Schweitzers Klassikwelt 11: „Musik im Studio“ – Das ORF Landesstudio Tirol

Schweitzers Klassikwelt 11: „Musik im Studio“ – ORF Landesstudio Tirol

Foto: ORF Landesstudio Tirol am Rennweg © Lothar Schweitzer

von Lothar Schweitzer

Wenn Sie vom Congress Innsbruck, in dessen warm holzgetäfeltem, akustisch idealem Großen Saal ich viele schöne Konzerte erlebte, den Rennweg hinauf gehen, rechter Hand am Hofgarten vorbei, kommen Sie zu einem auffallenden Gebäude, das sofort als ein ORF Landesstudio erkennbar ist. Der Architekt Gustav Peichl hatte für alle Landesstudios ein Grundmuster geschaffen. Wie bei den Domen der Gotik mit ihren gehäuften Wanddurchbrüchen für Glasfenster und der damit verbundenen Notwendigkeit von äußeren Stützpfeilern handelt es sich um technische Zweckbauten, die nichtsdestotrotz eine technisch bedingte Ästhetik ausstrahlen. Damals galt das Landesstudio als einer der modernsten Bauten der Alpenstadt. Innsbruck war noch nicht die Stadt Zaha Hadids mit der von ihr geschaffenen, auf die Häuser der Stadt herunter schauenden Berg-Isel-Schanze und der zur „Metro“ ausgebauten Hungerburgbahn mit ihren Gletscherspalten ähnlichen Stationen.

Hungerburgbahn Station Congress, Architektur Zaha Hadid © Lothar Schweitzer

Jedes dieser ORF-Gebäude besitzt ein Publikumsstudio mit Podium und einer Dachterrasse. Von 1979 bis 1985 war ich im ORF Landesstudio Tirol häufiger Gast der von Dr. Othmar Costa, dem Leiter der E-Musik, gegründeten Konzertreihe „Musik im Studio“. Auf den Einladungen schrieb seine Sekretärin Frau Monika Vogl im Laufe der Zeit: „Sie brauchen sich nicht um Zählkarten zu kümmern, Sie gelten als stets willkommener Stammgast mit der weitesten Anreise.“

Mein erstes Konzerterlebnis am 7. November 1979 galt Arnold Schönberg und Robert Nessler. Die „Verklärte Nacht“ in der originalen Sextett-Fassung für je zwei Violinen, Violen und Violoncelli gefällt mir besser als die späteren Fassungen für Streichorchester. Nicht als Lied wird hier ein Gedicht von Richard Dehmel aus „Weib und Welt“ zur Stimmung gebracht. Es würde den Rahmen sprengen, alle Verse mit den Trostworten des Mannes zu bringen, als er von der Frau bei einem nächtlichen Spaziergang erfährt, dass sie ein Kind von einem andren Mann in sich trägt.

Im Sextett spielten Musiker, die teilweise als Solisten bzw. Komponisten tätig waren oder aus einer populären Volksmusikgruppe (Engel-Familie) hervorgegangen sind. Letzteres ein Beispiel wie sich Künstler emanzipieren, ähnlich Bildhauern im Grödnertal, die sich vom Kunsthandwerk absetzen wollten.

ORF-Logo

Die Konzerte im Funkhaus begannen manchmal mit einer Komposition der Zweiten Wiener Schule, um dann einen zeitgenössischen Komponisten, der durch Schönberg, Webern oder Berg beeinflusst ist, vorzustellen. An dem Abend war es der Innsbrucker Robert Nessler. Am Anfang standen „Dialoge für Flöte und Klavier“ (1962). Seine „Motionen für sieben Instrumente“ wurden 1964 von der Rezeption noch als „schmerzhaft und irritierend“ empfunden. Herz- und Mittelstück waren „Les poissons magiques – Vier Studien für Flöte und Violoncello nach dem Bild von Paul Klee“, nach eigener Angabe eines der Lieblingsstücke des Komponisten, entstanden 1968.

Ein anwesender Komponist machte die Bemerkung, dass man es in seiner Kunst schwerer hätte. Ein Bild kann ich mir in einem Museum noch einmal prüfend anschauen. Ein Buch noch einmal zur Hand nehmen und wenigstens ausschnittweise nachlesen. Ein Musikstück ist verklungen und es muss wieder ein Orchester und ein Saal gefunden werden.

An einem anderen Abend, die Konzerte begannen erst um 20 Uhr, wurden nach der Symphonie op. 21 von Anton von Webern nur Uraufführungen Tiroler zeitgenössischer Künstler vorgestellt. Eine Sinfonietta von Erich Urbanner, zwei Klavierstücke von Peter Suitner. Von Günther Andergassen sang Doris Linser, der Octavian und die Mélisande des Tiroler Landestheaters, drei Lieder auf schwer verständliche Gedichte von Paul Celan.

