Tonkünstler, Fabien Gabel und Alisa Weilerstein im Musikverein Wien: Herzergreifendes Stoßgebet und Kuss der leichten Muse

Tonkünstler Orchester-Niederösterreich, Fabien Gabel, Alisa Weilerstein,  Musikverein Wien

Foto: Alisa Weilerstein © Decca / Harald Hoffmann

Musikverein Wien, Großer Saal, 13. April 2019
Tonkünstler Orchester-Niederösterreich
Fabien Gabel, Dirigent
Alisa Weilerstein, Cello

Richard Strauss, Liebesszene. Orchesterzwischenspiel aus „Feuersnot”
Ernest Bloch, Schelomo. Hebräische Rhapsodie für Violoncello und Orchester
Erich Wolfgang Korngold, Sinfonietta, op. 5

von Jürgen Pathy

In einer fortschreitend säkularisierten Welt, in der Religion immer mehr in den Hintergrund rückt, kann Musik für viele Menschen zum sicheren Hafen werden. Zur Oase, zu einem Zufluchtsort, der Sicherheit, Geborgenheit und innere Stille bescheren kann. Eine entspannte Atmosphäre herrscht auch im Musikverein Wien am Vorabend des Palmsonntags, des Tages, an dem Jesus Christus unter Jubelstürmen in Jerusalem einzog, um nur einige Tage später am Kreuze zu landen.

Gekreuzigt werden soll Fabien Gabel, 43, Musikdirektor des Quebec Symphony Orchestra, auf keinen Fall. Mag der Franzose, eigentlich kein unerfahrener Dirigent, bei seinem Tonkünstler-Debüt anfangs noch so verkrampft, überfordert und unsicher wirken.

Die schwere Bürde, dem israelischen Volke in Ernest Blochs „Schelomo“ eine nachdrückliche Stimme zu verleihen, scheint erdrückend. Diese hebräische Rhapsodie ist ein düsterer, beinahe dem Wahnsinn gleichender Dialog zwischen König Salomo, dessen Stimme das Cello wiedergibt, und dessen Volk, dargestellt durch das Orchester.

Programmmusik, die aufgrund ihrer Schwärze und Düsternis je nach Interpretation einem nervenaufreibenden Psychodrama gleichen kann. Der pure Wahnsinn. Tiefste Verzweiflung. Vor allem wegen des aggressiven, teils jämmerlich klagenden Geschreis des Volkes, das Gabel den Tonkünstlern jedoch nicht zu entlocken vermag. Zu harmlos wirken die Streicher, bleibt der Aufschrei des Volkes aufgrund Salomos Maßlosigkeit im halbherzigen Versuch stecken. Wenn man da an einige Aufnahmen denkt, die im Netz kursieren, lässt Gabel Düsternis, Verzweiflung und Anklage vermissen.

Überzeugend hingegen Alisa Weilerstein, 37, die amerikanische Cellistin, die sich aufgrund ihrer Elgar-Einspielungen unter Daniel Barenboim oftmals des großen Vergleichs mit Jacqueline du Pré nicht verwehren kann. Die Silhouette in ein knallrotes Abendkleid gehüllt, zieht sie nicht nur alle Blicke auf sich, sondern auch die Energie und Weisheit des Königs Salomon, mit der sie voller Hingabe letztendlich das Volk hinter sich vereint. Egal ob im heftigen Zwiegespräch oder in düsteren Monologen, die Cellistin erkämpft sich regelrecht das Gehör der Hebräer als auch des Wiener Publikums. Absolute Ruhe im Saal.

Als Krönung – vor allem an Intensität und Tiefgang – erweisen sich jedoch die wenigen Minuten, in denen Alisa Weilerstein zu Ehren des Heilands ein kurzes, aber herzergreifendes Stoßgebet gegen den Himmel richtet. Mit der Zugabe, der Sarabande aus der vierten Cello-Suite von Johann Sebastian Bach, erweist sie der beginnenden Karwoche und allen Gläubigen die gebührende Ehre. Eine Frau, ein Cello und nichts anderes als die pure Schönheit und Intensität der Musik. It’s as simple as that: Oftmals benötigt es nicht viel mehr, um das Göttliche in der Musik augenscheinlich werden zu lassen. Ein Soloabend der Cellistin, die bereits seit ihrem 14. Lebensjahr auf der Bühne steht, mit Bachs Cello-Suiten wäre sicherlich nicht zu verschmähen.

Versöhnlich schließt auch Fabien Gabel den Abend. Mag Korngolds Sinfonietta op. 5, deren seichter Ton Assoziationen an die Filmmusik hochkommen lässt, nicht jedermanns Sache sein, Gabel scheint darin sichtlich aufzublühen. Mit ausladenden Bewegungen, etwas eingeengt nur durch den bestimmt um eine Nummer zu kleinen Frack, entführt er den Goldenen Saal ein wenig in die Traumfabrik Hollywood. Wie aus einem Blockbuster der 1960er-Jahre schweben plötzlich Audrey Hepburn und Fred Astaire grazil über die imaginäre Leinwand, die sich aufgrund der heiteren, elegant vorgetragenen Musik über der Orgelbalustrade flimmernd offenbart.

Glaubt man den strahlenden Gesichtern, die links und rechts aus den Logen hervorblicken, scheint der Kuss der leichten Muse auch beim Rest des Publikums vollends eingeschlagen zu haben.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 14. April 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.