Zwischen Ekstase und Erdenstaub: Die Azrieli-Preisträger 2024

CD/Blu-ray Besprechung: New Jewish Music Vol. 5  klassik-begeistert.de, 7. März 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Azrieli Music Prizes: New Jewish Music, Vol. 5

JORDAN NOBLES
kanata, for SATB voices a cappella
I. kanata
II. Epilogue – Home

JOSEF BARDANASHVILI
Light to My Path, Choral Fantasy for Mixed Choir, Saxophone, Percussion and Piano

YAIR KLARTAG
The Parable of the Palace, for Choir and Four Double Basses

JUAN TRIGOS
Simetrías Prehispánicas (Pre-Hispanic Symmetries)

 

Musicians of the Orchestre symphonique de Montréal and the OSM Chorus
Andrew Megill – Conductor and Chorus Master

Analekta, AN 2 9265

von Dirk Schauß

Wenn ein Label wie Analekta das fünfte Album einer Reihe veröffentlicht, die sich ausschließlich zeitgenössischen Kompositionsaufträgen widmet, könnte man trockene Theorie erwarten. Doch weit gefehlt. Die Einspielung der Azrieli Music Prizes 2024 ist kein akademisches Pflichtprogramm, sondern eine hochemotionale Weltreise, die vom kanadischen Ahornwald bis in die staubigen Ruinen der Azteken führt. Das Orchestre symphonique de Montréal und sein fantastischer Chor unter der Leitung von Andrew Megill beweisen hier, dass „neu“ nicht „unzugänglich“ bedeuten muss.

Kanadische Weite und georgische Seelenpein

Der Reigen beginnt mit Jordan Nobles. Sein Werk „kanata“ ist eine klanggewordene Landkarte Kanadas. Wer Nobles kennt, weiß um seine Vorliebe für räumliche Konzepte. In „kanata“ und dem anschließenden „Epilogue – Home“ lässt er den Chor wie ein atmosphärisches Naturphänomen agieren. Es ist eine meditative, heilende Reflexion über das, was wir „Heimat“ nennen. Ein Klangteppich, auf dem man barfuß durch weite Landschaften wandern möchte.

Ganz anders die Energie bei Josef Bardanashvili. Seine Choral-Fantasie „Light to My Path“ ist ein echtes Schmankerl für Liebhaber vokaler Grenzgänge. Bardanashvili verknüpft seine georgischen Wurzeln – diese unvergleichliche, erdige Polyphonie – mit den Psalmen des Alten Testaments. Spannend, wie im dritten Titel die jahrhundertealte Tradition, die hier in die Moderne übersetzt wird, dramatischer Gesang im Wechsel mit plötzlichen Ruhemomenten. Von tiefer Skepsis bis zur religiösen Ekstase deckt Bardanashvili die gesamte menschliche Gefühlspalette ab. Andrew Megill führt den Chor dabei durch schwierigste Passagen, als wäre es ein Kinderspiel.

Philosophie und aztekische Urgewalt

Einen hypnotischen Moment liefert Yair Klartag mit „The Parable of the Palace“. Wer hätte gedacht, dass eine mittelalterliche Parabel des Philosophen Maimonides, gesungen in originalem Judeo-Arabisch, so packend sein kann? Die Besetzung ist bereits eine besondere Aussage: ein Chor und vier (!) Kontrabässe. Diese tiefen Frequenzen erzeugen eine Bodenhaftung, die im krassen Kontrast zu den ätherischen Höhen des Chores steht. Es ist eine musikalische Meditation über die Grenzen der Vernunft – düster, geheimnisvoll und von einer klanglichen Weite, die man über gute Kopfhörer genießen sollte.

Den fulminanten Abschluss bildet Juan Trigos mit seinen „Simetrías Prehispánicas“. Ein Gongschlag und dann verlässt die CD den Pfad der Kontemplation und taucht ein in die rituellen Rhythmen Mexikos. Trigos nutzt Texte in Spanisch und Nahuatl, um die Kosmologie der Azteken heraufzubeschwören. Besonders in den Sätzen „The war is coming“ und „War“ entfaltet sich eine rohe, gewalttätige Energie. Es ist keine bequeme Musik, aber sie ist von einer Ehrlichkeit und rhythmischen Präzision, die den Hörer atemlos zurücklässt.

Ein Manifest der Vielfalt

Diese Einspielung ist ein Plädoyer für die Kraft der menschlichen Stimme und die Vielfalt kultureller Identitäten. Sharon Azrieli hat mit diesen Preisen eine Plattform geschaffen, die weit über das bloße „Fördern“ hinausgeht: Sie lässt Welten kollidieren. Dank der exzellenten Aufnahmetechnik von Analekta und der interpretatorischen Klarheit von Andrew Megill ist dies eine wirklich ungewöhnliche CD.

Dirk Schauß, 7. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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