Ich bin erschüttert! Unausweichlich muss die eine sterben, damit die andere Königin bleiben kann

Brett Dean, Of One Blood Nationaltheater, München, 10. Mai 2026 PREMIERE

Mary flüchtet nach England, Schlussbild des ersten Akts. Johanni van Oostrum, Vera-Lotte Boecker, Ensemble © Monika Rittershaus

Die Uraufführung von Brett Deans Oper Of One Blood in München ist im ersten Teil ein durchgehendes Druckfurioso. Strengt an. Ist so gewollt. Im zweiten Teil differenzieren sich Musik und die beiden Hauptrollenstimmen hervorragend aus. Die emotionale Tiefe, die bittere, doch unausweichliche Konsequenz der Entscheidung erscheint großartig in der Musik. Großer Applaus für alle. Standing Ovations für Komponist und Librettistin.
Johanni van Oostrum als Elizabeth und Vera-Lotte Boecker als Mary geben der beiden Königinnen Qual intensivsten Ausdruck. Stark!

Of One Blood
Oper in zwei Akten (2026, UA)

Komponist Brett Dean
Libretto von Heather Betts nach Texten von Mary Stuart, Elizabeth Tudor und anderen Quellen aus dem 16. Jahrhundert.

Musikalische Leitung Vladimir Jurowski
Inszenierung  Claus Guth

Elizabeth Tudor, Queen of England  Johanni van Oostrum
Mary Stuart, Queen of Scots  Vera-Lotte Boecker

Bühne  Etienne Pluss
Kostüme  Ursula Kudrna
Sounddesign  Bob Scott, Sven Eckhoff
Licht  Michael Bauer

Choreographie  Sommer Ulrickson
Chor  Christoph Heil

Dramaturgie  Yvonne Gebauer, Lukas Leipfinger

Bayerisches Staatsorchester

Bayerischer Staatsopernchor
Opernballett der Bayerischen Staatsoper

Nationaltheater, München, 10. Mai 2026 PREMIERE

von Frank Heublein

An diesem Abend findet im Nationaltheater München die Uraufführung der Oper Of One Blood des Komponisten Brett Dean statt. Es ist die Geschichte der beiden Königinnen Elisabeth I., Königin von England und Maria Stuart, Königin von Schottland.

Zwei Akte, die musikalisch verschieden klingen. Der erste vor der Pause ist fast ausschließlich durch Druck gekennzeichnet. Die Musik flirrt, flimmert, drückend, hektisch, dramatisch, wuchtig. Die beiden Königinnen sind machtmäßig auf Augenhöhe. Doch der Druck ist permanent und hoch. Kaum ein Innehalten. Mary schlägt sich mit ihrem Ehemann rum. Der ist machtgeil, will ihre Krone und ist der volle Macho. Mordet Marys Vertrauten Rizzio. Doch ihm ist dasselbe Schicksal beschieden, auch er wird gemeuchelt. Elizabeth ist genervt von den Lords, die sie ständig auf die Gefahr hinweisen, die von Mary ausgeht. Einprägsam ist die Szene, in dem Elizabeth dieses Drängen der Lords in einem Brief an ihre Cousine empathisch umformuliert. Wissend, dass sie und Mary in genau derselben Mühle der (kirchen-) politischen Bühne stecken.

Mary wird ihr Sohn abgenommen. Johanni van Oostrum, Vera-Lotte Boecker, Ensemble © Monika Rittershaus

Sopranistin Johanni van Oostrum singt Elizabeth, Sopranistin Vera-Lotte Boecker Mary. Beide werden im ersten Teil kompositorisch musikalisch in ihren Passagen schnell und konsequent an die Grenzen ihres Stimmumfangs getrieben. Beide Figuren wie Stimmen halten dem dauernden Druck ausgezeichnet stand. Emotionale Vielfalt ist in den meisten Momenten nicht Teil des Konzepts des ersten Akts. Zu deutlich steht der Fokus der Musik auf dem Thema Druck. Zerrüttet und angestrengt kämpfen die beiden Königinnen um die eigene Position.

Mary wird hingerichtet. Ensemble © Monika Rittershaus

Das ändert sich im zweiten Akt nach der Pause. Die Musik hält inne. Die Machtverhältnisse sind auf die Seite von Elizabeth gekippt. Die beiden Königinnen dürfen sich emotional wie sängerisch ausdifferenzieren. Was beiden hervorragend gelingt.

