Soundcheck zum Auftakt der Richard-Wagner-Festspiele: Welches Opernhaus hat den besten Klang?

Soundcheck zu den Richard-Wagner-Festspielen 2019,  Bayreuther Festspielhaus, 25. Juli 2019

Foto: klassik-begeistert.de-Autor Jürgen Pathy vergleicht die Premiumhäuser in Bayreuth und Wien

Bayreuther Festspielhaus, 25. Juli 2019

Wer seinen Focus auf Stimmen richtet, wer die optische Imagination eines Puppentheaters sucht, dem hat Richard Wagner das absolute Wunderland auf den Grünen Hügel gezaubert. Zu einer Zeit, als der Rundfunk noch in seinen Kinderschuhen steckte, als Thomas Alva Edison gerade erst dabei gewesen war, die ersten Tonaufzeichnungsverfahren zu entwickeln, schuf Richard Wagner bereits den Vorreiter des heutigen Dolby Surround Sounds. Hier genießt der Suchende, der unentwegt auf der idealen Klangwelle reiten möchte, den puren Luxus der perfekt ausbalancierten Dynamiken und der sich gleichförmig ausbreitenden Schallwelle. 

von Jürgen Pathy

Zwischen der Wiener Staatsoper und dem Bayreuther Festspielhaus liegen auf direktem Luftweg gerade einmal 400 Kilometer. Beide Opernhäuser befinden sich innerhalb derselben Zeitzone, rund um beide gilt der Euro als zahlungsfähige Währung. Doch akustisch trennen diese beiden Traditionshäuser ganze Welten!

Der berühmte Graben des Bayreuther Festspielhauses ist ein Unikum und ein Unding zugleich. Um keinen anderen Orchestergraben ranken sich mehr Geschichten, als um den „mythischen Abgrund“ in Bayreuth. Ein Schacht, der steil ins Hügelinnere getrieben wurde, und dem oben drauf ein Deckel verpasst wurde. Richard Wagner wollte keine Pulte sehen, keine Instrumente, keine Musikergesichter und erst Recht keine gestikulierende Dirigentensilhouette. Er wollte das unsichtbare Orchester und hat es in Bayreuth erfunden.

In Reihe 19, Platz 20, erreichen mich diese Geisterstimmen, und sie empfangen mich in einer Art und Weise, wie ich es bislang noch nicht erleben durfte. In diesem Mekka verwebt sich ein kammermusikalischer Orchesterklang mit unglaublich transparenten, glasklaren Gesangsstimmen zu einem ungeahnten Klangerlebnis, dessen Wirkung verstärkt wird durch die enorme Präsenz desjenigen, weswegen sich alle in diesem Refugium im nordbayerischen Frankenland versammelt haben: Richard Wagner.

Festspielatmosphäre durchflutet den kleinen Saal, der auf Bildern viel größer, monumentaler rüberkommt. Real wirkt das Bayreuther Festspielhaus wie ein kleines Stadttheater, mit gerade einmal tausend Sitzplätzen. Kaum zu glauben, dass in diesem schlicht eingerichteten Amphitheater beinahe zweitausend Personen Platz finden.

Bayreuther Festpiele. Foto: (c) Andreas Schmidt

Doch alle Anwesenden wirken gesegnet, sind sich ihres Glückes zur Gänze bewusst. Wohin man blickt, dankbare Menschen. Viele haben ihre feinste Wäsche aus dem Schrank geholt – obwohl es sich „nur“ um eine Generalprobe handelt, bei der sich angeblich die „kleinen Leute“ treffen würden, wie eine recht schicke Dame in einem weniger schicken Café nahe dem Bahnhof ihrer Freundin weiszumachen versucht.

Von wegen „kleiner Mann“, Milady – ganz im Gegenteil: Ich fühle mich wie ein Riese, wie Fasolt, der gerade den Ring ausgehändigt bekommen hat und meint, die Welt liege ihm zu Füßen. Es ist ein Privileg, Gast im ehrwürdigen Bayreuther Festspielhaus zu sein – egal ob Generalprobe oder Premiere!

Deswegen habe selbst ich mich dazu durchgerungen, meine sonst in luftigen weißen Sneakers steckenden Füße in edles Leder zu hüllen. Alles nur des großen Richards wegen – Ehre, wem Ehre gebührt.

