Eine faszinierende transepochale Entdeckungsreise: Víkingur Ólafsson bringt Debussy und Rameau zusammen

Víkungur Ólafsson, Claude Debussy, Jean-Philippe Rameau,  CD-Besprechung

„Gibt es Bindungen, die über historische Epochen und Aufführungskonventionen hinausreichen und alles miteinander verknüpfen – bis in unsere Gegenwart? Nach dem Hören dieser CD muss man das eindeutig bejahen.“

CD-Besprechung:
Debussy • Rameau (Deutsche Grammophon, 27. März 2020, UPC 00028948377015)

Víkingur Ólafsson, Klavier

von Dr. Holger Voigt

Selbst vielen eingefleischten Musikkennern ist der Name Víkingur Ólafsson (noch) kein Begriff. Fast wäre man geneigt, ein Zitat Wolfgang Amadeus Mozarts zu rezitieren, als dieser über den jungen Ludwig van Beethoven sagte: „Auf den gebt Acht – der wird einmal in der Welt von sich reden machen.“

Wer also ist nun dieser Víkungur Ólafsson?

Víkingur Ólafsson wurde am 14. Februar 1984 in Reykjavík, Island geboren. Durch seine Mutter, eine Klavierlehrerin, lernte er schon früh das Klavierspielen und wurde dann später an der Juilliard School in New York City, USA als Pianist ausgebildet. Dort erwarb er den Bachelor- und Master-Degree. Im Laufe seiner gerade erst beginnenden solistischen Laufbahn als Pianist gewann er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, bis er dann schließlich von der Deutschen Grammophon exklusiv unter Vertrag genommen wurde. Er ist ein Vertreter der sich gegenwärtig mächtig entwickelnden isländischen Musikkultur-Szene, bei der einem mitunter der Begriff der „jungen Wilden“ in den Sinn kommen kann, wenn man deren Vielfalt und Dynamik beobachtet.

Bereits sein Debüt-Album („Debut“, 2009) ließ aufhorchen. Ihm folgten “Chopin – Bach” (2011), “Winterreise” (2012), „Philip Glass: Piano Works“ (2016), “Johann Sebastian Bach” (2018), “Bach Reworks Part 1” (2018) und “Bach Reworks Part 2” (2019). Nun legte er ein weiteres, neues CD-Album vor, das am 27. März 2020 erschienen ist: “Debussy • Rameau”. Kein Komma oder Bindestrich zwischen den beiden Komponistennamen, sondern ein bedeutsamer Verknüpfungspunkt: Das sagt alles.

Víkingur Ólafsson lag nicht an einer bloßen Zusammenstellung verschiedener Kompositionen dieser beiden Komponisten, die gänzlich unterschiedlichen Musikepochen angehören: Jean-Philippe Rameau (1683-1764) ist einer der bedeutendsten Komponisten des Barock, wohingegen Achille-Claude Debussy (1862-1918) dem Impressionismus zuzurechnen ist. Historisch sind sie damit fast zwei Jahrhunderte voneinander entfernt, musikalisch aber – davon ist Ólafsson überzeugt – befinden sie sich auf künstlerischer Augenhöhe und scheinen dieselbe intentionale Ausdruckssprache zu sprechen. Würden beide heute noch leben – hätten sie sich dann etwas voneinander zu erzählen, und wenn ja, was? Diese Frage packte und fesselte den jungen Isländer schon früh, da er immer wieder bei der Erarbeitung und Ausführung ihrer Klavierkompositionen auf eine inhärente künstlerische Verwandtschaft gestoßen war, die den historischen Abstand zwischen ihnen gleichsam aufzuheben vermochte.

Auf dieser CD tritt der Hörer eine faszinierende Entdeckungsreise an. Ólafsson reiht die ausgewählten Stücke (Préludes et Pièces de Clavecin) so aneinander, dass sie sich fast ineinander ausdehnen. Kompositorische Unterschiede in Art und Anlage der Stücke, Ausdruck zeithistorischer Aufführungspraxis und Ausführungskonventionen, schieben sich in den Hintergrund und machen Platz für das Verbindende. Völlig überrascht wird dem Hörer deutlich, wie nahe sich die Komponisten tatsächlich sind, die ja zeitlich so weit voneinander entfernt scheinen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass Rameaus virtuos-höfischer Ansatz durchaus mit impressionistischen Klangfarben unterlegt ist, am besten hörbar in „Musette en rondeau“ und „Gigues en rondeau“ unter formaler Bindung an Tanzkompositionen (rondeau).

Andererseits imponieren Debussys Stücke am Beginn oft wie Rameaus Kompositionen, wechseln dann aber allmählich in immer moderner erscheinende Klangfolgen („Jardins sous la pluie“, „Serenade for the doll“). In „The Snow is dancing“ verwendet Debussy nahezu tonmalerische Techniken, in denen man die herumwirbelnden Schneeflocken geradezu hören und sehen kann.

In „Les Tendres Plaintes“ und „L’Entretien des Muses“ wiederum baut sich bei Rameau eine geradezu magische Klangatmosphäre auf, die voll und ganz impressionistische Züge trägt.

„Des pas sur la neige“ (Debussy) wirkt in seiner düsteren Stimmungslage hochmodern, weist also selbst bei Debussy noch weiter in die Zukunft.

