Schweitzers Klassikwelt 16: Ljubomir Pantscheff, Teil 1 – ein aufregendes Sängerleben, von vielen Sternen am Opernhimmel überdeckt

Schweitzers Klassikwelt 16, Ljubomir Pantscheff, Teil 1  Wiener Staatsoper

von Lothar Schweitzer

In „Schweitzers Klassikwelt“ beginnt heute eine Serie mit Buchrezensionen über Biografien. Ich habe bewusst für den ersten Artikel die Lebensgeschichte des für die meisten LeserInnen  unbekannten Bassisten  Ljubomir Pantscheff ausgewählt. Seine Sängerlaufbahn ist  abwechslungsreicher als die mancher bekannterer Kollegen. Deshalb nehme ich dieses Buch immer wieder gern zur Hand. Wir erleben sehr anschaulich mit, welche Bedeutung die Wahl des richtigen Gesangspädagogen hat, wie Lebensentscheidungen an dem sprichwörtlichen seidenen Faden hängen. Wir lernen das  Wiener Opernleben während der schwierigen Zeit im Zweiten Weltkrieg und die Pionierzeit danach kennen. Einiges liest sich fast als Thriller, so der tragische Tod seines Vaters, und ich sehe in seiner Freundschaft mit einem weltberühmten Sänger Anklänge an das klassische Doppelgänger-Motiv.

Einleitung

Wenn eine Buchbesprechung den Zweck hat für das Buch zu werben, darf im Vorhinein nicht zu viel daraus erzählt werden, um dem Leser die Spannung zu erhalten. Anders verhält es sich, wenn ein Werk schon vergriffen ist. Bei dieser Biografie liegt der zweite Fall vor. Der Band besitzt daher bereits Seltenheitswert.  Die Auflage ist im Auftrag der Freunde der Wiener Staatsoper im Jahr 1992 entstanden, im Verlagshaus Musika in Sofia. Die Autorin Iwetta Milewa ist gleichzeitig die Übersetzerin. Von der handwerklichen Seite her ist der Band nicht sehr präzise gebunden. Die Kaschierung mit leichten Falten wirkt fast laienhaft. Jeder Verfasser weiß ein Lied davon zu singen, dass sich Flüchtigkeitsfehler einfach nicht vermeiden lassen. Deswegen ist die 2. Auflage so gefürchtet, weil man da oft peinliche Fehler entdeckt. Aber so viele Schreibfehler stellen dem Korrektor kein gutes Zeugnis aus. Das Fotomaterial ist teilweise unscharf.

Im Titel „Hier, jeden Abend …“ wird Sparafucile zitiert, der dem Hofnarren Rigoletto zu verstehen gibt, dass er nicht zu verfehlen ist. Ljubomir Pantscheff als Darsteller vieler Kleinrollen hatte als Ensemblemitglied dem Buch zufolge etwa jeden zweiten Abend Dienst. Stichprobenhaft im Staatsopernarchiv nachgezählt:  Im Jahr 1958 157 Abende, 1960 129 Abende, 1962 127 Abende.

Eigene Erfahrungen mit Ljubomir Pantscheff in der Wiener Staatsoper  

Seit 1958 begeisterter Gast des zweiten Wahrzeichens von Wien muss ich eingestehen, dass mir Ljubomir Pantscheff vor allem durch seinen markanten, bulgarischen Namen auffiel, der gleichsam symbolisch für die Stimmlage Bass steht. Man kann mir nicht nachsagen, dass ich Kleinpartien leicht überhöre. So fiel mir Marjorie Vance als Erdbeerverkäuferin in der Porgy-and-Bess-Company an der Wiener Volksoper bereits auf, bevor sie an die Wiener Staatsoper avancierte, und Heinz Zedniks Laufbahn verfolgte ich vom Zweiten Juden bis zum Herodes, vom Scaramuccio über Brighella zum Tanzmeister. Pantscheff blieb mir 1962 in „A Midsummer Night´s Dream“ als Snug mit seinem lang zu haltenden tiefen F im Ohr. Berühmt als Zweiter Gefangener im „Fidelio“ muss er seine Schicksalsgefährten und vor allem einen unter ihnen beispielgebend leise und sich zurückhaltend mahnen, wenn dieser – ebenso unvergesslich als Erster Gefangener Erich Majkut – mit strahlenden  eingestrichenen E´s von der Freiheit schwärmt.

