Sommereggers Klassikwelt 50: Die unendliche Baugeschichte von Salzburgs Festspielhäusern

Sommereggers Klassikwelt 50: Die unendliche Baugeschichte von Salzburgs Festspielhäusern

Foto: Aussicht vom Festspielhaus © Luigi Caputo

von Peter Sommeregger

Als am 22. August 1920 endlich die ersten Salzburger Festspiele stattfanden, bestanden diese ja lediglich aus „Jedermann“-Aufführungen auf dem Domplatz. Die Notwendigkeit eines Theaterbaus für zukünftige Festspiele war aber allen Beteiligten bewusst. Die ursprünglichen Pläne eines Festspielhauses in Hellbrun ließen sich aber nicht realisieren, und so wurde im Jahr 1925 nach nur viermonatiger Bauzeit auf dem Areal der Winterreitschule ein provisorisches Gebäude errichtet und mit dem Salzburger Großen Welttheater eröffnet.

Haus für Mozart © Salzburger Festspiele / Andreas Kolarik

Bereits 1926 erfolgten erste Umbauten durch Clemens Holzmeister. Die auch in der Folge vorgenommenen Umbauten und Umgestaltungen waren zahlreich, vor wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Das als „Kleines Festspielhaus“ geführte Gebäude, in dem mit „Fidelio“ 1927 die erste Opernproduktion stattfand, behielt diese Bezeichnung bis 2004. Ab dem Jahr 2003 erfolgte eine erneute, umfangreiche Umgestaltung und Erweiterung zum „Haus für Mozart“.

Eröffnungsfestakt der Salzburger Festspiele 2019 © Land Salzburg / Neumayr

Auf Max Reinhardts Initiative geht die Nutzung der Sommer- oder Felsenreitschule für Theateraufführungen zurück. Er inszenierte dort 1926 zum ersten Mal ein Theaterstück auf einer provisorischen Bühne, das Publikum wurde auf Holzbänken platziert. Es dauerte bis 1948, bis Herbert von Karajan mit „Orpheus und Eurydike“ dort die erste Oper aufführte. Clemens Holzmeister nahm in den 1960er Jahren umfangreiche Ausbauten vor. Neu geschaffen wurde u.a. eine Unterbühne, ein Orchestergraben, und eine Beleuchtungsrampe. Heute ist diese Spielstätte wesentlicher Bestandteil der Festspiel-Landschaft, wurde aber nach dem Jahr 2000 ebenfalls weiteren Umgestaltungen und Verbesserungen unterzogen.

Großes Festspielhaus – Auditorium © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Der Architekt Clemens Holzmeister, der zum Hauptarchitekten der Festspielhäuser avanciert war, hatte spätestens ab den Fünfzigerjahren das Projekt des heutigen Großen Festspielhauses entwickelt. Der kühne Plan sah vor, zwischen die dreihundert Jahre alte Fassade des Hofmarstalles und dem Mönchsberg einen Theaterbau einzufügen. Dazu mussten aber erst 55.000 Tonnen Gestein aus dem Berg gesprengt werden. Die Arbeiten zogen sich bis 1960 hin, aber in diesem Jahr konnte Herbert von Karajan das neue Haus mit einer glanzvollen Neuinszenierung von Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ eröffnen.

Die Dimensionen der Bühne wurden von Beginn an als nicht unproblematisch angesehen und stellen Regisseure bis heute vor schwierige Aufgaben. Karajan inspirierten sie jedenfalls zu seinen Wagner-Aufführungen, die während der 1967 begründeten Osterfestspiele stattfanden. Die gute Akustik des Hauses wird auch für die großen Orchesterkonzerte der Festspiele genutzt.

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Immer noch eine wichtige Rolle unter den Salzburger Spielstätten kommt dem 1893 erbauten Stadttheater zu, das an Stelle des noch von Mozart besuchten ehemaligen Ballhauses von den Theaterarchitekten Helmer und Fellner entworfen wurde. Das heute als Landestheater bezeichnete Gebäude war die Bühne, an der die von Lilli Lehmann initiierten Mozartfeste bis 1910 stattfanden. In deren Rahmen hatte u.a. auch Gustav Mahler hier dirigiert. Inzwischen dient es während der Festspiele hauptsächlich als Spielort für Schauspielproduktionen.

Im Fall des Großen Festspielhauses hat der Österreichische Staat die Finanzierung dieses komplizierten und aufwändigen Baus übernommen, ist dadurch auch bis heute Eigentümer des Theaters. Dies ist bezeichnend für den Stellenwert, den die Festspiele für die Republik darstellen. Österreich investiert viel in seine kulturellen Einrichtungen, was sich immer wieder als kluger Schachzug erweist. Man will ein anspruchsvolles und zahlungskräftiges Publikum anziehen, und das funktioniert am besten mit Hochkultur.

Die hundertjährige Geschichte der Salzburger Festspiele bietet noch reichlich Stoff für weitere Artikel. Die sollen aber dem nächsten – hoffentlich wieder „normal“ ablaufenden – Festspielsommer vorbehalten bleiben.

Peter Sommeregger, 23. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-bgeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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