Mehr Beethoven und Schubert sollte er spielen: Víkingur Ólafsson im Wiener Konzerthaus

Víkingur Ólafsson, Klavier  Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 2. Dezember 2025

Víkingur Ólafsson Pianist © Ari Magg

Fast wie eine Mahler-Sinfonie – ohne Pause, rund 80 Minuten „attacca“. So spielt Víkingur Ólafsson seinen Bach, Schubert und Beethoven. Alles in E-Dur und e-Moll, im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Schubert und Beethoven liegen ihm, besser als Bach sogar, mit dem der kühle Blonde aus Island bekannt geworden ist.

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 2. Dezember 2025
Víkingur Ólafsson, Klavier

von Jürgen Pathy

Der muss sich was gedacht haben. Nachdem in den Gängen laut diskutiert wird: „Du weißt schon, dass es keine Pause gibt.“ Víkingur Ólafsson spielt fünf Werke in einem durch. Schnell wird klar: Die Konzeption ist Plan. Zum Start E-Dur, Bachs Präludium aus dem wohltemperierten Klavier, dazwischen drei Werke in e-Moll, am Ende wieder E-Dur. Beethovens Meisterwerk, Opus 109, ein Spätwerk, mit dem Ólafssons seinen Auftritt im Wiener Konzerthaus krönt. „Attacca“ spielt er alle Werke, sodass keine Chance bleibt zum Husten, Stören oder jegliches Räuspern.

Das Gesamtkonzept, das ich mir spinne, wirft Ólafsson schnell um. Hoffnungsvoll endend, so wie bei Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, schießt mir durch den Kopf. Das könnte Ólafssons Idee gewesen sein. Im „Ring“ enden alle vier Opern in Dur, egal wie düster es zuvor gewesen sein mag.

Bei Ólafsson klingt aber wenig düster. Eher verträumt, impressionistisch beinahe, wie er Beethovens Op. 90 in e-Moll gestaltet. Fast schon wie einen Schwank aus Schumanns Œuvre. Eine Fantasie beinahe – leicht und schwebend. Ebenso Schuberts Klaviersonate in e-Moll D 566, ein unvollendetes Werk. Für Ólafsson steht aber fest: Es ist vollkommen, wie es ist, in nur zwei Sätzen. Der Ton, den er dabei trifft, ist verzaubernd, weich, verführend – um einem gerade in Wien aufzuzeigen: Schubert muss nicht morbide sein, der hat auch andere Stärken. So wie Ólafsson selbst, den man eigentlich nur mit Bach assoziiert.

Die Goldberg-Variationen hat er rauf und runter gespielt. Damit hat er sich einen Namen gemacht. Dabei liegen ihm Schubert und Beethoven viel besser. Das hört man vor allem zum Ende, in Opus 109 von Beethoven. Dort passiert ihm, Ólafsson, 41, dem dandyhaften Typen, der als junger Professor in Hogwarts auch gute Figur machen würde, nämlich eines nicht: die fast schon manieristische Art und Weise, Tempi in den Vordergrund zu stellen, reine Technik. Wie bei Bachs Partita Nr. 6 in e-Moll, die er zuvor durchforstet hat. Fast schon stillstehend in den langsamen, innigen Teilen. Rasend schnell, wenn sich die Möglichkeit auftut – aber: die Musikalität beinahe aus den Augen verlierend.

Schubert und Beethoven nehmen ihm diese Chance schon von vornherein. Auch wenn er die Tempi bei Beethovens Op. 109 ebenso in einen großen Kontrast stellt. Beethoven bietet weniger Steilvorlagen (Schubert ebenso). Weil die Partitur anderes fordert: Leidenschaft, Transzendentales, die komplette Auflösung des Egos in Musik, wie bei Beethovens op. 109 – und Ólafsson nimmt sie mit Handkuss. So wie das Publikum die vier Zugaben, mit denen Ólafsson den Klaviermarathon schließt.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 4. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm:

Johann Sebastian Bach, Präludium 9 E-Dur BWV 854 (Das wohltemperierte Klavier, Band I) (1722)

Ludwig van Beethoven, Sonate e-moll op. 90 (1814)

Johann Sebastian Bach, Partita Nr. 6 e-moll BWV 830 (1726–1731)

Franz Schubert, Sonate e-moll D 566 (1817)

Ludwig van Beethoven, Sonate E-Dur op. 109 (1820)

Yuja Wang und Vikingur Ólafsson Philharmonie Berlin, 30. Oktober 2024

Goldberg-Variationen, Johann Sebastian Bach, Víkingur Ólafsson, Pianist Wiener Konzerthaus, 4. November 2023

Tschechische Philharmonie, Víkingur Ólafsson, Klavier, Semyon Bychkov, Dirigent Kölner Philharmonie, 24. Oktober 2022

Víkungur Ólafsson, Claude Debussy, Jean-Philippe Rameau, CD-Besprechung

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