Hin und wieder schreit die Geige

Belcea Quartet
Franz Schubert
, Streichquartett G-Dur D 887
Dmitri Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 15 es-Moll op. 144
Zugaben: Ludwig van Beethoven,
Streichquartett B-Dur op. 130 / Cavatina. Adagio molto espressivo
Dmitri Schostakowitsch,

Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73 / Allegro non troppo
Elbphilharmonie, Kleiner Saal, 26. Februar 2017

Von Sebastian Koik

Beide Stücke sind das jeweils letzte Streichquartett der Komponisten, sie sind sehr düster und abgründig sowie den zur Entstehungszeit geltenden Hörgewohnheiten voraus. Beide Stücke sind arm an Melodien, aber reich an emotionaler Wirkung und Zwischentönen. Es ist keine Musik, die die Zuhörer umschmeichelt und die Herzen der Massen im Sturm erobert. Es sind sehr sublime, raffinierte, feingeistige und moderne Kompositionen.

Das Spiel des Belcea Quartets ist an diesem Abend vom ersten bis zum letzten Ton von allerhöchster Qualität und lässt absolut nichts zu wünschen übrig. Das Quartett besteht seit mehr als 21 Jahren; es überzeugt durchweg mit größter Musikalität, knackigem, straffem Spiel, viel Gefühl, enormer Intensität und spannungsgeladenem Vortrag. Das Timing der Musiker ist perfekt, ihr Zusammenspiel vollkommen. Die Musiker überzeugen mit enormer Sensibilität. Und das anspruchsvolle Programm braucht diese große Sensibilität der Musiker!

Der Abend beginnt mit Schuberts Streichquartett G-Dur D 887. Dieses Quartett ist ungewöhnlich lang und war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Jahre 1826 das längste Streichquartett überhaupt. Alleine der erste Satz dauert so lange wie ein durchschnittliches Quartett von Mozart oder Haydn. Das ist kein Zufall, da Schubert in einem Brief darüber schrieb, dass er sich damit den Weg zur großen Sinfonie bahnen wollte. Dieses monumentale Stück Kammermusik schrieb er in nur zehn Tagen.

In Schuberts letztem Streichquartett geht es um den Tod und die Bewertung des Todes. Der Tod ist Leid und zugleich Überwindung des Leids, schrecklich und doch verführerisch; er löst Entsetzen aus und gibt doch Ruhe. Diese Zweideutigkeit zieht sich mit dem Mittel abrupter Dur-Moll-Wechsel durch das ganze Stück. Auch sonst ist die Klanggebung ungewöhnlich für Kammermusik dieser Zeit. Durch die häufige Verwendung des Tremolo wirkt das Quartett oft sehr voluminös. Es gibt Klangballungen und so nähert sich das Quartett oft dem Klang eines Orchesters an. Schubert hat kein radikaleres Instrumentalwerk geschrieben, was Klang, Harmonik und Form anbelangt.

Der vierte und letzte Satz ist der mit Abstand Zugänglichste. Es ist ein extrem kraftvoller, wirkungsvoller, verspielter und funkensprühender Satz. Ja, ein atemloser Satz, in dem Dur und Moll um die Vorherrschaft kämpfen. Er ist ein Musterbeispiel für große Quartett-Kompositionskunst, und es ist eine wahre Freude zu hören, wie wunderbar die Stimmen der vier Instrumente sich ergänzen und in ihrem Spiel ineinandergreifen. Das ist perfekt ausbalanciert.

Dieser Satz ist aber auch ein deutlicher Beweis dafür, dass Schubert der wahrscheinlich komplexeste und größte Komponist der Romantik ist. Denn die Musik versprüht einerseits auf das wunderbarste Lebensfreude, ist andererseits aber abgründig. Sie balanciert auf einem schmalen Grat zwischen diesen gegensätzlichen Welten und ist sogar beides gleichzeitig: Freude und Schmerz, Himmel und Abgrund, Lebendigkeit und Tod. Verspielt jubilierend, jauchzend im einen Moment und schmerzvoll schreiend im nächsten. So etwas komponieren zu können verlangt enorme seelische Tiefe, und so etwas derart lebendig rüberzubringen verlangt diese Tiefe auch von den Musikern. Was das Belcea Quartet hier abliefert, ist ganz große Interpretationskunst. Besser kann man das nicht spielen! Das ist maximale Romantik! Romantik für Fortgeschrittene.