Rameaus „La Joyeuse“ und „Les Cyclopes“ wirken virtuos-verspielt, das letztere zudem rhythmisch betont, und erinnern an ein tonmalerisches „Geschnatter”, so als hätte tatsächlich Debussy diese Stücke komponiert.

Kernstück der CD ist für mich Rameaus „The Art and the Hours“ in der eigenen Bearbeitung von Víkingur Ólafsson. Bei diesem Stück handelt es sich um einen großartigen kompositorischen „Blend“ (Mischung), bei dem der Eindruck entsteht, dass Rameau, Debussy und Ólafsson gemeinsam vor dem Klavierflügel sitzen und spielen, nachdem sie sich lange Zeit ausgetauscht haben. Ein grandioser Höhepunkt auf diesem Album, bei dem man unvermittel aufmerkt und feststellen muss, wie nahe alles an Bach heranreicht.

Debussys „La Fille aux cheveux de lin“ (stellenweise an ein Spiritual erinnernd) und „Ondine“ (sehr modernistisch geprägt) bündeln noch einmal die künstlerische Breite des Komponisten, wohingegen Rameau in den Blöcken „Pièces de clavecin en concerts (1741)“ und „Nouvelles Suites de Pièces de Clavecin“ sehr deutlich die Nähe zu Bach illustriert.

Ólafsson ging es in diesem Album also darum, den transepochalen musikalischen und emotionalen Bezug und Rückbezug beider Komponisten, die hier nahezu als fiktive Protagonisten fungieren, ans Licht zu befördern. Gibt es also Bindungen, die über historische Epochen und Aufführungskonventionen hinausreichen und alles miteinander verknüpfen – bis in unsere Gegenwart? Nach dem Hören dieser CD muss man das eindeutig bejahen.

Ólafsson versteht seine CD-Einspielung am ehesten wohl als eine Art „magisches Zwiegespräch“ dieser beiden Komponisten, deren Dialog er, in aller Demut, lauschen und ihn moderieren darf. Dabei – und das ist das besonders Schöne an diesem Album – drängt er sich als pianistischer Interpret nie in den Vordergrund, verstellt also nie den Blick auf die Kompositionen: er dient ihnen. Seine äußerst subtile, empfindsame und wohltemperierte Spielweise und Anschlagtechnik dient allein der Expression, sie beherrscht sie nicht, trotz aller Virtuosität. Er bleibt durchgehend der hochsensible, aber zurückgenommene Beobachter, ein transepochaler Zeitzeuge.

Wer das herauszuhören in der Lage ist, wird belohnt mit einer wunderbaren Hörerfahrung einer zutiefst berührenden und friedfertig sich auflösenden Musik: So hat man das noch nicht gehört, man wünscht sich manchmal, die Musik möge nie aufhören. Und wenn man dann, nach mehrmaligem Hören gar nicht mehr unterscheiden kann, welcher Komponist gerade ertönt, dann hat Víkingur Ólafsson sein geheimes Ziel erreicht und eine magische Verbindung zwischen Komponisten, Solisten und Zuhörer im heutigen Jetzt geschaffen.

Dieses Album ist eine wahre Kostbarkeit. Und wenn man dann noch weiß, dass Ólafsson sich schon lange mit dem Gedanken trug, diese Magie zu enthüllen, aber sich erst konkret damit auseinanderzusetzen begann, als sich die Geburt seines Sohnes immer und immer wieder verzögerte, wird man sich glücklich schätzen, dass der Sohn so geduldig gewartet hat.

Dr. Holger Voigt, 2. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner: Das Rheingold, Die Walküre, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Sir Simon Rattle CD-Besprechung

Claude Debussy (1862-1918)

La damoiselle élue. Poème Lyrique

Prélude (Original Version)

Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

Pièces de clavecin (1724)

Le Rappel des oiseaux

Rigaudons 1, 2 & Double

Musette en rondeau

Tambourin

La Villageoise

Gigues en rondeau 1 & 2

Claude Debussy (1862-1918)

Estampes

3. Jardins sous la pluie (Original Version)

Children’s Corner

3. Serenade for the Doll (Original Version)

4. The Snow Is Dancing (Original Version)

Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

Pièces de clavecin (1724)

Les tendres plaintes

Les tourbillons

L’entretien des Muses

Claude Debussy (1862-1918)

Préludes – Book 1

6. Des pas sur la neige (Original Version)

Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

Pièces de clavecin (1724)

La joyeuse

Les Cyclopes

Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

Víkungur Ólafsson (*1984)

The Arts and the Hours

Claude Debussy (1862-1918)

Préludes – Book 1: 8. La fille aux cheveux de lin (Original Version)

Préludes – Book 2: 8. Ondine (Original Version)

Jean-Philippe Rameau (1683-1764)

Pièces de clavecin en concerts (Original Version, 1741)

La Cupis, in D minor (Cinquième concert)

L’indiscrète, in B flat major (Quatrième concert)

La Rameau, in B flat major (Quatrième concert)

Nouvelle Suites de Pièces de Claviecin (1726/27)

La Poule

L’Enharmonique

Menuets 1 & 2

Les Sauvages

L’Égyptienne

Claude Debussy (1862-1918)

Images – Book 1: 2. Hommage à Rameau (Original Version)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.