Semyon Bychkov dirigiert den böhmischen Mahler zurück in die Heimat

Gustav Mahler, Sinfonien 1 – 9, Tschechische Philharmonie, Semyon Bychkov  klassik-begeistert.de, 22. April 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Ein tschechischer Mahler, der seine Herkunft stolz trägt. Die böhmische Seele hat einen neuen, sehr überzeugenden Anwalt gefunden.

Gustav Mahler   Sinfonien 1 – 9

Tschechische Philharmonie
Semyon Bychkov, musikalische Leitung

Pentatone, PTC 5187490

von Dirk Schauß

Manche musikalische Begegnung wirkt so schlüssig, dass man sich fragt, warum sie nicht schon früher in dieser Vollständigkeit stattgefunden hat.

Gustav Mahler, der ewige Wanderer zwischen den Welten, kehrt mit dieser Gesamteinspielung der Sinfonien eins bis neun dorthin zurück, wo sein Herzschlag den ersten Takt fand: in die tschechische Heimat. Mit der Tschechischen Philharmonie unter Semyon Bychkov schließt sich ein Kreis, der weit über bloße Katalogpflege hinausgeht. Es ist eine Reise zu den Wurzeln – in den böhmischen Nebel, den tschechischen Musikantenschwung und jenen unverwechselbaren Klang, den dieses Orchester seit Generationen in den Genen trägt.

Bychkov, einst als Feuerkopf am Pult berüchtigt für seine eruptiven Ausbrüche, präsentiert sich hier als gereifter, altersweiser Architekt. Wer das Peitschenknallen früherer Jahre sucht, wird überrascht sein von einer Lesart, die sich der Ruhe, der strukturellen Klarheit und einer vornehmen Zurückhaltung verschrieben hat. Das Projekt begann 2018 in Prag und ist nun bei Pentatone zu einem Monument angewachsen. Vor allem besticht es durch interpretatorische Integrität: Hier steht kein Selbstdarsteller am Pult, der Mahler als Vehikel für das eigene Ego missbraucht. Stattdessen nimmt Bychkov das Partiturbild ernst und bändigt die emotionalen Exzesse, die bei Mahler so leicht zur Karikatur verkommen, mit wohltuender Disziplin.

Diese neue Abgeklärtheit ist das prägende Merkmal der Edition – und zugleich ihr größtes Risiko. Bychkov bremst den Vorwärtsdrang dort, wo andere Dirigenten in Hysterie verfallen. In der Zweiten und besonders in der populären Fünften führt diese kontrollierte Herangehensweise dazu, dass die Musik mitunter etwas unterspielt, ja gebremst wirkt. Man vermisst gelegentlich das schiere Entsetzen, den Abgrund, der sich auftun müsste. Es ist ein Mahler, der stärker auf Konstruktion und architektonische Klarheit setzt als auf pure Katastrophe. Das wird nicht jeden überzeugen.

Doch wo Schatten ist, leuchtet das Licht umso heller. Die erste Sinfonie – die Mahler einst kurz nach einem Aufenthalt in Prag vollendete – hat am meisten überrascht und berührt. Hier strotzt die Aufnahme nur so vor originellen Einfällen und fein herausgekitzelten Details, die in vielen Hochglanzproduktionen der letzten Jahrzehnte untergegangen sind.

Semyon Bychkov © Marco Borggreve

Es ist ein Mahler zum genauen Hinhören, kein Mahler zum bloßen Überwältigtwerden. Besonders in den langsamen Sätzen findet der Zyklus seine eigentliche Bestimmung. In der Dritten, Vierten, Sechsten und Neunten lässt Bychkov den Prager Klangkörper herrlich blühen. Das Orchester darf singen – mit einer Hingabe, die zu Tränen rühren kann. Die Streicher besitzen eine Seidigkeit, die nie ins Klebrige abgleitet, und die Holzbläser agieren mit jener charakteristischen, holzigen Farbigkeit, die man bei den glattpolierten Global-Orchestern zwischen London und Berlin oft vergeblich sucht.

