„Die Siebte zu dirigieren ist wie eine archäologische Grabung vorzunehmen“

Wiener Philharmoniker · Barenboim, Salzburger Festspiele
Großes Festspielhaus, 26. August 2017

Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Daniel Barenboim

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 7 e-Moll

von Raphael Eckardt

Die Wiener Philharmoniker und die Salzburger Festspiele – das ist eine innige Beziehung, die nun bereits hundert Jahre andauert und fast die komplette Geschichte dieses außergewöhnlichen Klassikfestivals umreißt. Die beiden Kulturhauptstädte Österreichs, vielleicht sogar des gesamten deutschsprachigen Raums, an einem Fleck musikalisch vereint: Das verspricht Emotionen der Extraklasse und ein musikalisches Weltniveau.

Als Orchester der Wiener Staatsoper waren die Philharmoniker das Festspielorchester der ersten Stunde – seit 1917 tritt dieses außergewöhnliche Ensemble mit großer Regelmäßigkeit zur Sommerzeit im Salzburger Festspielhaus auf – zeitweise als einziges Orchester, dem diese besondere Ehre zu dieser besonderen Jahreszeit zuteil wurde.

1917 ist an diesem Tag ein gutes Stichwort: Einerseits, weil die Idee zu den Salzburger Festspielen in diesem Jahr ins Leben gerufen wurde, andererseits, weil Gustav Mahler nur dreizehn Jahre zuvor die Kompositionsarbeiten zu seiner siebten Sinfonie vollendet hatte. An diesem Vormittag soll sie unter der Leitung von Daniel Barenboim zum Besten gegeben werden. Ein Werk aus der Anfangszeit einer innigen Beziehung also: Zwischen zwei Kulturhauptstädten, von einem Altmeister dirigiert, der in seiner Autobiografie den humorvollen Beweis dafür erbringt, dass er Mahler durch und durch verstanden hat: „Die Siebte zu dirigieren ist wie eine archäologische Grabung vorzunehmen“, schreibt Barenboim. Man müsse in dunkle Winkel schauen, um die Musik ans Licht zu bringen und zu begutachten. Und genauso nähert er sich auch an diesem Tag Mahlers Musik: Stets mit Vorsicht, aber dennoch mit nachhaltigem Drang zur musikalischen Sensation.

BarenboimBarenboims dunkle Winkel sind zu Beginn ein akustisches Puzzlespiel: Da wähnt man sich in einem Spiegellabyrinth, das das musikalische Antlitz Mahlers in tausenden von Perspektiven auf immer neu erscheinende Wände projiziert. Große Dynamikgegensätze zwischen der Blechbläsergruppe und den Streichern schaffen schroffe Konturen, die sich eigentlich nur schwer miteinander vereinen lassen. Barenboim gelingt es trotzdem: Indem er Stilbrüche zu einer Einheit verbindet, die man beinahe als neue Kunstform aufgreifen kann. Pianissimo, Fortissimo; auf sanft anmutende Legatofiguren folgt herbes Marcato. Es entsteht eine Welt, die ein wenig surreal anmutet und den Zuhörer beinahe verloren im Saal zurücklässt. Barenboims Interpretation ist von großer Klasse, aber man muss sich ausgiebig mit diesem Komponisten beschäftigt haben, um sie nachvollziehen und verstehen zu können. Da wird sich der Altmeister wohl auch gedacht haben: Wenn ich diese Musikalität einem Publikum zutrauen kann, dann dem, das in Salzburg zuhört. Gewagte Tempi, mit teils schwerem aber stetigem Puls versehen: Barenboim zerpflückt die Partitur Mahlers Takt für Takt. Das hat er schon immer so gemacht und immer gingen die Meinungen zu diesem Thema auseinander: An diesem Vormittag greift sein Weg der Annäherung an Mahlers Musik – auch weil das Publikum die Ansätze des ewigen Großmeisters erkennt und gut aufnimmt.

Die nächsten drei Sätze, zwei dunkelfarbige „Nachtmusiken“ und ein leicht umherschwingendes Scherzo, sind von Stilbrüchen durchzogen: Hier ein wenig Folklore, da ein wenig Jazz: Mahler spielt in seiner „Siebten“ mit den Stilelementen aus verschiedenen Kulturen. Genau das führt laut Barenboim leicht „zu Vulgarität und Bombastischem“. Doch Barenboim theatralisiert an diesem Tag wenig: Die Wiener Philharmoniker spielen mit beinahe minimalistischer Agogik und bahnen sich gekonnt ihren Weg durch den musikalischen Dschungel Mahlers. Barenboim erklärte einmal, es sei seine musikalische Mission, „Mahler zu reinigen.“ Genau das gelingt an diesem Samstagvormittag in Salzburg mit Bravour.

Dass das Publikum begeistert applaudiert, verwundert nicht. Und genau deshalb muss man die Salzburger Konzertbesucher an diesem Abend loben: Mit erstaunlicher Sicherheit nehmen sie Barenboims musikalische Botschaften an und feiern ihren Altmeister am Dirigierpult beinahe bis in den Himmel.  Und Barenboim? Der hat gerade seine ganz persönliche Mahlermission mit Bestnote erfüllt und tritt bescheiden zur Seite. Dabei verweist er auf sein großartiges Orchester und lächelt beinahe schüchtern in die weite Runde. Ganz unvulgär, ganz unbombastisch, ganz Barenboim.

Raphael Eckardt, 26. August 2017, für
klassik-begeistert.de

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