Staatsoper Stuttgart: Das Auge kann sich nicht satt sehen – die Bühne quirlt, leuchtet, brennt

Sergej Prokofjew, Die Liebe zu drei Orangen,  Staatsoper Stuttgart, 9. April 2019

Foto: © Matthias Baus
Staatsoper Stuttgart, 9. April 2019
Sergej Prokofjew, Die Liebe zu drei Orangen

von Maria Steinhilber

„Vorhang auf!“. Es erscheint ein Herold, der nach einem Fanfarenstoß auf seiner Bassposaune verkündet, dass König Treff verzweifelt sei über seinen einzigen Sohn, den Erbprinzen, der an einer unheilbaren Krankheit, der Hypochondrie, langsam zu Tode sieche. Die Ärzte zählen die langen Leiden des Prinzen auf; Diagnose = unheilbare Hypochondrie. Rezept = Lachtherapie?

Leander will dem Prinzen tragische Prosa und martialische Gedichte zur Nahrung geben, um eines Tages an hypochondrischem Alpdruck zu sterben. Der Prinz ächzt, stöhnt, hustet und spuckt. Vor versammeltem Hof beginnt das Fest mit einem Tanz der Mißgeburten. Die Hofgesellschaft applaudiert. Der Prinz will flüchten. Beim Anblick der humpelnden Fatamorgana beginnt das anfängliche Glucksen des Prinzens in einen enormen Lachflash zu münden. Fatamorgana verflucht ihn. Er sei auf der Stelle in drei Orangen verliebt und findet keine Ruhe, bis er sie in seinen Besitz gebracht hat.

Das Auge kann sich nicht satt sehen. Die Bühne quirlt, leuchtet, brennt. Action hoch Tausend! Jugendliche Frische mit einem gönnendem Schuss parodistischer Dramatik. Das saftige Cocktail mixte Axel Ranisch, Regie. Aus einer Nebelwolke tanzen Teufelchen. Die Maskerade ist lebendig. Der Chor die passende Beilage zum Getränk: Salzige Erdnüsse in kleiner Schale. Sehr schmackhaft!

© Matthias Baus

Das Ensemble: Ein gemeinsames, farbiges Agieren. Es wird gespielt, als wären sie am seidenen Faden gelenkt. Eifrige und lebendige Marionetten im Puppentheater. Gewollt statisch, gigantisch gespielt.

Und die Sänger? Bestens aus der Puppenkiste gezogen. In ihrer Zusammenstellung agieren sie liebevoll und bringen das Team zum Leuchten.

Kai Kluge als Prinz lamentiert mit hypochondrischer Phrasierung in üppig rosa  Kostümierung. Eine gute Einsingvokalise? Maybe –  aber seine Darbietung ist besonders frisch und effektreich.

Goran Jurić ist der Kreuz-König/Herold und Vater des Thronfolgers. Seine Stimme kehrt immer wieder ein und ist sofort erkennbar. Saftiger Bass, saubere Artikulation.

Herrlich böse paaren sich Stine Maria Fischer als Prinzessin Clarice und Shigeo Ishino, der den Leander gibt. Nuancenreiche Vereinigung. Ihr Alt ist präsent und klingt seinem Fach entsprechend weich, aber durchdringend. Mit Shigeo Ishinos Bariton ziehen sie am richtigen Strang.

© Matthias Baus

Besonders sparkling ist Daniel Kluge als Spaßmacher Truffaldino. Er führt seine Stimme direkt und klar. Die Richtung ist immer nach vorne geführt. Volles Timbre, keine Scham und Hemmung. Auch für seine stoffgemäße Darstellung sahnt er Applaus ab.

Johannes Kammler, Bariton, ist Pantalone. Das Ensemblemitglied der Staatsoper blieb von vorherigen Vorstellungen in Erinnerung. Auch den drei Orangen widmet er sich liebevoll.

Last not least gilt ein Wort der musikalischen Leitung, Alejo Pérez. Prokofjews Attacke auf die musikalischen Konventionen der Romantik nennt Pérez „Bauchmusik“. Dieser authentische Spaß mit melodischer Frische geht durch den Bauch.

„Die Liebe zu drei Orangen“ überzeugt durch gute Führung. Eine weich-witzige Regie. Liebevolle Phrasierung durch Pérez. Teamgeist und herrliche Darstellung der Sänger.

„Wenn es nicht auch Lichtblicke gäbe wie die Neuinszenierung der ‚Die Liebe zu den drei Orangen‘  würde ich mein Opernabo zur nächsten Spielzeit kündigen!!“ kommentiert eine Facebook Nutzerin auf der Staatsopern-Seite.

Erfrischender Cocktail mit gutem Schuss. Sergej Prokofjews Oper in vier Akten erweckt am 14. April 2019 erneut Begeisterung.

Maria Steinhilber, 10. April 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung Alejo Pérez
Regie Axel Ranisch
Bühne Saskia Wunsch
Kostüme Bettina Werner, Claudia Irro
Computeranimation Till Nowak
Choreografie Katharina Erlenmaier
Dramaturgie Ingo Gerlach
Chor Manuel Pujol
Der Kreuz-König/Der Herold Goran Jurić
Prinz Kai Kluge
Prinzessin Clarice Stine Marie Fischer
Leander Shigeo Ishino
Truffaldino Daniel Kluge
Pantalone Johannes Kammler
Der Zauberer Celio Michael Ebbecke
Fata Morgana Carole Wilson
Linetta Aytaj Shikhalizade
Nicoletta / Smeraldina Fiorella Hincapié
Ninetta Esther Dierkes
Die Köchin / Farfarello Matthew Anchel
Zeremonienmeister Christopher Sokolowski
Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

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