Ansonsten ist die Luft klar, die Temperaturen sind höchst angenehm und die Klappsessel alles andere als unbequem. Weswegen mantraartig das Gegenteil gepredigt wird, ist mir ein Rätsel. Entweder hat sich der Wettergott erbarmt, und ich habe einen kühleren Tag erwischt, oder es ist alles nur eine Frage der Fitness und der Gewohnheit. In meinem angestammten Territorium, auf der Stehplatz-Galerie der Wiener Staatsoper herrschen noch ganz andere Verhältnisse. Wer dort, knapp unterhalb der massiven Decke in einem vollgefüllten Saal mit rund 2300 Zuschauern einmal einen kompletten „Ring des Nibelungen“ durchgestanden und mit Wotan und seiner üblen Sippe stundenlang mitgefiebert hat, für den sind die immerhin mit dünner Polsterung bezogenen Klappsessel in Bayreuth der Himmel auf Erden.

Festspielhaus Bayreuth. Foto: © Andreas Schmidt

Ob es der sagenumwobene Klang auch ist, darüber bin ich mir noch nicht im Klaren. Er ist einzigartig, keine Frage. Er gleicht einem Liederabend, einem ultimativen Fest der Stimmen, die sanft gebettet auf einem orchestralen Hauch durch die Lüfte schweben.

Wer seinen Focus auf Stimmen richtet, wer die optische Imagination eines Puppentheaters sucht, dem hat Richard Wagner das absolute Wunderland auf den Grünen Hügel gezaubert. Zu einer Zeit, als der Rundfunk noch in seinen Kinderschuhen steckte, als Thomas Alva Edison gerade erst dabei gewesen war, die ersten Tonaufzeichnungsverfahren zu entwickeln, schuf Richard Wagner bereits den Vorreiter des heutigen Dolby Surround Sounds.

In Bayreuth besteht keine Notwendigkeit den Kopf wie eine Satellitenschüssel regelmäßig im Wind auszurichten, um die perfekte Klangwelle zu erhaschen. Hier genießt der Suchende, der unentwegt auf der idealen Klangwelle reiten möchte, den puren Luxus der perfekt ausbalancierten Dynamiken und der sich gleichförmig ausbreitenden Schallwelle. In Bayreuth lautet die Devise: Hinsetzen, stillhalten und großes Kino erleben! Ein Erlebnis, das zur Eröffnung des Feststpielhauses im Sommer 1876 bahnbrechend gewesen sein muss.

Nur wenige Opernhäuser dieser Welt sind derart sängerfreundlich konzipiert worden. Keine jubilierenden Mittelstimmen, keine donnernden Forte-Fortissimi und kein überdimensionaler Streicherteppich kreuzen hier die Bahnen der menschlichen Stimme. Deshalb, und natürlich des Prestiges wegen, verbringen alle großen Sänger des Fachs ihre wertvollen Sommerferien lieber auf dem Grünen Hügel als am Strand von Saint Tropez – trotz geringer Gagen und der Höllenhitze. Wer in Bayreuth singt, der hat es geschafft!

Vielleicht täusche ich mich der Sängerfreundlichkeit wegen jedoch. Möglicherweise verlaufe ich mich in diesem orchestralen Irrgarten, der aufgrund des Deckels in einer S-Kurve in den Saal hinausströmt – vom Blech übers Holz zu den Streichern aufsteigend zur Bühne, und dann erst nach draußen ergießend. Vielleicht wehen die jubilierenden Mittelstimmen und die donnernden Forte den Sängern auf der Bühne genauso orkanartig um die Ohren wie in der Wiener Staatsoper, und nur im Publikum entsteht die Illusion des kammermusikalischen Gesamtklangs.

Christian Thielemann. © Matthias Creutziger

Denn „nur im Publikum mischt sich auf ideale Weise, was vorne im Graben und auf der Bühne angerichtet wird“, schildert Christian Thielemann, 60, der große Kenner und Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, seine Erfahrungen. Unten, im „mythischen Abgrund“ müsse er irre einheizen, damit es oben halbwegs warm wird. Und noch schwieriger sei es, die Hitze wieder zu reduzieren.

Mit diesen Tücken haben in Bayreuth alle Dirigenten zu kämpfen. Die erfahrenen als auch die Debütanten.

Das musste auch Valery Gergiev, 66, der am Donnerstag in der Neuinszenierung des „Tannhäuser“ sein Festspieldebüt gab, während der Probephase zur Kenntnis nehmen. „Die Herausforderung besteht darin, die Orchestrierung transparent zu machen und dabei trotzdem den warmen Klang zu erhalten“, resümierte der russische Altmeister seine ersten Eindrücke aus Bayreuth. Erst vor kurzem feierte der Maestro mit den flatternden Händen einen umjubelten „Parsifal“ in Wien. Die Aura des heiligen Grals stand dort im Mittelpunkt seiner musikalischen Konzeption.

