Gewusel im Festspielhaus

Götterdämmerung, R. Wagner,  Bayreuther Festspiele

Götterdämmerung, Richard Wagner
Bayreuther Festspiele, 16. August 2016

Tobias Rüther, 48, und Andreas Kühler, 48, aus München sind erfahrene Festspielbesucher. Sie sind das siebte Mal in Bayreuth und besuchen an diesem Abend die Einzelaufführung der „Götterdämmerung“, den vierten Teil des „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Obwohl sie Text, Musik und Handlung sehr gut kennen, blättern sie in beiden Pausen im kleinen Textbuch von Reclam. „Schade, dass es in Bayreuth keine Übertitel gibt“, sagt Tobias Rüther. „Leider sind die Sänger größtenteils nicht zu verstehen.“

Eine Einschätzung, die auch von Renate Eckert-Scholz, 59, und Norbert Scholz, 68, aus Bremen geteilt wird. „Ich habe auch das Textband vermisst“, sagt Renate Eckert-Scholz. Die Bremer und die Münchner gehörten zu den zahlreichen Besuchern an diesem Abend, die den Worten Wagners nur schwer folgen konnten. Das lag vor allem an den beiden Hauptprotagonisten: Stefan Vinke als Siegfried und Catherine Foster als Brünnhilde, die große Passagen textunverständlich sangen.

Ansonsten gingen die Gesangsleistungen auseinander. Den meisten Applaus – trotz ihrer Textunverständlichkeit – bekam zurecht die Britin Catherine Foster, die bis zum Ende einen kraftvollen, glänzenden Sopran gab, der auch in den piano-Stellen mit Gefühl und raumergreifend zu überzeugen wusste.

Den zweitmeisten Applaus bekam der Däne Stephen Milling als Hagen. Der Bass gibt einen voluminösen, ausdrucksvollen, verschlagenen Bösewicht ab, der es auf den Ring, das Gold und die Tarnkappe abgesehen hat. Nur in den Höhen hat er an diesem Abend bisweilen ein wenig Probleme.

Stimmlich sehr präsent in blühenden Baritonfarben, textverständlich und auch schauspielerisch überzeugend ist Markus Eiche als Gunther. Den Schmerz, den er bei der Blutsbrüderschaft mit Siegfried erleidet, konnte man mitfühlen.

Allison Oakes als Gutrune und Marina Prudenskaya als Waltraute machen ihren Job gut, hinterlassen aber keinen nachhaltigen Eindruck an diesem Abend. Fehlerlos und rein singen die wunderbar spielenden koketten Rheintöchter (Alexandra Steiner, Stephanie Houtzeel und Wiebke Lehmkuhl) und die traurigen Nornen (Lehmkuhl und Houtzeel und dazu: Christiane Kohl).

Die schwächste Leistung liefert der Tenor Stefan Vinke als Siegfried ab. Die Worte, die er singt, sind selten zu verstehen. Die Töne trifft er fast immer sicher, auch das hohe C, aber seine Stimme wirkt müde und belegt, ihr fehlt die Strahlkraft eines Andreas Schager, der in Bayreuth als Erik im „Fliegenden Holländer“ und als Parsifal-Ersatz für Klaus Florian Vogt überzeugte. In Berlin hatte Schager im Juni als Siegfried in der Staatsoper im Schiller Theater den Saal zum Toben gebracht. Vinke kann besser singen als an diesem Abend; er bekommt ein paar Bravos und ansonsten für Bayreuther Verhältnisse verhaltenen Applaus.

Am „Ring des Nibelungen“ unter der Regie Frank Castorf scheiden sich die Geister. Kulisse für die „Götterdämmerung sind profane Döner Bude sowie ein Obst- und Gemüseladen in einem Berliner Kiez; da sind deftige Massen- und Chorszenen im zweiten Aufzug; da sind filigrane Kameraeinstellungen von den Sängern, die Aktionen und Reaktionen eindrucksvoll zeigen; da sind auch überflüssige, ablenkende Videos; da ist die zuerst in Christo-Manier eingehüllte New York Stock Exchange als Manifestation des Turbo-Kapitalismus, den Frank Castorf anprangert.

