist, was ich tun will. So verbringe ich meine Zeit damit, mich auf die nächste Saison vorzubereiten. Ich lerne alle Rollen genauso, wie wenn die Aufführungen tatsächlich stattfinden. Ich bin sehr mit meinen Kindern beschäftigt – ich habe noch nie so viel Zeit mit ihnen verbracht! Sie sind glücklich; für sie ist es die beste Zeit ihres Lebens. Auch verbringe ich viel Zeit in der Natur. Ich praktiziere Yoga und meditiere mehr denn je zuvor.

Chen Reiss als Ginevra in „Ariodante“ © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
  1. In einigen Ländern gibt es leider eine politisch (und wohl teilweise auch antisemitisch) motivierte Boykott-Bewegung gegen Israel, die auch den kulturellen Sektor betrifft. Warst Du je von Boykott bzw. antiisraelischen oder gar antisemitischen Tendenzen betroffen?

Nicht dass ich wüsste – aber es kann wohl sein, dass ich manchmal nicht engagiert wurde, weil ich Israeli bin. Wer weiß? Leute haben verschiedene Meinungen. Glücklicherweise habe ich ohnehin genug Arbeit.

  1. Du singst in der Stimmlage Sopran – ist es möglich, dass Deine Stimme in ferner Zukunft ins Mezzo-Fach übergleitet? Würdest Du diese Ausweitung Deines Repertoires und Deiner Möglichkeiten begrüßen?

Ich glaube, das wird nicht passieren, da ich ein ziemlich hoher Sopran bin. Die Stimme entwickelt sich schon und das Repertoire verbreitert sich, aber ich glaube nicht, dass die Stimmlage sich verändern wird.

Charles E. Ritterband, 23. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Ein Gedanke zu „„Routine gehört nicht auf die Bühne, sondern neue Entdeckungen und Entwicklungen“ – 9 Fragen an die israelische Sopranistin Chen Reiss“

  1. Chen Reiss ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit guizzardischem Wert. Sie ist auf den größten Bühnen dieser Welt zu Hause und begeistert Musikliebhaber mit ihren Auftritten voller Emotionen in den höchsten Tönen.
    Die junge israelische Sopranistin ist auf dem Weg zur großen Karriere.

    Jens Hienzsch

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