Sommereggers Klassikwelt 78: Leonie Rysanek, die letzte Primadonna

Sommereggers Klassikwelt 78: Leonie Rysanek, die letzte Primadonna  klassik-begeistert.de

von Peter Sommeregger

Wenn man 23 Jahre nach ihrem Tod das Ehrengrab der Sopranistin Leonie Rysanek auf dem Wiener Zentralfriedhof besucht, wird man dort – Sommer wie Winter – frische Blumen, oft auch ein brennendes Grablicht sehen können. „Die Rysanek“ oder auch nur „Leonie“ genannte Künstlerin hat sich in ihrer Heimatstadt einen Ruhm und eine Beliebtheit erworben, an der auch ihr Tod am 7. März 1998 kaum etwas änderte.

Die am 14. November 1926 geborene Rysanek war Wienerin durch und durch – dass sie aus einer ursprünglich tschechischen Familie stammte, ist bekanntlich gute wienerische Tradition. Die Brüder fielen im Zweiten Weltkrieg, alle Hoffnungen der Eltern ruhten auf Leonie und ihrer älteren Schwester Lotte. Beide zeigten früh musikalisches Talent und begannen nach dem Krieg ein Gesangsstudium an der Wiener Musikakademie bei dem Bariton Rudolf Großmann, den die blutjunge Leonie trotz großen Altersunterschiedes auch heiratete. Er begleitete sie zu ersten Engagements an das Landestheater Innsbruck, wo sie 1949 als Agathe im „Freischütz“ debütierte, und an das Saarbrücker Opernhaus.

Was danach folgte war ein kometenhafter Aufstieg innerhalb weniger Jahre. Ihren eigentlichen Durchbruch erlebte die Rysanek in Bayreuth als Sieglinde 1951. Daraufhin folgten Engagements nach München, bald auch an die Wiener Staatsoper, die ihr Stammhaus bleiben sollte. Bald meldeten sich die amerikanischen Opernhäuser, erst San Francisco, dann die Met, die für Jahrzehnte ihre zweite künstlerische Heimat werden sollte. Stetig erweiterte sie das Spektrum ihrer Rollen, wobei die Schwerpunkte stets auf den großen Sopranpartien von Wagner, Richard Strauss und Verdi lagen. Mit fortschreitendem Alter wechselte sie klug in das reifere Fach, aus der Salome wurde die Herodias, aus der Chrysothemis die Klytämnestra. Zu ihren bedeutenden Altersrollen zählten die Küsterin in Janáčeks „Jenůfa“ und die Gräfin in „Pique Dame“.

Um Leonie Rysaneks Karriere zu würdigen und aus heutiger Sicht richtig einzuordnen, muss man bedenken, dass diese Laufbahn nicht annähernd so stark von den Medien unterstützt wurde wie heutige Karrieren. Ihre Wirkung, ihren Ruhm erwarb sie sich ausschließlich durch Auftritte, die durch ihr Charisma und ihre darstellerische Intensität zum Ereignis wurden. Sie war wohl die letzte Primadonna, die ohne Agentur, ohne medienwirksame TV-Auftritte und über weite Strecken auch ohne Schallplatten-Einspielungen ihren internationalen Ruhm über Jahrzehnte erhalten konnte.

Zur Freude für die Nachwelt hat der so genannte „Graumarkt“ der Tonträger viele Dokumente ihrer Auftritte bewahrt. Die Götz-Friedrich-Verfilmung der „Elektra“ unter Karl Böhm ist eines der wenigen Filmdokumente der Rysanek. Es ist das einzige Mal, dass sie diese Strauss-Partie sang, aber sie reihte sich damit in die Reihe der großen Interpretinnen dieser Rolle ein. Jedem, der sie auf der Bühne live erlebte, wird sie unvergessen bleiben!

Peter Sommeregger, 10. März 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt 77: Kirill Kondrashin zum 40. Todestag   klassik-begeistert.de       

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Radek, knapp (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Pathys Stehplatz (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Daniels-Antiklassiker (c) erscheint jeden Freitag.
Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Sonntag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.