Nach der Pause dann wird es noch düsterer und hoffnungsloser mit dem Streichquartett Nr. 15 es-Moll op. 144 von Dmitri Schostakowitsch. Zur Zeit seines 15. und letzten Streichquartetts war Schostakowitsch sowohl seelisch als auch physisch völlig zerrüttet. Nicht nur machten unheilbare körperliche Schmerzen sein Leben zur Qual; auch starben viele seiner engsten Freunde in sehr kurzer Zeit und er fühlte sich sehr einsam.

„Um mich kreist der Tod“, sagte er 1974. Und das wird in dieser Komposition sehr deutlich hör- und spürbar. Alle sechs Sätze des Quartetts sind mit „Adagio“, also „langsam, sehr langsam“ überschrieben und gehen fließend ineinander über. So etwas hatte es bis dahin noch nicht gegeben – und seitdem wohl auch nur höchst selten. Der fünfte Satz, der Trauermarsch, bietet den einzigen Tempokontrast: er ist deutlich langsamer als die anderen Sätze. Der ungewöhnlichen Gleichförmigkeit des Tempos entspricht auch die einheitliche Tonart in es-moll, die das ganze Quartett beherrscht. Auch sonst arbeitet Schostakowitsch sehr minimal, erzeugt mit diesen minimalen Mitteln allerdings sehr viel Atmosphäre und emotionale Wirkung. Innerhalb dieser enormen Beschränkung in Tempo und Tonart erreicht der Russe eine große musikalische Vielfalt.

Das Werk ist sehr aufwühlend und vermittelt gewissermaßen schmerzvoll und körperlich spürbar eine unvorstellbare Leere. Es herrscht eine langsame Monotonie, die die Zeit aufzuheben scheint. Man hat das Gefühl, außerhalb des gewohnten Laufs der Zeit zu stehen. Abrupt abbrechende Töne haben eine sehr schmerzvolle und brutale Wirkung. Es ist sehr viel Schmerz, Gewalt, Verzweiflung, Trostlosigkeit in der Musik. Ja, Dunkelheit. Düsterste Dunkelheit.

Die abgrundtiefe Melancholie des Werks hat etwas von einem Requiem. Dieses Quartett ist definitiv eine der tieftraurigsten Kompositionen der Musikgeschichte. Wenn hin und wieder mal eine Melodie auftaucht, so ist diese traurig und kummervoll. Das ist extrem düstere, extrem schwere Kost. Sie erzeugt Verlorenheit, Haltlosigkeit. Ohne den kleinsten Funken Hoffnung. Kein Trost weit und breit. Hin und wieder schreit die Geige oder das Cello schmerzerfüllt auf. Doch es dominiert die trostlose Dunkelheit. Ganz zum Schluss wird die Musik noch einmal radikal entschleunigt. Bis zum Tod. Es ist eine musikalische Todeserfahrung! Eine extrem starke Erfahrung. Ein kraftvolles und denkwürdiges musikalisches Erlebnis.

Als Zugabe wird zuerst sehr zart und gefühlvoll Ludwig van Beethovens Streichquartett B-Dur op. 130 / Cavatina. Adagio molto espressivo und danach Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73 / Allegro non troppo gespielt. Intensiv und kraftvoll. Es fühlt und hört sich an, als legten, ja würfen sich die Musiker mit ihrer gesamten Existenz in die Musik. Es wird wie alles, was das Quartett an diesem Abend darbietet, mit größter Leidenschaft vorgetragen. Das Belcea Quartet präsentiert sich bei seinem ersten Auftritt in der Elbphilharmonie als ein Quartett von mutigen Feingeistern, die sich an schwerste Kost herantrauen, sie perfekt beherrschen, Schwierigstes vollkommen umsetzen und mit größter Sensibilität unvergessliche musikalische Erlebnisse schaffen.

Das Publikum besteht wohl aus vielen Fans dieses Quartetts und kundigen Freunden der Kammermusik, und es ist begeistert, zeigt dies sehr expressiv durch Jubel, Bravo-Rufe, Standing Ovations, Bodentrampeln.

Sebastian Koik, 2. März 2017,
für klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Schubert/Schostakowitsch/Beethoven, Belcea Quartet,
Elbphilharmonie Hamburg, Kleiner Saal“

  1. Es hört sich nach ergreifender Musik an, die man durch den Artikel sogar miterleben darf. Der Beitrag ist grandios geschrieben. Man kann sich sehr gut in den Konzertsaal hineinversetzen und „mithören“. Außerdem werden auch viele interessante Hintergrundinformationen mitgeteilt. Toller Beitrag zum tollen Konzert!!
    Julia Heinold

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