"Cosi fan tutte" in Neapel – Riccardo Muti dirigiert nach 34 Jahren wieder in seiner Heimatstadt

Wolfgang Amadeus Mozart, Cosi fan tutte, Riccardo Muti,  Teatro di San Carlo, Napoli

Foto: Wikipedia.de (c)
Teatro di San Carlo, Napoli
, 27. November 2018
Wolfgang Amadeus Mozart, Cosi fan tutte

Musikalische Leitung: Riccardo Muti
Regie: Chiara Muti
Fiordiligi: Maria Bengtsson
Dorabella: Paola Gardina
Despina: Emmanuelle de Negri
Ferrando: Pavel Kolgatin
Guglielmo: Alessio Arduini
Don Alfonso: Marco Filippo Romano

von Kirsten Liese

Für eine exquisite Mozart-Aufführung reist man schon mal nach Italien.  Dort bestehen  jedenfalls die besten Aussichten,  eine szenische Produktion unter Riccardo Mutis Leitung zu erleben, eine ansprechende noch dazu, zählt der inzwischen 77-Jährige doch zu den letzten Großen, die fragwürdige Regiekonzepte konsequent ablehnen. Regisseure,  die nicht davor zurückscheuen, Mozart nach Strich und Faden zu verhunzen,  stehen also nicht zu befürchten, wo auch immer der geniale Verdi- und Mozartinterpret am Pult steht. Entsprechend rar hat er sich als Operndirigent allerdings auch gemacht, lassen sich doch nur an wenigen, vorzugsweise italienischen Bühnen seine Vorstellungen realisieren.

Sage und schreibe 34 Jahre ist es her, dass der Maestro zuletzt in Neapel gewirkt hat. Nun ist er in seine Geburtsstadt Neapel zurückgekehrt und beschert dem geschichtsträchtigen, prächtigen am Teatro di San Carlo Wolfgang Amadeus Mozarts „Cosi fan tutte“.

Seine Tochter Chiara Muti, die bei dem unvergessenen Giorgio Strehler in die Schule ging, hatte mit ihrem Vater zuvor schon einmal in Rom zusammengearbeitet, sie erweist sich auch für diese Koproduktion mit der Wiener Staatsoper dank einer luftig-leichten, zeitlosen Inszenierung als ideale Partnerin, um das schon einmal vorwegzunehmen.

Das größte Zugpferd des Abends  ist zweifellos Muti, der – von dem verbreiteten Trend des Schnellspielens verschont- die Musik in moderaten Tempi filigran ausziseliert, vorzugsweise in den lyrischen  Arien und Duetten. Entsprechend leise, zärtlich, intim und damit sängerfreundlich musiziert das Teatro di San Carlo über weite Strecken.

Nur stehen auf der Bühne keine ebenbürtigen, erstklassigen Sänger, sondern solche, die sich  hörbar schwer tun mit den hohen, oft unterschätzten Ansprüchen ihrer Partien.

Beginnen wir mit Maria Bengtsson, die in früheren Jahren schon eine bessere Fiordiligi abgegeben hat: Sie singt mit einem leichten Wobble, in den Spitzen flattert die Zunge. Die Felsenarie  Como scoglio  leidet darunter, dass die Sopranistin sich schwer damit tut, Linien zu singen und in höheren Registern forciert. Noch dazu fehlt der Schwedin der lange Atem für die teils langen Phrasen in langsamerem Tempo, sie gelangt deshalb oftmals schon vor dem Orchester an deren Ende an.

Am besten gelingen Bengtsson einige hohe Pianotöne in der zweiten großen Arie  Per pieta, ben mio, was beweist, dass ihr Sopran am schönsten klingt,  wenn sie ihre Kopfstimme einsetzt, nur tut sie das nicht konsequent.

Das tut einem leid für die Sängerin, die, anmutig in der Erscheinung wie eine Bilderbuch-Fiordiligi daherkommt, aber eben nicht annähernd so schöne, edle Klänge hervorzubringen in der Lage ist  wie die großen Mozartinterpretinnen vergangener Zeiten, Schwarzkopf, Della Casa, Janowitz.

Von schlanker Stimmführung kann auch bei der Dorabella von Paola Gardina nicht die Rede sein, auch sie singt mit unschönem Vibrato, noch dazu geraten ihr ein paar Töne in ihrer ersten Arie Smanie implacabili eine Spur zu tief. Das Publikum in Neapel bemerkt solche Schwächen. Ein Beifall für die Arie bleibt aus – bitter für die Interpretin.

