Antonio Pappano und das Orchestra dell’Academia Nazionale di Santa Cecilia sorgen mit einer fulminanten Darbietung von Mahlers 6. Sinfonie für Begeisterungsstürme

Sir Antonio Pappano, Orchestra dell’Academia Nazionale di Santa Cecilia,  Wiener Konzerthaus

Foto: Antonio Pappano © Musacchio & Ianniell
Wiener Konzerthaus
, 15. Mai 2019

Sir Antonio Pappano Dirigent
Orchestra dell’Academia Nazionale di Santa Cecilia
Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6, a-moll

von Julia Lenart

Mahlers Sechste, auch die „Tragische“ genannt, ist ein wahrlich monumentales Orchesterwerk. Der Beiname passt. Schon der Laie erkennt die Schwere der Themen, die bedrohlich über dem Werk hängen. Kritiker und Theoretiker wundern sich ihrer eigentümlichen Gestaltung wegen, die zwischen Dur und Moll schwankt, in ständiger Ungewissheit, dem Schicksalspendel ausgeliefert.

Der erste Satz (Allegro energico) stellt das düstere, marschartige Hauptmotiv vor, welches in immer gleicher Weise wiederkehrt – gleichsam eines unveränderlichen Leitmotives. Eine Anmerkung nebenbei: Das Motiv schneiderte Mahler seiner Frau Alma zu: „Ich habe versucht, dich in einem Thema festzuhalten – ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht. Du musst dir‘s schon gefallen lassen.“ So der Komponist.

Pappano führt das Orchester mit seiner energischen Dirigiertechnik und viel Temperament an. Imposant lassen die Musiker die Melodien regelrecht durch den Großen Saal des Konzerthauses marschieren, spielen mit vollstem Volumen, sodass man die Töne beinahe spüren kann. Für Leonard Bernstein fühlte sich dieser Marsch des ersten Satzes an, wie die ewige harmonische Unrast, gleich jener Unruhe, die den Komponisten Mahler zeitlebens begleitete.

Dynamisch lässt es Pappano an Nichts missen: Der Saal bebt beinahe unter dem Fortissimo des tiefen Blechs und der donnernden Paukenwirbel. Doch Mahlers Sechste ist nicht nur laut und bedrohlich. Die feinen Soli der Holzbläser können sich über dem dezenten Klangteppich der Streicher wundervoll entfalten. Plötzlich kehrt Frieden ein, der die kriegerisch-düstere Stimmung ablöst. Die Kuhglocken, die sich unter die flirrenden Streicherklänge mischen, vermitteln das Bild unschuldiger Almlandschaften. Eine kurze Entspannung inmitten der allgegenwärtigen Bedrohung.

Die beiden mittleren Sätze sind noch heute in ihrer Anordnung variabel. Den zweiten Satz (in diesem Fall – entgegen dem Programmheft – das Scherzo) leitet die Pauke ein, und setzt den Grundstein für das sich aus ihrem Rhythmus entspinnende Motiv. An dieser Stelle sei die Präzision der Schlagwerker gelobt, die an diesem Abend einem Uhrwerk gleich spielen. Schließlich können die Zuhörer im ruhigen dritten Satz (Andante moderato) entspannen. Er stellt inmitten der aufgewühlten übrigen Sätze einen Ruhepol dar, geprägt von sanften Melodien, die in der Interpretation doch etwas eckig und abgehakt rüberkommen.

Der ausufernde Schlusssatz (Finale) bereitet dem Werk ein fulminantes Ende. Pappanos Energie überträgt sich auf das Orchester. Das Ende hat etwas Trostloses an sich. Nach einem Aufbäumen des gesamten Klangkörpers (der übrigens wunderbar harmoniert), zerfließt die Musik in einem dezenten, entkräfteten Klangteppich, in den der letzte Fortissimo-Schlag wie ein Schwert eindringt.

Fulminant baut sich der Abend auf und fulminant geht er zu Ende. Man muss Pappano und dem Orchestra dell’Academia Nazionale di Santa Cecilia zugestehen, dass sie Mahlers Sechste wirklich spannend interpretieren können. Es finden sich keine langwierigen Stellen, es mangelt weder an Dynamik noch an Präzision oder gar an Musikalität. Kurzum: eine grandiose Darbietung.

Julia Lenart, 16. Mai 2019, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

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