„Musikalisch ist diese ‚Ring’-Produktion eine Offenbarung, szenisch ein Offenbarungseid“, schreibt Deutschlands wichtigste Musikkritikerin Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Frank Castorf bräuchte, um seine mit zynischer Lustigkeit reich garnierte Kritik am Kapitalismus im Stadium von dessen Selbstauflösung auf der Bühne darzustellen, nicht unbedingt Wagners ‚Festspiel für drei Tage und einen Vorabend’ als Vorlage. Er könnte jedes x-beliebige andere Theaterstück dafür zerschreddern. Oder sich selbst einen Plot ausdenken. Umgekehrt kann die Musik zu Wagners ‚Ring’ keinen Nutzen aus den diversen zirzensischen Verzierungen und Karikaturen, Nebenhandlungen und Übermalungen ziehen, im Gegenteil. Sie spielt trotz alledem. Oder vielmehr: Sie spielt auf ihrem eigenen Stern. Und die Sängerinnen und Sänger sind es, die diesen Widerspruch ein ums andere Mal auszutragen haben.“

Positiver als die FAZ sieht es die Bayreuther „Hauszeitung“, der „Nordbayerische Kurier“: „Gut möglich, dass Frank Castorf die ‚Götterdämmerung’ von allen vier „Ring“-Teilen vor allem deshalb am besten gelingt, weil Castorf mit dieser Menge an Zeit – viereinhalb Stunden, mit Pausen sechseinhalb – am besten umgehen kann“, schreibt Florian Zinnecker. „Bei keinem seiner großen Abende in der Berliner Volksbühne und anderswo kam er mit weniger Zeit aus, es war eher mehr, er ist auf der Langstrecke am besten. Wie lange ein Gedanke haltbar ist, wann es neue Reize braucht, wann ein kleiner Gag reicht und wann es die Keule sein muss. Er beherrscht die Dramaturgie der Langstrecke im Schlaf. Es ist die Sorte Dramaturgie, die sich auf die Zuschauer verlässt, die mit ihnen rechnet anstatt sie anzufassen und sie zu unterhalten.“

Gefeierter Star des Abends ist Maestro Marek Janowski, der mit 77 Jahren sein heißersehntes Bayreuth-Debüt gibt. Er nimmt keinerlei Rücksicht auf das Gewusel auf der Bühne. Was Tempo und Dynamik angeht, nimmt er auch nicht sonderlich Rücksicht auf die Sänger. „Die innere Spannung des Dirigats hat mir sehr gut gefallen“, bilanziert Karl Russwurm, 58, aus München. „Das Werk zerfällt nicht in einzelne Phrasen.“ Der Mann muss es wissen: Er ist Vorsitzender des nach Mannheim zweitältesten Richard Wagner Verbands in Deutschland.

Andreas Schmidt, 17. August 2016
klassik-begeistert.de

 

10 Gedanken zu „Götterdämmerung, R. Wagner,
Bayreuther Festspiele“

  1. Die Leistung von Stefan Vinke als Siegfried war an diesem Abend grandios. Selten gibt es einen Siegfried, der die schwierigen Teile dieser für Tenöre sehr anstrengenden Partie so mühelos und höhensicher singt. Und der Vergleich mit Schager hinkt: Schager hat eine eher dünne Stimme; und schauspielerisch kann er mit Vinke schon gleich gar nicht mithalten. Die Ausführungen zur Textverständlichkeit teile ich ebenfalls nicht im Ansatz: Von einem Hügelbesucher, der einen Klassik-Blog betreibt, erwarte ich, dass er den Text auswendig kann. Schließlich ist die Aufführung einer Oper, sofern alles stimmt, ein Gesamtkunstwerk.

    1. Lieber Ulrich van de Chor,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Bei den Gesangsleistungen scheiden sich bekannterweise die Geister. Ich habe Andreas Schager in Berlin als Siegfried gehört. Er war deutlich besser als Stefan Vinke. Den GESAMTEN Text der „Götterdämmerung“ kennt wohl kein Mensch auswendig.