Am besten unter den Damen gefällt die Despina von Emmanuelle de Negri, ein hübscher heller Sopran, schlank geführt,  keck im Ausdruck. Und wenn sie als ulkiger Notar mit Riesenbauch die Stimme quäkend verstellt, ist das ein glänzendes Kabinettstückchen für sich.

Bei den männlichen Protagonisten herrscht ein ähnlicher Eindruck: Der Ferrando des Russen Pavel Kolgatin tönt in der Mittellage geschmeidig und schön, Spitzentöne forciert er aber auch. Unscheinbar bleibt der Guglielmo von Alessio Arduini, er singt sich mit engem  Dauertremolo durch seinen Part. Mit seinem profundem Bariton ragt Marco Filippo Romano als weiser, gewiefter Don Alfonso, der den beiden Einfaltspinseln mit seinem gewagten Liebesexperiment eine Lehre erteilt,  aus dem Männer-Trio als Souverän heraus.

Aber schwärmen wir noch ein bisschen über die Inszenierung,  nur selten hat man ja dazu Anlass.

Überzeugend liefert Chiara Muti mit ihrer lichten, anmutigen Inszenierung den Gegenentwurf zu einer anderen unvergessenen klugen Regiearbeit aus jüngerer Zeit, jener von Patrice Chéreau im Theater an der Wien (2006). Der zog die Geschichte von den beiden jungen Männern, die ihre Freundinnen einer riskanten Treuprobe unterziehen, von sehr ernster Seite auf und unterstrich die Zerbrechlichkeit der Liebe. Am Ende standen die vier jungen Menschen vor deren Trümmern. Psychologisch war das sehr überzeugend, zumal bis dato kein Regisseur den Konflikt in dieser Ernsthaftigkeit ausgestellt hatte. Nur spricht die Musik keine ganz so düstere Sprache.

Chiara Muti findet von daher eine bessere Balance zwischen Ernst und Heiterkeit. Da darf es in den Liebeswirren analog zu Libretto und Partitur  lustig zugehen, an hübschen Ideen dazu mangelt es nicht. Vielfältig beleben weiße Bänder flatternd die Szenerie, wenn sich Fiordiligi und Dorabella ihre Mieder schnüren,  Despina die Liebesbande zwischen den Mädchen und ihren vermeintlich vor Kummer sterben wollenden Verehrern befördert oder alle zusammen die Bänder munter im Takt der Musik schwingen.

Sympathisch zeitlos wird die Inszenierung auch dank einer Ausstattung und Kostümen (Alessandro Lai), die unterschiedliche Epochen vom Rokoko bis zur Gegenwart stilvoll und organisch miteinander verbinden.

Von den weißen Wänden, die Leila Fteitas Bühnenraum begrenzen, bröckelt schon der Putz, die glitzernde künstliche Meereslandschaft im Hintergrund erinnert an moderne Kunst. Und im Zentrum  gibt es dank einer Vielzahl unterschiedlichster Requisiten stets Abwechslung:  Beim Schlagabtausch über die bessere Geliebte spielen Ferrando und Guglielmo Federball, die Schwestern tauschen sich über ihre Liebsten in Liegestühlen mit Sonnenschirmchen aus. Dann gibt es noch einen verzauberten barocken Garten mit maskierten Hirschen, in dem sich die Schwestern ihren Verführern ergeben als wär’s ein Sommernachtstraum, und einen Heißluftballon, mit dem  Despina nach erfolgreicher Kupplerei in die Lüfte entschwindet. Man kann sich an dieser von Spaß, Schalkhaftigkeit, Poesie und Weisheit durchdrungenen Produktion eigentlich gar nicht satt sehen. Was hätte das mit einem besseren Ensemble für ein großartiger Abend werden können!

Allerdings beschleichen einen Zweifel, ob sich so  geniale Mozartsänger wie Elisabeth Schwarzkopf, Gundula Janowitz oder Anton Dermota heute überhaupt noch finden lassen. Vorzugsweise die Soprane, die an anderen großen Häusern in Partien wie Fiordiligi oder Figaro-Gräfin zu erleben sind, verfügen meist auch nicht – oder nicht mehr – über die Qualitäten der Großen von einst. Das stimmt am Ende  ein bisschen traurig.

Unwillkürlich fällt einem dazu ein Satz der Marschallin im Rosenkavalier ein:  „S’ist halt vorbei“.  Ist das so?

Kirsten Liese, 29. November 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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