Maria Stuarda in München: Reduziertes Theater zwischen Konzert und Oper – Ausstieg aus der Unterhaltung

Gaetano Donizetti, MARIA STUARDA,  Staatstheater am Gärtnerplatz, München

Foto: © Christian POGO Zach
Gaetano Donizetti, MARIA STUARDA, Tragedia lirica
Staatstheater am Gärtnerplatz, München,
Premiere 22. März 2018

Von Tim Theo Tinn

„Man muss als Regisseur aussteigen aus der Idee, die Leute die ganze Zeit unterhalten zu wollen. Es ist ein Abend zwischen Konzert und Oper, ein reduziertes Theater!“ Weil es Belcanto sei, behauptet Michael Sturminger dies vor der Premiere (Abendzeitung). Er hat tatsächlich einen faden szenischen Aufguss der „Tragedia lirica“ – lyrische Tragödie – von Donizetti und Schiller abgeliefert.

Dabei hat Donizetti eine szenische dramatische Aufbereitung verlangt. Schöngesang-Tonschwelgereien müssen auf der Bühne aus der Geschichte entstehen. Auch nach 200 Jahren ist das wohl noch nicht angekommen. So wird Ideenarmut und offensichtliche Vorliebe zu den Salzburger Festspielen verkleistert. Dort hat der Regisseur während der Münchner Proben „Tosca“ inszeniert (Premiere am 25. März 2018).

Die Inszenierung der lyrischen Tragödie findet im Staatstheater am Gärtnerplatz nicht statt. Und trotzdem: wer sich an wunderschönen rein kulinarischen Opernmomenten erfreuen kann, findet ein Füllhorn der Unterhaltung: außerordentliche sängerische Leistungen und großartige Kostüme. Geboten wurde eine Gala in prächtigen Kostümen zu Donizettis Komposition. Der Rezensent hält das für antiquiertes Theater, erfreute sich an den schönen Momenten, ärgerte sich über die Mankos und ging angeregt nach Hause. Immerhin wurden zwei (tatsächlicher Ort und Zeit sind erkennbar) von drei aristotelischen Einheiten eingehalten.

Die Bühne ist ein modernistisch funktionaler Abklatsch, von dem, was man jetzt wohl so macht (siehe Besprechung „La Favorite“ hier im Blog: https://klassik-begeistert.de/gaetano-donizetti-la-favorite-bayerische-staatsoper-muenchen-28-februar-2018/). Die gute Idee der Drehbühne wurde durch viel zu enge Aktionsräume in den drei ersten Bildern zunichte gemacht. Zu viele Treppen (unattraktives Probebühnenzeug) verhinderte aktives Bespielen der Räume. Da musste sich die Königin dann auch mal auf eine hässliche Treppe zur Ausübung ihrer Regentschaft setzen. Insgesamt wurde konzertgemäß an der Rampe gesungen. Da entstand aber auch etwas Gutes. Ob der defizitären Spielfläche wurde von Ricarda Regina Ludigkeit, die offensichtlich die wesentliche Personenregie eingerichtet hat, vielfach eine sehr gute Mimik der Protagonisten trainiert. Das schuf hohe Eindringlichkeit trotz statuarischer Positionen, die somit nah am Publikum zu erleben ist.

Die Kostüme waren historisch, opulent – kulinarisch, schön und aufwendig. Der Chor scheint allerdings aus dem Fundus bedient worden zu sein. Da tauchte auch mal Flandern auf, ärgerlicherweise heutiger dunkler Straßenanzug und Ledersacko. Die Maske war bei den Damen (insbesondere Solistinnen) großartig, insbesondere das treffende Portrait der Elisabet (s. https://www.gaertnerplatztheater.de/de/pressedownload/index.html/Galerie=204). Leider wirkten alle Männer unfertig. Fehlende altersgerechte Maske, private Frisuren, eine private Brille sind defizitär. Einige Fundus-Bärte wiegen das nicht auf.