An Partien mit nur wenigen Sätzen feilte er intensiv im Bewusstsein, dass für die kleine Chance nur ganz kurze Zeit verbleibt. Warum trotz von Iwetta Milewa gut dokumentierter hymnischer Kritiken Pantscheff für viele interessante mittlere Rollen nicht herangezogen wurde, dafür werde ich im Laufe der Rezension versuchen eine Antwort zu finden. So sang er an der Wiener Staatsoper in „Salome“ den Zweiten Soldaten, aber nie den Ersten Nazarener. Im „Rosenkavalier“ die Charakterstudie des asthmatischen Notars, doch nicht den stimmlich auftrumpfenden Polizeikommissär, in der „Ariadne“ 64mal den Lakai im Vorspiel und nur achtmal den Truffaldin.

Familiengeschichte

Ljubomir Pantscheff ist 1913 geboren, also knapp vor dem Ersten Weltkrieg, in dem Bulgarien auf der Seite der Mittelmächte stand. Seine Eltern müssen noch die Abhängigkeit vom Osmanischen Reich erlebt haben, seine Vorfahren lebten lange Zeit als Flüchtlinge in Russland. Es ist bedauerlich, dass die Autorin in dem schmalen Buch mit seinen 147 Seiten nicht genauer den geschichtlichen Hintergrund skizziert hat. Es muss in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine große Korruption das Land beherrscht haben. Der Vater Christo Pantscheff, ein Diplomfinanzwissenschafter, war Vizedirektor des bulgarischen Zollamts und wurde Opfer eines politischen Mordes. Die Gattin des Ministerpräsidenten verlangte, dass ein aus Paris kommender Eisenbahnwaggon bei der Zollkontrolle verschlossen bleibe, da sie ihren Kleidereinkauf nicht durchstöbern lassen wolle. Pantscheff lehnte ab. Unverhohlen drohte die Politikergattin: „Die Köpfe von vielen hartnäckigen Leuten rollen heutzutage in den Kanal – auch Ihrer wird dort landen.“ Es handelte sich in Wirklichkeit um eine Waffenlieferung für den mazedonischen Freiheitskampf.

Mit neun Jahren Halbwaise waren Ljubo mit seinem älteren Bruder Boris bestrebt der Mutter in den Schwierigkeiten des täglichen Lebens den Vater zu ersetzen. Die Mutter Olga Pantschewa hatte in Dresden Pädagogik studiert und war inzwischen stellvertretende Direktorin einer Hauptschule. Der Wiener Heinrich Sochor wurde zwei Jahre später, Ljubo war inzwischen elf Jahre, sein fürsorglicher Stiefvater, der als Untermieter mit den Sorgen und Nöten seiner Mutter vertraut geworden war. So entstand auch eine später nützliche Verbindung nach Wien.

Ljubomir Pantscheff, 1939 in Sofia © Pantscheff-Archiv, Wien

Sein leiblicher Vater war unnahbar, was der Sohn als Beispiel nahm anders zu werden. Hier liegen die Wurzeln seiner allseits bekannten kollegialen Hilfsbereitschaft. Als Cineast nahm Christo Pantscheff seine Söhne von einer Kinovorführung zur nächsten mit. Das waren damals noch Stummfilme mit Klavieruntermalung und einmal sogar zusätzlich von zwei Bässen begleitet, vielleicht eine erste Grundlegung sowohl für seine spätere  berufliche Entwicklung als auch  für seine Leidenschaft als Hobbyfilmer. Wie oft in Biografien zu lesen gewinnt eine Tante oder ein Onkel großen Einfluss. In dem Fall Dimiter Pantscheff. „Onkel Mitjo“, Schriftsteller, Maler und Regisseur war der Bohemien der Familie.