Ein besonderes Lob verdient die klangliche Eigenart der Tschechischen Philharmonie. Es gibt sie noch, diese regionalen Besonderheiten: die unverwechselbaren, starken Bläserfarben, die vergleichsweise hellen, silbrigen Becken, die den gewaltigen Entladungen eine lichtdurchflutete Note verleihen. Bychkov setzt diese Farben treffsicher ein. Er lässt dem Orchester Raum, ohne die Zügel ganz schleifen zu lassen – eine analytische Schärfe, die nie trocken wirkt. Man hört hier eher die große, besonnene Tradition eines Rafael Kubelík als die nervöse Modernität heutiger Pultstars.

Auch die vokale Besetzung lässt kaum Wünsche offen. Christiane Karg und Elisabeth Kulman bringen genau die richtige Mischung aus Innigkeit und Souveränität mit. Ein echter Glücksfall ist der Tenor David Butt Philip, dessen gewichtiges Organ den tückischen Höhen und dramatischen Ausbrüchen in der Achten mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit begegnet. Adam Plachetka und der Philharmonische Chor Prag fügen sich nahtlos ein. Es ist eine echte Gemeinschaftsleistung, getragen von tiefem Verständnis für die literarischen und volksliedhaften Wurzeln der Texte.

Aufnahmetechnisch bewegt sich der Zyklus auf höchstem Niveau. Die Ingenieure haben die enorme Dynamik von Mahlers Klangwelten eingefangen, ohne die Transparenz zu opfern. Man hört das Knistern in der Stille ebenso wie den gewaltigen Aufschrei des vollen Apparats – ein räumliches, plastisches Klangbild, das die Atmosphäre des Prager Rudolfinums direkt ins Wohnzimmer holt.

Wer eine Gesamteinspielung sucht, die nicht auf schnelle Effekte setzt, sondern auf die langsame Entdeckung von Strukturen und Farben, wird hier fündig.

Bychkov liefert keinen Mahler für das flüchtige Vorbeihören. Es ist eine Edition für Kenner, die bereit sind, sich auf ein gemäßigteres Tempo und tiefere Reflexion einzulassen. Die kleinen Schwächen in der Dramatik mancher Sätze werden durch die überragende Poesie der Adagios und die klangliche Pracht des Orchesters mehr als wettgemacht. Am Ende bleibt der Eindruck einer monumentalen Leistung. Bychkov hat sich mit diesem Zyklus ein Denkmal gesetzt – eines, das nicht in jeder Sekunde vom Stuhl reißt, aber durch Ernsthaftigkeit, Integrität und tschechische Seele besticht.

Wer hätte gedacht, dass der einstige Sturm-und-Drang-Dirigent bei Mahler so viel Milde und Sanftmut finden würde? Es steht ihm gut zu Gesicht, und Mahler ebenfalls. Man darf gespannt sein, ob diese Ruhe der Beginn einer ganz neuen Phase in seinem Schaffen ist. Bis dahin bleibt dieser Zyklus als glanzvolles Zeugnis einer glücklichen Verbindung zwischen Dirigent, Orchester und Komponist.

Ein tschechischer Mahler, der seine Herkunft stolz trägt. Die böhmische Seele hat einen neuen, sehr überzeugenden Anwalt gefunden.

Dirk Schauß, 22. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Semyon Bychkov, Dirigent, Tschechische Philharmonie Musikverein Wien, 2. und 3. März 2025

Sir András Schiff, Klavier, Tschechische Philharmonie Dirigent: Semyon Bychkov Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 11. März 2024

Tschechische Philharmonie, Víkingur Ólafsson, Semyon Bychkov Kölner Philharmonie, 24. Oktober 2022

Tschechische Philharmonie, Víkingur Ólafsson, Klavier, Semyon Bychkov, Dirigent Kölner Philharmonie, 24. Oktober 2022

Grafenegg Festival 2021, Tschechische Philharmonie, Semyon Bychkov Grafenegg, Auditorium, 27. August 2021

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