Orchester und musikalische Leitung von Anthony Bramall: die erwartete „Italianità“ ließ mit der Ouvertüre positiv aufhorchen, versandete dann aber doch etwas. Das große gebundene musikalische Erleben begrenzte sich in abgesetzten musikalischen Szenen, die Musik fand nicht dieses feine Schweben, Auflösen, Zusammenfließen in dieser Sturm-und-Drang-Komposition, manches war zu laut, deckte die Sänger zu und anderes zu getragen, hatte zu wenig Esprit. Es war gut, aber nicht überwältigend.

Die Sänger: eine sehr erfreuliche Riege hochqualifizierter Choristen und Solisten. Als besondere Qualität am Gärtnerplatz fällt auf, dass hier Stimmkultur vor Volumen und Kraftmeierei regiert. Häufig mutieren anderenorts Duette zu sängerischen Duellen.

Der Chor macht glücklich. Das ist erfüllende Leistung eines wunderbaren Kollektives.

Alle Solisten versetzen durch sängerische Qualität und Authentizität des Vortages in Begeisterung. Viele virtuose Koloraturen, Registerwechsel, Legati erfüllen ausnahmslos mit Bewunderung.

Maria Stuarda – Sopran: Jennifer O’Loughlin hat eine wunderbar ausgeformte Stimme mit schwerelosen Koloraturen. Große dramatische Kraft in völlig beherrschter Stimme und außerordentlicher Darstellung lassen auch in den vielen exponierten Lagen keine Schärfen zu.

Elisabetta – Mezzosopran.: Nadja Stefanoff ist die perfekte Symbiose von Rolle und Gesang. Das ist in jedem Moment völlig überzeugend. Ein Koloratur-Mezzosopran in dieser Qualität ist eine Rarität. Diese große Kunst wirkt selbstverständlich. Auch im Expressiven bleiben die Töne geöffnet, klar und ohne Schärfen.

Graf Leicester – Tenor: Lucian Krasznec ist ein sehr guter Tenore spinto. Die Stimme hat Volumen, ist elegant, geht dynamisch über alle Register und hat ein schönes Timbre. Die Mittellage schwingt etwas zu wenig. Ein Glücksfall für die Partie, zumal er darstellerisch und optisch eine Freude ist.

Georg Talbot – Bass: Levente Páll ist ein toller junger Bass. Die Stimme hat einen schönen Kern, ein sattes Fundament, schwingt angenehm und kann vor allen Dingen dynamisch ins obere Register wechseln, und da perlt dann Metall und es wird nicht stumpf. Gratulation (die Qualität wird auch im unteren Register unterstellt, da die Partie dieses nur sehr begrenzt verlangt).

Sir William Cecil ­– Bariton: der junge Matija Meić sorgte mit Auftrumpfen im zweiten Akt für sehr schöne Überraschung. Im ersten Akt nur Stichwortgeber kam er dann zur Geltung. Diese Bassbaritonstimme erinnert an Ingvar Wixell (gestorben 2011), eine Jahrhundertstimme. Es perlt, es orgelt, alles stimmt. Darstellerisch ist noch Luft nach oben. Er agiert aus dem Körper, nicht aus der Emotion, den „Augen“.

Anna Kennedy – Alt: Elaine Ortiz Arandes erfüllte die Anforderungen der kleinen Partie souverän.

Tim Theo Tinn, 23. März 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: © Christian POGO Zach

Musikalische Leitung Anthony Bramall
Regie Michael Sturminger
Co-Regie Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne / Kostüme Andreas Donhauser, Renate Martin
Licht Michael Heidinger
Video Meike Ebert, Raphael Kurig
Choreinstudierung Felix Meybier
Dramaturgie Daniel C. Schindler
Maria Stuarda Jennifer O’Loughlin
Elisabetta Nadja Stefanoff
Graf Leicester Lucian Krasznec
Georg Talbot Levente Páll
Sir William Cecil Matija Meić
Anna Kennedy Elaine Ortiz Arandes
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Staatstheater am Gärtnerplatz, München“

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