Textprobe „Fadensonnen“:

Fadensonnen über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.

Von dem ehemaligen Südtiroler Guerilla Andergassen sind hauptsächlich Vokalwerke geschaffen worden, die versuchen, Kantabilität mit Zwölftontechnik zu vereinen. An einem anderen Abend lernte ich seine vierzehn Lieder nach japanischen Haiku-Gedichten für Sopran und Harfe kennen. Die gebundene Form dieser für mich neuen Lyrik besteht in drei Zeilen zu fünf, sieben und wieder fünf Silben.

Ebenso machte ich im ORF Landesstudio Tirol meine erste Bekanntschaft mit Ernst Kreneks Liederzyklus „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“. Hier werden keine Gedichte vertont, sondern ein Tagebuch mit Beschreibungen und beschaulichen Gedanken wird zu zwanzig Liedern geformt. Michael Ingham wurde von Carolyn Horn am Klavier begleitet. Sie beide sind ein eingespieltes Team. Der Bariton ist Krenek-Spezialist. Der Komponist hat für ihn „The Dissembler“, einen Monolog für Bariton und Kammerorchester geschrieben. Enttäuschend sein Vortrag. Es steht, das „Reisebuch“ sei für „mittlere Stimme“ vertont. Ingham hatte beträchtliche, störende Höhenprobleme. Genossen habe ich Jahre später den Liederzyklus mit dem Charaktertenor Heinz Zednik. Ob oder welche Transkriptionen gemacht wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Verachtet mir die Stadt- und Landestheater nicht, und ehrt mir ihre Kunst (5): Bühne Baden – Opern, Musicals

Von den insgesamt zwölf Konzerten, die ich im ORF besucht habe, möchte ich noch zum Abschluss das „Große Konzert Tiroler Solisten“ hervorheben. Kompositionen für Klavier, Cembalo, Gitarre, Flöte, Klarinette und Bläserquintett waren zu hören. Die Namen der Komponisten Brahms, Schubert, de Falla, Debussy, Ravel, Bernstein waren auf dem Programm zu lesen. Daneben mir völlig Unbekannte: der kubanische Gitarrenkomponist Leo Brouwer, der Brite Richard Rodney Bennett, der Rumäne Nicolae Chilf und der Komponist der Spätrenaissance Claudio Merulo.

Kommen und Gehen war jederzeit möglich. Es gab einen Stundenplan. Für mich wurde es um 17 Uhr besonders interessant. Da waren Ravel und Debussy angesagt und dann zwischen geschätzt ¾ 6 nach Wiener Uhrzeitrechnung und 18:15 spielte Margit Stadler am Klavier Olivier Messiaens „Cloches d’angoisse et larmes d’adieu. Übersetzt: „Angstglocken (die am Gründonnerstag zum Gedenken an den Ölberg läuten) und Tränen des Abschieds“.

Seit ich den Liederzyklus „Poèmes pour Mi“ gehört habe, zieht mich Messiaen an, obwohl ich kein Farbhörer bin und ich bei seiner zu Pfingsten in der Wiener Schottenkirche erlebten „Messe de la Pentecôte“ Schwierigkeiten hatte, seine Tonschöpfung in die Eucharistiefeier einordnen zu können. Es sind in seinen Kompositionen sehr subjektive, schwer anderen vermittelbare Empfindungen vertont.

Anfang der vergangenen Neunzigerjahre schenkte mir eine Wahltante auf CD Bruckners „Siebente“. Nach wiederholtem Anhören änderte sich allmählich mein Verhältnis zu den musikalischen Werken serieller Natur, die ich in den sechs Jahren im Landesstudio Tirol begeistert aufgenommen hatte. Die musikalischen Erinnerungen verblassten mehr und mehr. Wenn ich mir heute im Ordner die Programmseiten durchlese, sind viele der aufgelisteten Musikstücke zum bloß literarischen Erinnerungsgut ohne Nachklang geworden.

Giuseppe Sinopoli, Venezia, November 1979 © Marcel Fugère

Da fällt mir Giuseppe Sinopoli und sein allmählicher Abschied von der Neuen Musik ein. Ulrike Kienzle beschreibt in ihrer Sinopoli-Biografie anhand seiner Klaviersonate: „Spezielle Pedalwirkungen sorgen für das lange Nachschwingen mancher Töne (…) Wie durch Zauberei entstehen (…) Fragmente der Erinnerung an tonale Musik.“ Und an andrer Stelle: „Ihn schmerzt, dass die Symbole nicht mehr unmittelbar verstanden werden. Ein Kreis ist nur mehr ein Kreis, bedeutet nicht mehr Vollkommenheit, Himmel, Ordnung, der Berg nicht mehr Seelenaufstieg.“

Lothar Schweitzer, 18. August 2020, für
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Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Lothar und Sylvia Schweitzer

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