Moses vor dem nicht verbrennenden Dornbusch, Janusz Grabianski in „Bibelgeschichten“ erzählt von Gertrud Fussenegger, Verlag Ueberreuter
Der Begriff Offenbarung bedeutet eine Erfahrung von bisher Unbekanntem, welche einen großen Eindruck hervorruft. Man ist da oft in Erklärungsnotstand.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Als Kind soll ich bei Opernübertragungen im Radio verständnislos bemerkt haben. „Da versteht man ja nichts.“ Es war die Weihnachtszeit und sie spielten im Radio Franz Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“. Ich drehte den Apparat nicht ab, sondern bangte in Unkenntnis dieser neutestamentlichen Vision eines Verfassers mit Namen Johannes, dass dieses beeindruckende Stück nicht zu früh zu Ende kommt.

Doch dieses Erlebnis entbehrte vorerst der Nachhaltigkeit.
Eine Offenbarung kann der Zauber einer Stimme sein. So erlebt bei Gundula Janowitz, die mir das erste Mal als Erste Dame auffiel und mich bald darauf als Helena in Brittens „Ein Sommernachtstraum“ begeisterte, ehe sie später zur vorbildlichen Fiordiligi und Ariadne avancierte.

Mit der für die Jugend typischen Entschiedenheit sah ich in Richard Wagner und in Richard Strauss den Höhe- und Endpunkt des musikalisch Erreichbaren. Bis am Premierenabend des 6. Januars 1962 die Erstbegegnung von Debussys „Pelléas et Mélisande“ stattfand. Leidenschaft ist bei Debussy so ganz anders. Die Stille, das Nichtausgesprochene, dazwischen das kurze Aufbäumen in der Musik. Noch nicht so Erlebtes.
Es war auf der Rückfahrt vom Wienerwald an einem schönen Sommerabend. An der Stadtgrenze begann im Radio eine Folge der Serie „Schlager für Fortgeschrittene“. Gerhard Bronner, Kabarettist und Komponist, stellte diesmal Leonard Bernsteins „Mass“ vor, „ein Theaterstück für Sänger, Musiker und Tänzer“. Seine Präsentation wollte ich nicht unterbrochen haben und durch eiliges Stiegensteigen und das Suchen der richtigen Wellenlänge im Radioapparat einen Teil der Sendung versäumen. So fuhr ich nicht direkt nach Hause, sondern damals noch ohne Rücksicht auf die Umwelt in großem Bogen durch Industrie- und Nobelviertel Wiens.
Das Werk basiert auf der lateinischen Messliturgie der katholischen Kirche erweitert durch Tropen. Der Ausdruck stammt aus dem altgriechischen Tropos, was Wendung bedeutet, und meint die Ergänzung der Vorlage mit Einwürfen. Wir übersehen, dass die christlichen Zusammenkünfte erst im Laufe der Jahrhunderte immer mehr ritualisiert wurden. Antiken Stenogrammen von Predigten des Kirchenvaters Augustinus kann man entnehmen, dass Gegenrufe während seiner Ansprachen durchaus üblich gewesen sein müssen. Das im Neuen Testament erwähnte „maranatha“ (Komm endlich, Herr!) wird in den frühchristlichen Gottesdiensten oft ungestümen und verzweifelten Charakter angenommen haben.
So möchte ein Rocksänger bei der Aufforderung zum Schuldbekenntnis beichten, aber er kann nicht. „Ich weiß nicht, warum ich jedes Mal, wenn ich eine neue Liebe finde, Schluss mache.“ Ein Blues Sänger nimmt alles auf die leichte Schulter. Eine Blues Sängerin kommt zum Resümee: „Kommt Liebe, kommt Lust, es ist so leicht, wenn du dir keine Sorgen machst.“
Im froh klingenden Gloria kommt als Trope (Einwand) von einem Sopran-Solo gesungen: „Es waren einmal Tage, so schön, und Nächte, als jeder Grillenruf angenehm schien, und ich sang Gloria. Und nun ist alles so fremd.“ Das Credo kommt vom Chor. Dem wird von Solisten und Gruppen ein Anti-Credo entgegengesetzt mit dem Refrain: „Vielleicht ja, wahrscheinlich nein.“ Während des „Agnus Dei“ bricht dann die Katastrophe herein. Die Bitte um Frieden wird zur aggressiven Forderung. Allein der akustische Eindruck lässt keinen Zweifel. Jetzt ist Krieg! Ein Schock beendet abrupt den Tumult. Der Zelebrant resigniert, springt auf den Altar, tanzt wie ein Irrer und gesteht letztendlich in einem Monolog sein Versagen gegenüber der Gemeinde.
Alle Mitwirkenden sind jetzt im wahrsten Sinn des Worts am Boden zerstört, bis ein Knabe sich erhebt und den Lobeshymnus vom Anfang der Messe neu zu singen beginnt. De profundis erhält der Knabe zuerst Antwort vom Bass-Solo, dann setzen Sopran- und Tenorsolo ein. Es beginnt ein allmähliches Auf(er)stehen. Das Unerwartete, das die Krise Bewältigende ist eingetroffen. Althergebracht und förmlich klingt es zum Schluss aus dem Lautsprecher: „Die Messe ist zu Ende. Gehet hin in Frieden.“ Dabei hatte es sich um ein einzigartiges Erlebnis gehandelt.

In jungen Jahren war „Mass“ für mich ein Kultstück. Ich konnte später auch meine Frau Sylvia für „Mass“ gewinnen und wir sahen gemeinsam eine Produktion im Semper Depot und eine im Wiener Konzerthaus, bei der ich mich wehmütig an die dortige europäische Erstaufführung im Frühjahr 1973 erinnerte, die internationales Medieninteresse weckte. Der Große Konzerthaussaal lässt auch szenische Produktionen zu.

Die Aufführung im Herbst 2018 war konzertant und die Choreografie wurde durch das Klatschen des Chors ersetzt. Im Zeitraum von eineinhalb Generationen hat sich viel geändert. Es war in den Siebzigerjahren die Zeit der studentischen Jugendbewegungen, denen theologische Universitätsprofessoren etwas Prophetisches bestätigten. Ausführende wurden von der Yale University, New Haven, im Bundestaat Connecticut, beigezogen. Schade, dass meine Frau eine akademisch trockene Publikumsaufnahme und nicht die knisternde Spannung der Aufführung der frühen Siebzigerjahre erlebte.
Nach der oben erzählten nächtlichen Fahrt durch Wien, besorgte ich mir am nächsten Tag das Album und lud Freunde ein, um ihnen Bernsteins Meisterwerk, das ich als sein bestes halte, vorzustellen. Einmal gestaltete ich im Familienkreis mit „Mass“ feierlich den Heiligen Abend.
Lothar und Sylvia Schweitzer, 23. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Schweitzers Klassikwelt 151: Haben Sie genügend Humor? klassik-begeistert.de, 25. November 2025