Musikverein Wien:
Mahlers Fünfte als erleuchtendes Ereignis

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Yutaka Sado, Alice Sara Ott,  Musikverein Wien, 8. März 2019

Foto: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich © Martina Siebenhandl
Musikverein Wien, Goldener Saal,8. März 2019
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich
Yutaka Sado, Dirigent
Alice Sara Ott, Klavier

von Jürgen Pathy

Ein Besuch im Goldenen Saal des Musikvereins Wien kann Leben verändern, er kann bereichern und Sehnsüchte erfüllen. In dieser surrealen Welt erzählt jeder Stuhl, jede Vertäfelung und jedes noch so unbedeutend wirkende Inventar große Geschichten. In diesem Bollwerk der alten Gepflogenheiten herrschen jedoch eigene Regeln. Hier wachen noch die Gralshüter, herrschen Sitte, Anstand und Tradition. Dennoch wagen es von Zeit zu Zeit rot geschnürte Springerstiefel oder junge Damen, die ihr Schuhwerk gleich in der Künstlergarderobe abstreifen in dieses Refugium einzudringen.

Alice Sara Ott, 30, die zierliche Silhouette in ein silbernes Abendkleid gehüllt, gesellt sich barfuß dem Tonkünstler-Orchester und dessen Chefdirigenten Yutaka Sado hinzu. Ein frischer Wind, ein Hauch der Hippie-Attitüde macht sich breit. Doch heute steht kein Janis Joplin Revival auf dem Programm, auch keine Pink Floyd Reunion, heute reichen Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler die Hand.

Doch die sprichwörtlich helfende Hand, nach der Ott mit traumwandlerischen Kopfbewegungen zu suchen scheint, kann die deutsch-japanische Pianistin anfangs noch nicht greifen. Ein ungewöhnlicher Verlegenheitsfehler schleicht sich ein, lässt sie einen technisch relativ einfachen Ton verschlucken. Es dauert eine Weile bis der perlende Klang und die Angriffslust des c-Moll Klavierkonzerts sich offenbaren wollen. So richtig warm gespielt haben sich die eleganten Finger erst im Largo. Da schweben Komponist und Pianistin, zwei Leidensgenossen vor dem Herren, Hand in Hand durch den Saal und zelebrieren ein herzergreifendes Gebet in E-Dur. Sehr weiblich, sehr intim, interpretiert Ott, der erst Anfang des Jahres Multiple Sklerose attestiert wurde, diesen bewegenden Mittelsatz.

Wirklich zu Hause fühlen  dürfte sich die gebürtige Münchnerin mit Wohnsitz in Berlin-Kreuzberg jedoch in französischen Gefilden. Ihr laut eigener Angaben „grundsätzlich heller Charakter mit Faszination zur dunklen Seite“ manifestiert sich erst richtig in der Klangmalerei des Komponisten Eric Satie, dessen 1. Lent [Gnossiennes] sie als Zugabe spielt. In dieser traumwandlerischen Welt voller Melancholie, losgelöst von Zeit und Raum, wandelt sie spürbar auf vertrautem Terrain.

Ein Klangerlebnis, das vielversprechend wirkt, das den ganzen Saal in Trance versetzt. Ein somnambuler Schwebezustand, der die Lust auf mehr impressionistische Klangmalereien entfacht – auf mehr Alice Sara Ott. Ein bezaubernder Vorgeschmack auf kommende Klavierabende im Zeichen der Romantiker und Impressionisten Eric Satie, Claude Debussy, Maurice Ravel und Frédéric Chopin: am 14. Mai 2019, im Prinzregententheater München; am 16. Mai, in Duisburg; am 19. Mai, im Festspielhaus Baden-Baden.

Ebenso empfehlenswert und überwältigend ist die Intensität, Strahlkraft und Souveränität, mit der Yutaka Sado, 57, seine Tonkünstler durch die Mahler‘ sche Fünfte manövriert. Durch kräftig grollende Fortissimo- Ausbrüche des Trauermarsches. Durch das glasklare Adagietto, das Sado und sein Orchester als erleuchtende Vision im Kampf gegen die Düsternis deuten. Keine Spur von melancholischen Nebelschwaden. Selbst Wagners „Tristan und Isolde“, die Mahler anscheinend in böser Vorahnung durch das ganze Mammutwerk streunen lässt, beeinträchtigen die Positivität des Orchesters in keinster Weise. Hier wird zum Angriff geblasen, wird versucht der Düsternis den Wind aus den Segeln zu nehmen, und dem Licht den Einzug zu gewähren.

Ein erleuchtendes Ereignis, das man auf keinen Fall versäumen sollte. Mein Leben hat es verändert, hat es bereichert, und meine Sehnsüchte hat es erfüllt. Wen wundert’s, berücksichtigt man Yutaka Sados musikalische Wurzeln. Kein Geringerer als der große Leonard Bernstein, der Mahler-Experte schlechthin, hat den Japaner in jungen Jahren gefördert und zu dessen Assistenten befördert.

Mittlerweile selbst zum Maestro gereift, hat sich Sado des Erbes seines Lehrmeisters angenommen – nicht nur im traditionsreichen Musikverein Wien, auch auf der folgenden Deutschland-Tournee kann man sich davon überzeugen.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 10. März 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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