Schweitzers Klassikwelt 71: Musik für Kinder klingt heute anders als in unsrer Kindheit  

Schweitzers Klassikwelt 71: Musik für Kinder klingt heute anders als in unsrer Kindheit  Klassik-begeistert.de, 20. September 2022

Foto: 23. April 2016 

Als wir (noch) nicht „Merker“ und „Blogger“ waren. Erinnerungen an schöne musikalische Erlebnisse

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Zum ersten Mal waren wir im Studio Walfischgasse. Etwas beengt ist es schon im Pausenraum und durch die niedrige Decke im Saal die Akustik nicht ideal.

Bis zum Tag der Aufführung wurden wir in Spannung gehalten, ob das Pünktchen Maria Nazarova singen wird. Erleichtert lasen wir dann ihren Namen im Aushang. Spielfreudig, mit gut geführter Stimme und in tadellosem Deutsch war sie ein reizendes Pünktchen. Überhaupt war die Besetzung ausgewogener und weniger durchwachsen als so manche Aufführung im großen Haus.

Ilseyar Khayrullova sang den Anton und war ein ebenbürtiger Freund. Natürlich muss sich die Stimme zu einem Octavian erst langsam entwickeln. Hyuna Ko protzte mit ihren dramatischen Stimmmitteln als Frau Pogge. In der Oper ist sie nicht so unsympathisch gezeichnet wie in Kästners Roman. Antons leidende Mutter wird von Zoryana Kushpler rührend gestaltet. Sie legt die Rolle in Bescheidenheit an, ohne auftrumpfen zu wollen. Das macht Wirkung!

Die „Seitenblicke-Dame“, die von uns stimmlich geschätzte Lydia Rathkolb versteht das Kindermädchen Fräulein Andacht zu gestalten und der Figur Leben einzuhauchen. Ihren „Benützer“ Robert den Teufel sang an diesem Vormittag der Chorist und Solist Wolfram Igor Derntl, uns als Spoletta in guter Erinnerung, und machte großen Eindruck mit seiner Arie (Chanson) über Dienstmädchen. Ich könnte mir bei ihm eine Crossover-Karriere mit Einbindung der sogenannten U-Musik vorstellen. Unser verdienter Sciarrone Il Hong springt aus der ausgezeichneten  Illustration von Walter Trier als lebendig dargestellte Figur des Gottfried Klepperbein fast sympathisch heraus. Carole Wilson ist mit auffallendem Akzent in der Buffa-Rolle der dicken Berta gut aufgehoben. Auch der drollige Polizist in Person des Christoph Nechvatal erhält seine Lacher. Der/die Passant/in in beliebter Mode als Transvestit fehlt auf dem Besetzungszettel. Marcus Pelz singt, schreit den Spazierstockfabrikanten Pogge.

Unter „Ausstattung“ firmiert Walter Schütze, der im bei den Wienern beliebten Theater Chemnitz eine Aida ausstattete. Walter Triers skizzenhafte Zeichnungen der Figuren erhalten jetzt noch mehr Farbe und Körperlichkeit und charakterisieren die Personen bestens. Nostalgische Erinnerungen an Berlin können nicht wach werden, da der Handlungsort nach Wien verlegt wird und man zum Beispiel die Opernpassage erkennt. Der Regisseur Matthias von Stegmann vermeidet zu starke sozialkritische Akzente und Moralisierungen.

Das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Witolf  Werner (2011/12 von der Kritikerumfrage der „Welt am Sonntag“ zum Dirigenten des Jahres gekürt) spielt im wörtlichen und örtlichen Sinn Hintergrundmusik.

Eine schöne Opernmatinee, die wir zu den Highlights der Saison einordnen können.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 20. September 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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