Johanni van Oostrum ist die eher von der Ratio kommende kühl denkende, analysierende und erkennende Regentin Elizabeth. Natürlich weiß sie, dass sie ihren Thron auch gegen die katholische Kirche festigen muss. Natürlich weiß sie, dass Mary ihren Thron bedroht. Zugleich hat sie keinerlei persönliche Animosität gegen ihre Cousine Mary. Die Klemme, in der sie steckt, singt Johanni van Oostrum eindrucksvoll und differenziert.
Einen klaren Hauch kühler, überlegter, kontrollierter und Ratio gesteuerter klingt ihre Stimme als die von Mary Stuart.

Letztere ist die Queen voller Drama. Vera-Lotte Boecker singt Mary als loderndes Emotionspaket. Der Sohn hat sich von ihr abgewendet. Elizabeth hat sie festgenommen. Sie ist verzweifelt und folgt ihrem Bauch: „Ich werde dieses Gefängnis nicht verlassen, / außer als Königin von Schottland und England!“. Versucht durch einen Anschlag auf Elizabeth den Thron zu ergattern. Im zweiten Teil schüttet sie stimmlich ihr Herz aus. Großartig!

Die intensivste Szene ist die, in der Elizabeth den Tod der Cousine beschließen muss. Marys Geist in Person Vera-Lotte Boeckers rückt dem Thron immer näher, verzweifelt. Auch musikalisch interessant. Denn das auf der Bühne stehende Cembalo und das Orchester klingen dabei momenthaft barock, um den Anklang gleich wieder modern zu brechen.

Johanni van Oostrum und Vera-Lotte Boecker © Monika Rittershaus

Vladimir Jurowski leitet das Bayerisches Staatsorchester präzise an. Er gibt streng das hetzende Tempo im ersten Akt vor. Unterstützt von elektronischen Einspielern wie etwa Schreibgeräuschen. Im zweiten Teil höre ich die Musik differenzierter. Einzelne Instrumente treten hervor. Etwa eine dunkel wabernde Marimba und ein Fagott, wenn Maria eingekerkert und entschlossen ist, nach beiden Kronen, der schottischen und englischen zu greifen. Auch der zweite Teil hat musikalisch hochdramatische Szenen. Doch ist dieser Akt für mich zugänglicher durch die größere musikalische Variabilität im Vergleich zum ersten Akt.

Da der erste Teil der Oper praktisch permanent aufregend ist, empfinde ich im zweiten Teil ambivalent. Ich hätte einer Fortsetzung des Dauerdrucks nicht standgehalten. Der zweite Teil fällt spannungsmäßig anfangs deutlich ab. So gut ich das finde, so klar ist das Empfinden, dass die Handlung druckloser ist. Die Dramatik sich in die Figuren verlagert. Das braucht einen längeren Moment in mir, diese innere Spannung nachzuvollziehen.

Eine strukturelle Herausforderung der Oper, die diese Inszenierung sehr gut meistert. Als Rahmen wird Westminster Abbey gewählt. In ihr sind die beiden Königinnen Seit an Seit bestattet. Hier wird zu Anfang und am Ende Marys Gedicht rezitiert, dass sie am Vorabend ihrer Hinrichtung verfasst hat. Die für mich wichtigsten Zeile: That I may have my share of everlasting joy (Dass ich meinen Anteil an ewiger Freude haben möge). Dazwischen dann der Konflikt der beiden um nichts weniger als das eigene Überleben.

Laboranten inspizieren Marys Grab © Monika Rittershaus

In der Inszenierung Claus Guths erscheint die Bühne als Labor. Die in weißen Ganzkörperanzügen steckenden Laboranten geleiten die Handelnden hinein. Als wären sie Labormäuse der Geschichte. Als würden sie beobachtet von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen – mindestens von mir als Teil des Publikums. Wie sich zwei Frauen aus einer Blutlinie dem Schicksal nicht entziehen können. Unausweichlich muss die eine sterben, um die Position der anderen zu sichern.

Großer einhelliger Applaus für alle Beteiligten. Der anwesende Komponist und die anwesende Librettistin bekommen Standing Ovations. Ein starkes Stück! Zwei grandiose Stimmen geben der beiden Königinnen Qual intensivsten Ausdruck.

Frank Heublein, 11. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gaetano Donizetti, Maria Stuarda Hamburgische Staatsoper, 26. Februar 2026

Gaetano Donizetti, MARIA STUARDA, Staatstheater am Gärtnerplatz, München

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