Die Weichen zur Sängerlaufbahn werden gestellt

Ein Thema, das irgendwann bei Interviews kommen muss, ist die Frage nach dem Beweggrund Sänger(in) zu werden. Es war bei Ljubo nicht die Faszination der Oper, sondern das Kennenlernen seiner eigenen Stimme. Es begann die schicksalhafte Suche nach einem geeigneten Lehrer. Ljubo war achtzehn Jahre als er im Februar 1932 den um nur acht Jahre älteren  Georgi Zlatew-Tscherkin, bis vor drei Jahren in Wien Schüler des Vokalpädagogen Prof. Theo Lierhammer, traf. Zlatew hatte auch privat Komposition bei Richard Strauss und Joseph Marx studiert. Sein Schaffen war durch Natürlichkeit des Ausdrucks gekennzeichnet, was sich auch in seiner Lehrtätigkeit bemerkbar machte. Er war Idealist, der begabte Schüler aus ärmeren Häusern fast umsonst unterrichtete.

Zlatew sollte seinem früheren Lehrer Prof. Lierhammer seine SchülerInnen in Wien vorstellen. Als Probegalopp wurde vorher ein Konzert in Sofia organisiert. Ljubos Mutter hatte die gute Idee, nicht Freunde und Verwandte zu dem Konzert einzuladen, sondern Onkel Mitjo sollte Experten mitbringen. Zum Schreck erkannte Ljubo  zu beiden Seiten seines Onkels sitzend  zwei arrivierte Opernsänger, die aber kein Programm kaufen durften und denen verboten wurde das Ankündigungsplakat zu lesen. Auf diese Weise unbeeinflusst teilten sie dem Onkel mit, der Bass sei der mit Abstand Beste des Abends gewesen.

Ljubo konnte also guten Gewissens sein Gesangsstudium fortsetzen. Die Frage war nur, sollte er an die Musikakademie wechseln. Aber die Konzerte der Musikakademie kamen in der Kulturpresse nicht gut an. Sie wurden als Amateurmusikantentum und Tanzveranstaltungen ähnlich abgekanzelt. Die sogenannten „Professoren“ wurden verdächtigt, nicht selbst Akademien absolviert zu haben. Hingegen wurde das erste und später das zweite Konzert der Schüler Georgi Zlatews gelobt. Der Lehrer verzichte auf Opern-Akrobatik, entfalte die individuelle Anlage der Stimme und wolle keine Nachahmer fördern. Zlatew schult die Stimme auf neue Weise, nicht am gewohnten Belcanto ausgerichtet. Das Singen werde neu verstanden und „lässt Schönheit nicht zum Überfluss werden“. Der musikalische Ausdruck sei „befreit von theatralischem Pathos … und unnötiger Spannung“.

Georgi Zlatew mit seinem Schüler Ljubomir Pantscheff als Philipp II.  ©  Pantscheff-Archiv, Wien

Im Vorraum von Zlatews Wohnung begegnete Ljubo einmal nach seiner Gesangsstunde einem Mädchen mit strahlenden Augen, das ihm gerade heraus sagte: „Ich habe mich in Ihre Stimme verliebt.“ Mit dieser Ljuba Dimitrowa-Welitschkowa, später berühmt als Ljuba Welitsch, verbrachte er die Nacht auf dem Deck des Donauschiffs, das die „Georgi Zlatew-Gruppe“ nach Wien brachte. Ljuba bat Ljubo um etwas Platz unter seiner Decke und fügte neckisch hinzu: „Dass du mir nur nicht aufdringlich wirst!“ Seine Antwort „Ganz bestimmt nicht.“ ärgerte sie wiederum. Es war eine Freundschaft, die jedoch nie mehr wurde. Den beiden  prophezeite Lierhammer große Karrieren.

Die Zlatew-Gruppe verbrachte die Abende ihres ersten Wiener Aufenthalts auf  den Parkettstehplätzen der Wiener Staatsoper. Vom Chor war unser späterer Solist des Hauses – die mächtigen bulgarischen Stimmen gewöhnt –  anfangs etwas enttäuscht, bis er später den geschmeidigen Klang des Chors schätzen lernte.

Lothar Schweitzer, 27. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

Schweitzers Klassikwelt 17: Das Leben des Sängers Ljubomir Pantscheff, Teil 2 Wiener Staatsoper

Ljubomir Pantscheff, der Mensch Wiener Staatsoper

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Lothar und Sylvia Schweitzer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert