Sommereggers Klassikwelt 34: Auf verwachsenen Pfaden – der Jüdische Friedhof Weißensee

Sommereggers Klassikwelt 34: Auf verwachsenen Pfaden – der Jüdische Friedhof Weissensee

Foto: Grabstätte des Baritons Alexander Heinemann (1873-1918) auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee © Peter Sommeregger

„In Zeiten der Einschränkungen durch Corona habe ich diesen Ort erneut als angenehmen Aufenthalt empfunden, habe auch Freunde dorthin zu gemeinsamen Spaziergängen eingeladen. Es gibt so viel zu entdecken und erfahren, natürlich haben auch Berühmtheiten hier ihre letzte Ruhe gefunden.“

von Peter Sommeregger

Der im nordöstlichen Stadtteil Weißensee gelegene Jüdische Friedhof, der größte Europas, ist mit 50 ha der größte innerstädtische Friedhof Berlins. Im Jahr 1880 eröffnet, wuchs er ähnlich rasch wie die jüdische Bevölkerung Berlins, die 1905 etwa 100.000 Bürger mosaischen Glaubens betrug. Eine unfassbar große Zahl von Gräbern und zum Teil pompösen Grüften entstand bis in die 1930er Jahre, ehe Vertreibung und Ermordung durch die Nazis die jüdische Bevölkerung Berlins mehr und mehr dezimierte.

Die DDR ging eher lieblos mit diesem kulturellen Erbe um, wollte eines Tages sogar die Trasse einer Schnellstraße durch das Gelände legen, was dann aber aufgrund geharnischter internationaler Proteste unterblieb. Nach der Wiedervereinigung der Stadthälften übernahm der Bund die Erhaltung, Pflege und teilweise Restaurierung dieses kulturellen Denkmals, das durch das erneute Anwachsen der Berliner jüdischen Gemeinde auch wieder zu einem intensiv genutzten Begräbnisplatz wurde.

Schon lange bevor ich eine Wohnung in Weißensee bezog, hatte ich den Friedhof mehrfach besucht und erlag schnell der Faszination dieses besonderen Ortes. Anders als auf den christlichen Friedhöfen der Stadt, deren Familiengräber Kontinuität der Familiengeschichte bezeugen, die von den Hinterbliebenen gepflegt und geschmückt werden, hat man auf dem Jüdischen Friedhof den Eindruck einer eingefrorenen Zeit. Hier reißen die Familiengeschichten spätestens Anfang der 1940er Jahre ab, nur vereinzelt wird auf den Grabsteinen an Opfer der Shoa erinnert.

Trotz aller Bemühungen, den Bestand an Gräbern so weit wie möglich zu pflegen, versucht die Natur, sich das weitläufige Areal wieder zurückzuholen. Das macht den Friedhof auch zu einem reizvollen Ort für Spaziergänge, der Lärm der angrenzenden Straßen ist kaum zu hören, eine Vielzahl von Vögeln und anderem Getier hat hier ein ungestörtes Paradies gefunden.

In Zeiten der Einschränkungen durch Corona habe ich diesen Ort erneut als angenehmen Aufenthalt empfunden, habe auch Freunde dorthin zu gemeinsamen Spaziergängen eingeladen. Es gibt so viel zu entdecken und erfahren, natürlich haben auch Berühmtheiten hier ihre letzte Ruhe gefunden. Die Friedhofsverwaltung gibt über die Lage solcher Gräber gern und kooperativ Auskunft.

Auch einige berühmte Musiker sind hier bestattet, so der Bariton Alexander Heinemann, der weit über Deutschland hinaus als Konzertsänger berühmt war, sogar erfolgreiche Tourneen durch die USA unternahm und 1918 mit 45 Jahren ein Opfer der Spanischen Grippe wurde.

Nicht weit von ihm begrub man 1926 den Heldentenor Nikolaus Rothmühl, der nach einer langen Karriere an der Berliner Hofoper am Stern’schen Konservatorium als Gesangspädagoge wirkte, wo die unvergessene Meta Seinemeyer seine berühmteste Schülerin war.

Foto: Peter Sommeregger

Der Musikwissenschaftler Gustav Jacobsthal, der sich bevorzugt der Erforschung der Musik des Mittelalters widmete, starb bereits 1912, aber auch sein Grab ist der jüdischen Tradition entsprechend noch unzerstört vorhanden.

Diese Namen sind nur eine kleine Auswahl von bedeutenden Persönlichkeiten und Grüften einst einflussreicher Familien der Stadt, die man hier entdecken kann und die einen Teil der Berliner Stadtgeschichte ausmachten. Es ist auch ein spiritueller Ort, an dem einem bewusst wird, wie sehr das jüdische Leben einmal Teil dieser Stadt war, bis die braunen Machthaber es brutal vernichteten. Diesen Ort zu pflegen und zu erhalten ist zumindest eine Geste, nach den Schrecken jener Zeit wieder ein friedliches, respektvolles Nebeneinander zu pflegen.

Peter Sommeregger, 5. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

 

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