      Mit besten Grüßen

      Andreas Schmidt

  2. Wer geht denn mit einem Reclam-Heft in eine Opernaufführung? Vorher! Vorher muss man sich die Partitur (oder meinetwegen den Klavierauszug) vornehmen und die Oper am Klavier durcharbeiten, dann braucht man sich auch nicht zu beschweren, dass man während der Aufführung im Bayreuther Festspielhaus „kein Wort versteht“. Überhaupt: als ob es bei Oper darauf ankäme, dass man den Text versteht. Den hat man im Kopf, im Herzen.
    Und was wir von Renate Eckert-Scholz zu halten haben? „Ich habe das Textband vermisst.“ Aber die Dame würde Zitate aus „Siegfried“ wie „Mit dem Auge, das als anderes dir fehlt“ ohnehin nicht erkennen, obwohl sie nun schon „seit 47 Jahren jedes Jahr nach Bayreuth fährt“ und den „Siegfried schon 53 Mal gesehen“ hat. Noch mit dem Rudi Schock als Alberich. Jaja, schon recht. (Richtiger Name des Kommentators ist dem Blog bekannt.)

    1. Sehr geehrter Herr M., das schmückt Sie: Sie scheinen zu den 0,00001 Prozent aller Opernbesucher zu gehören, die den Text von Richard Wagners „Götterdämmerung“ auswendig aufsagen können. Das ist wirklich à la bonne heure! 99,99999 Prozent aller Opernbesucher schätzen es indes, während einer Aufführung den Text auf einem Textband mitzulesen. Dass Sie dies nicht nötig haben, adelt Sie. Sie könnten sicherlich über Wagner habilitieren. Bitte senden sie mir Ihr Oeuvre zu, wenn Sie damit fertig sind. Ich werde es gerne in meinem Blog rezensieren. Ihnen noch viel Freude auf dem „Grünen Hügel“ unter Ihresgleichen wünscht Andreas Schmidt

      1. Sehr geehrter Herr M., bitte schreiben Sie doch nächstes Mal gerne unter Ihrem richtigen Namen, damit die Leser von klassik-begeistert.de sich von Ihnen ein noch besseres Bild machen können.

      2. Sie wollen allen Ernstes im Bayreuther Festspielhaus Übertitel oder wie es Frau Eckert-Scholz bezeichnet: ein Textband?
        Demnächst kommen Sie und sagen, 99,99999 Prozent aller Opernbesucher schätzen Armlehnen: „Ich möchte jetzt gerne im Bayreuther Festspielhaus im Parkettsessel eine Armlehne.“
        Und weil ich Hamburger bin gerne ein Fischbrötchen bei Wotans Abschied. Wolfgang Wagner würde sich im Grabe umdrehen. Von Gudrun ganz zu schweigen. Aber machen Sie mal den Vorschlag mit dem „Textband“ bei Katharina Wagner. Ich glaube, Sie rennen offene Türen ein.

  3. In dem ganzen Artikel erfährt man nichts, außer, dass die dummen Leute aus Bremen und München den Text nicht verstanden haben?!? Hallo? Dr. Ecksack

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Ecksack, die „dummen Leute aus Bremen und München“, von denen Sie sprechen, sind in Wahrheit nicht dumm. Sie lieben Richard Wagner und haben schon etliche Aufführungen in Opernhäusern rund um den Globus verfolgt. Die meisten Opernbesucher dürften möglicherweise nicht mit derselben Vorbildung ihrer Leidenschaft nachgehen, als jemand wie Sie, der sicher schon mit zwei Jahren „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi auf der Geige zu spielen vermochte. Ihnen weiterhin einen schönen Operngenuss wünscht mit besten Grüßen Andreas Schmidt

      1. Bezüglich Opern habe ich leider gar keine Vorbildung, bin auch gänzlich unmusikalisch. Meine Mutter hat mal 1976 im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg zwei Nächte verlebt, ansonsten hatte ich mit Oper nichts am Hut. Ich bin nur durch Zufall auf den Blog gestoßen und habe mich lediglich gewundert: in dem ganzen Artikel erfährt man nichts, außer, dass die dummen Leute aus Bremen und München den Text nicht verstanden haben?!? Dr. Ecksack

        1. Lieber Herr Kommentator, vielen Dank für Ihre regen Mails. Warum schreiben Sie eigentlich unter Pseudonym? Haben Sie Angst, in den Opernhäusern von Lesern von klassik-begeistert.de richtig angesprochen zu werden? Oder mögen Sie Ihren Nachnamen nicht? Sie hätten doch sicherlich viel zu erzählen bei Ihrem Opern-Wissen. Mit besten Grüßen Andreas Schmidt

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