Sommereggers Klassikwelt 59: Hermann Leopoldi – ein Wiener mit Unterbrechung

Sommereggers Klassikwelt 59: Hermann Leopoldi

von Peter Sommeregger

Auch heute, mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod, ist der Wiener Sänger und Komponist Hermann Leopoldi durch seine zahlreichen Kompositionen und Schallplatten bekannt und beliebt.

Der Sohn eines jüdischen Musikers wurde 1888 in Wien als Hersch Kohn geboren, die Familie änderte ihren Namen 1911 in Leopoldi. Schon früh entschied sich Leopoldi für eine Musikerlaufbahn, die er als Klavierbegleiter und Barpianist begann. Während des Ersten Weltkrieges trat er in Frontvarietés auf, in Wien ab 1916 auch im Etablissement Ronacher. Häufig trat er auch gemeinsam mit seinem Bruder Ferdinand auf. 1922 eröffneten die Brüder zusammen mit dem Conferencier Fritz Wiesenthal das Kabarett Leopoldi-Wiesenthal, das trotz großer Erfolge 1925 aus wirtschaftlichen Gründen wieder schließen musste.

Leopoldi hatte sich inzwischen als Komponist von zahlreichen Wiener-Liedern einen Namen gemacht. Lieder wie „In einem kleinen Cafe in Hernals“, „Der Krankenkassenpatient“, „I bin a stiller Zecher“ machten ihn schnell populär und sind bis heute fester Bestandteil des Repertoires von Wiener Stimmungsliedern. Keine Heurigenmusik kommt ohne Leopoldis Lieder aus.

Im Jahr 1937 verlieh man ihm sogar das silberne Österreichische Verdienstzeichen, bis 1938 nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland seine Karriere ein jähes Ende fand. Leopoldi hatte bereits mit seiner Familie die Emigration in die USA vorbereitet, als er am 26. April 1938 von der Gestapo verhaftet wurde. Man inhaftierte ihn im KZ Dachau, im Herbst 1938 wurde er in das KZ Buchenwald verlegt. Seine Familie, die den Nazis entkommen war, kaufte ihn schließlich frei, und er konnte über Hamburg nach New York ausreisen.

Dort gelang es ihm, in „Eberhardt’s Café Grinzing“ in New York, einem bei Emigranten beliebten Lokal wieder erfolgreich aufzutreten. Im Exil traf er auch auf die Sängerin Helly Möslein, ebenfalls eine gebürtige Österreicherin, die erst seine musikalische, später auch seine Lebenspartnerin wurde. Durch die Übersetzung seiner Liedtexte ins Englische gelang es ihm, auch in den USA bekannt und erfolgreich zu werden.

Das Heimweh hatte ihn und Möslein aber nie losgelassen, und als nach dem Krieg Künstlerfreunde aus Österreich zur Rückkehr rieten, sogar die Österreichische Regierung eine Einladung aussprach, kehrte das Paar 1947 nach Wien zurück. Erstaunlich nahtlos konnte Leopoldi an seine Vorkriegs-Erfolge anknüpfen, seine Popularität reichte über Österreichs Grenzen hinaus, so unternahm er in den 1950er Jahren zusammen mit Nelly Möslein auch Tourneen durch Deutschland und die Schweiz. 1958 verlieh ihm der Österreichische Staat das „Goldene Verdienstkreuz der Republik Österreich“. Leopoldi muss es als Genugtuung empfunden haben, nachdem er bald nach der Verleihung des silbernen Ehrenzeichens so schnell zur persona non grata geworden war. Lange konnte sich der Künstler seiner ständig wachsenden Berühmtheit und seiner Erfolge nicht erfreuen. Am 28. Juni 1959 erlag er einem plötzlichen Herzinfarkt, gerade einmal 70 Jahre alt.

Die Stadt Wien widmete ihm ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, in dem später auch Helly Möslein bestattet wurde, die ihren Lebensgefährten um beinahe vierzig Jahre überlebte.

Die zahlreichen Schallplatten Leopoldis haben seine verschmitzt vorgetragenen Lieder authentisch bewahrt und finden bis heute auf CDs ihre Verbreitung. Es ist eine spezielle Eigenart des Wiener Gemüts, Ereignisse wie die Vertreibung jüdischer oder anders denkender Künstler während der NS-Zeit zu verdrängen. Nachher sollte wieder alles gut sein, manche Künstler wie Leopoldi haben das stillschweigend akzeptiert. Er war eben ein Wiener- mit Unterbrechung.

Peter Sommeregger, 27. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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