Elphi HH: Das Tonhalle Orchester Zürich zelebriert an drei aufeinanderfolgenden Abenden Bruckner

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi  Elbphilharmonie, 10., 11. und 12. November 2022

Baby-!-geschrei im dritten Konzert verstummte rasch, als die jungen Mütter peinlich berührt aus dem Saal geschlichen sind.

(Tonhalle Orchester Zürich beim Schlussapplaus Bruckner; Foto Patrik Klein)

Paavo Järvi zaubert einen überirdischen Klang in Hamburgs
Top-Konzertsaal

von Patrik Klein

Eines der traditionsreichsten Orchester Europas war an drei aufeinanderfolgenden Abenden zu Gast an der Elbe und bescherte dem gebannten Zuhörerkreis in der restlos ausverkauften Elbphilharmonie neue Maßstäbe in Sachen Bruckner. Die Sinfonien sechs, acht und zuletzt drei kamen zu Gehör. Sie wurden flankiert von Klassikern und seltener gespielten Werken der Konzertszene.

Nach dem zweiten Abend musste ich auf Facebook meinen Emotionen freien Lauf lassen:

„Bei Bruckners achter Sinfonie wurden die Trommelfelle mal so richtig durchgebürstet und die Synapsen auf Null gesetzt – Was für ein Konzert!? – Was für ein Orchester!? – Welch herrlicher Klang, wie von einem anderen Stern!? – Mit unglaublich präziser Wucht, technischer Perfektion aber auch zartem seidigem Glanz in den leisen Passagen spielte das großartige Tonhalle Orchester aus Zürich Bruckners achte Sinfonie – und das einleitende Stück von Arvo Pärt (Cantus in Memoriam Benjamin Britten) war kein Appendix am abendfüllenden Programm, sondern herrliche Musik, die ich bislang nie hörte – die Hütte tobte – zu Recht – Morgen folgt der dritte Streich.“

Paavo Järvi mit der Konzertmeisterin beim Schlussapplaus; Foto Patrik Klein

Die Zuhörer an den drei Abenden waren höchstdiszipliniert und jeder Zwischenapplausversuch der wenigen unerfahrenen „En-passant-Konzertbesucher“ wurde weggezischt. Babygeschrei im dritten Konzert verstummte rasch, als die jungen Mütter peinlich berührt aus dem Saal geschlichen sind.

Noch einmal gab sich dann das Spitzenorchester aus der Schweiz am Samstag die Ehre. Insgesamt hörte man dreimal Bruckner, zweimal Pärt und je einmal Mozart und Messiaen.

Am abschließenden Abend gastierte der wunderbare Pianist und Komponist Fazıl Say, selbst ein Tausendsassa und ein Glücksfall für Mozart, der seinen Part bei dessen Klavierkonzert KV 488 quasi mit dirigierte, mitfühlte und dabei mit leiden musste. Er fand zudem auch noch  die Zeit und Gelegenheit, während seines Einklangs mit Mozart mit der Konzertmeisterin musikalisch zu flirten. Was man so alles auf dem Konzertpodium erleben kann? Das Klavierkonzert wurde bejubelt und als Zugabe gab er eine Eigenkomposition zum besten, bei der orientalische Klänge erzeugt wurden, indem er eine Hand fast immer auf den Saiten des Klavieres bewegte und so einen bisher nie gehörten Sound erzeugt.

Fazıl Say nach seiner Zugabe am Klavier; Foto Patrik Klein

Der dem Hamburger Publikum bestens bekannte estnische Chefdirigent der Kammerphilharmonie Bremen und Musicdirector des Tonhalle Orchesters Zürich, Paavo Järvi, leitete die drei Abende mit einer stoischen Erhabenheit, exakten Einsätzen und ausgewogener Dynamik. Er entlockte seinem Orchester höchste Präzision und wunderschöne Klangfarben vor allem bei Bruckners achter Sinfonie, die noch lange im Gedächtnis haften werden.

Eine Serie von Sternstunden in der Elbphilharmonie Hamburg.

Die unfassbar grandios spielende Horngruppe nach Bruckners achter Sinfonie; Foto Patrik Klein

Das Programm der drei ausverkauften Abende:

Olivier Messiaen
L’ascension / Quatre méditations symphoniques

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 6 A-Dur

Arvo Pärt
Cantus in Memoriam Benjamin Britten

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 8 c-Moll (Zweite Fassung)

Arvo Pärt
Fratres

Wolfgang Amadeus Mozart, Solist Fazıl Say (Klavier)
Konzert für Klavier und Orchester A-Dur KV 488

Zugabe Fazıl Say: Eigenkomposition mit orientalischen Klängen und einer Hand häufig auf den Klaviersaiten

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 3 d-Moll

Patrik Klein, 14. November 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Viktoria Mullova, Estnisches Festivalorcher, Paavo Järvi, Kölner Philharmonie

Philharmonia Orchestra, Hilary Hahn, Paavo Järvi, Elbphilharmonie Hamburg, 30. Januar 2019

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert