Sommereggers Klassikwelt 15 / 2019: Ein Autounfall im Grunewald: Das Ende der großen Sängerin Johanna Gadski

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Bestechend ist die Stilsicherheit, die aus ihren Aufnahmen spricht, man kann Gadski mit gutem Gewissen als eine der wenigen „kompletten“ Interpretinnen bezeichnen, damals wie heute eine seltene Tugend.

von Peter Sommeregger

Das elegante, mit vier Personen besetzte Automobil bog von der Rathenauallee just in dem Augenblick in die Königsallee ein, als sich ein Wagen der Straßenbahnlinie 176 in voller Fahrt näherte. Die Lenkerin des Autos reagierte zu spät, und der schwere Wagen krachte mit Wucht in die Straßenbahn. Die schnell herbei geeilten Helfer bargen drei schwer verletzte Frauen und einen Mann, die sämtlich in das Martin-Luther-Krankenhaus gebracht wurden.

Für die älteste der drei Frauen kam allerdings jede Hilfe zu spät. Die 59-jährige Johanna Tauscher starb und erst danach wurde klar, um wen es sich handelte. Johanna, 1872 in Anklam geboren, war unter ihrem Mädchennamen Gadski ein Star der Internationalen Opernszene.

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Die Karriere, die durch diesen Unfall am 22. Februar 1932 jäh beendet wurde, hatte über vierzig erfüllte Jahre gedauert. Bereits als 17-jährige hatte Johanna an der Berliner Kroll-Oper debütiert. 1899 verkörperte sie bei den Bayreuther Festspielen die Eva in den Meistersingern von Nürnberg. Bereits im gleichen Jahr debütierte sie als Elisabeth im Tannhäuser an der New Yorker Metropolitan Opera, wo sie sich am 12. Dezember 1898 bereits in einem Konzert dem Publikum vorgestellt hatte. Gadski blieb dem Haus bis 1917 verbunden, als der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg das vorläufige Ende des deutschsprachigen Repertoires und des Engagements deutscher Sänger an der Met bedeutete.

Schon davor war sie aber auch immer wieder in Europa aufgetreten, so z.B. bei den von Lilli Lehmann veranstalteten Mozart-Festen 1906 und 1910 in Salzburg. Auch nach dem unfreiwilligen Ende ihrer amerikanischen Karriere kehrte sie in den zwanziger Jahren wieder in die USA zurück, 1928 bis 1931 bereiste sie die amerikanische Provinz mit der von ihr gegründeten German Opera Company, bei deren Aufführungen sie selbst noch als Brünnhilde und Isolde auftrat.

Über die Jahre hatte Gadski in New York ein breit gefächertes Repertoire verkörpert, das von der Pamina in Mozarts Zauberflöte, bis zu den Brünnhilden und der Isolde Wagners reichte, aber auch im Italienischen Fach war sie erfolgreich, dies häufig an der Seite Enrico Carusos.

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Johanna Gadski war auch eine der ersten Sängerinnen, die praktisch ihr gesamtes Repertoire für das neue Medium Schallplatte aufnahm. Zwischen 1903 und 1917 entstanden unzählige Aufnahmen für das Label Victor, die in restaurierter Form heute wieder als CD zugänglich sind. Die Bandbreite dieser Aufnahmen ist enorm, neben Gadskis Opernrepertoire finden sich auch Konzertarien, Lieder, selbst „Die Wacht am Rhein“ hat sie aufgenommen. Es existiert auch eine größere Zahl von Mapleson-Zylindern von Live-Aufführungen an der Met. Ihre bekannteste Schallplatte ist wohl das Aida-Schlussduett mit Caruso als Partner.

Bestechend ist die Stilsicherheit, die aus ihren Aufnahmen spricht, man kann Gadski mit gutem Gewissen als eine der wenigen „kompletten“ Interpretinnen bezeichnen, damals wie heute eine seltene Tugend.

Verheiratet war Gadski seit 1892 mit dem Offizier Hans Tauscher, der später amerikanischer Repräsentant der Krupp’schen Stahlwerke in den USA wurde. Der Ehe entstammte die Tochter Charlotte, die selbst auch zur Sängerin ausgebildet wurde, später aber hauptsächlich als Pädagogin wirkte. Ihre Taufpatin war die berühmte Nellie Melba, Kollegin ihrer Mutter.

Gadskis Aufenthalt in Berlin 1932 galt ihrer Tochter und dem einzigen Enkelkind, mitgebracht hatte sie eine befreundete Sängerin, Charlotte Bangs. Diese steuerte den Wagen, als es zu dem folgenschweren Unfall kam.

Begraben wurde Johanna Gadski auf dem Friedhof Zehlendorf an der Onkel-Tom-Straße, später wurden auch ihr Ehemann, der Schwiegersohn und die Tochter im gleichen Grab bestattet, das bis heute erhalten ist.

Peter Sommeregger, Berlin, 24. Dezember 2019, für
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Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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