In Bayreuth ist jedoch alles anders, schreibt Christian Thielemann in seinem Buch „Leben mit Wagner“. Im „Abgrund“ dürfe man nicht einen auf Aura machen, keine Nebel wallen lassen, sondern peinlich darauf achten, was in den Noten steht – hier sind die Qualitäten eines Kapellmeisters gefordert „Außerdem gibt es in Bayreuth nur einen Star, und der ist seit 1883 tot.“ Auch Superstar Anna Netrebko, die dieses Jahr an der Seite Piotr Beczalas im „Lohengrin“ ihr Bayreuth-Debüt geben wird, hat sich dieser Prämisse zu fügen.

In Wien herrschen wiederum ebenso eigene Gesetze. Nicht nur akustisch, auch politisch weht hier ein anderer Wind. Selbstverständlich ziehen in der Wiener Staatsoper ebenso alle an einem Strang, um die große Tradition und den weltberühmten Ruf weiterhin in alle Welt hinauszutragen. Der heimliche Star im „ersten Haus“ am Ring ist jedoch kein Sänger, kein Dirigent und kein Komponist: In Wien regieren die weltberühmten Wiener Philharmoniker, die sich aus den Reihen des Staatsopernorchesters rekrutieren. Dieses selbstbewusste Orchester möchte gehört und gesehen werden, keineswegs möchte es in den Tiefen eines Orchestergrabens verschwinden. Der vermutlich höchste Graben der Welt stellt Zeugnis darüber.

Für Sänger des dramatischen Fachs kein einfaches Spiel, gilt es diesen wuchtigen Orchesterklang erstmal zu durchbrechen. Wer in Wien als Tristan, Isolde, Brünnhilde oder als Wotan reüssiert, der besteht in jedem anderen Opernhaus dieser Welt – vor allem in Bayreuth!

Wiener Staatsoper – Zuschauerraum. © Michael Pöhn

Die Wiener Staatsoper ist alles andere als ein Wagner-freundliches Opernhaus. Die architektonischen Voraussetzungen für einen guten Wagner-Klang scheinen für Christian Thielemann recht offensichtlich zu sein: Die Proportionen des Zuschauerraums müssen stimmen, von der Form her ist ein leicht gestrecktes Oval immer besser als eine Schuhschachtel, das Wagner-Orchester mit seinen rund 120 Mann sollte in den Graben passen und – dieser darf nicht zu hoch liegen!

Nicht einmal der mächtige Herbert von Karajan war in der Position, den Orchestergraben um läppische zehn Zentimeter senken zu lassen. Selbst er, dessen Worte einem Gottesurteil glichen, und der sich umgeben sah von lauter „Kriechern“ (Zitat: Otto Schenk), stieß mit seinen Forderungen gegen eine Wand. So viel dazu, wer in der Wiener Staatsoper mehr als nur ein gewichtiges Wort mitzuentscheiden hat.

Doch das hat auch seine Vorzüge. Wer es liebt, sich in einem dominanten, voluminösen Orchesterklang zu suhlen, wer den unvergleichlichen „Wiener Klang“ erleben möchte, und wer die verführerische Energie der Maestros mit Haut und Haaren aufsaugen möchte, der wird in der Wiener Staatsoper sein zweites Zuhause finden.

Egal ob Bayreuth oder Wien, beide Häuser haben ihre grundverschiedenen Tücken, aber ebenso gleichen sie einander in einigen Punkten. Keines der beiden Opernhäuser könnte qualitativ den Standard halten, gäbe es den „Maestro suggeritore“ nicht. Eine Spezies, die es nur noch in den großen Repertoirehäusern und im Bayreuther Festspielhaus benötigt. Der Maestro suggeritore unterstützt den Dirigenten bei seiner Arbeit, er wiegt die Sänger in Sicherheit.

In beiden Opernhäusern wird Musikgeschichte geschrieben. Beide Institutionen leben von ihrer großen Tradition, sind enorm schwierig zu bespielen und gelten zu den bedeutendsten Opernhäusern dieser Welt. Um beide ranken sich Mythen, in beiden ereignen sich Dramen – sowohl abseits als auch auf der Bühne –, und in beiden Häusern werden Sänger gefeiert wie nirgendwo anders auf dieser Welt.

Jürgen Pathy, 25. Juli 2019, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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