Pastorin Susanne Zingel © Claudia Kleemann
St. Severin in Keitum auf Sylt ist eine kleine Berühmtheit. Auch, weil dort schon viele Prominente geheiratet haben. Mit dem Klischee der Promi-Kirche bin ich nicht ganz einverstanden. Ich bin daher in die Kirche gegangen und habe mit den Verantwortlichen dazu gesprochen. Themen waren außerdem De grote Mandränke, Religion, leere Kirchen und Opernhäuser, Sylt, Matthias Eisenberg und natürlich Kirchenmusik.
Jörn Schmidt im Gespräch mit Pastorin Susanne Zingel und Kirchenmusiker Alexander Ivanov (Teil II)
klassik-begeistert: Haben Promi-Hochzeiten St. Severin so bekannt gemacht – oder gibt es weitere Gründe?
Susanne Zingel: Auch prominente Menschen heiraten. Die Gründe warum einige, das in St. Severin getan haben, sind ganz individuell. Für uns ist es nichts Besonderes, denn „prominent“ bedeutet dem Wortsinn nach „aus der Menge herausragend“. Hier in der Kirche feiern wir, dass bei Gott jeder Mensch prominent ist und jedes Brautpaar bestätigt die wunderbare Einmaligkeit des geliebten Partners. Bekannt ist St. Severin, weil wir das treu und zuverlässig für Insulaner und sehr viele Gäste möglich machen. Zu jedem Gottesdienst kommen Menschen, die hier geheiratet haben, Kinder, die hier getauft wurden und wir haben Zeit, sich daran zu erinnern. Ich spüre darin eine Sehnsucht, Teil einer größeren Geschichte zu sein.
klassik-begeistert: Ihre Kirche habe vorchristliche Wurzeln, ist in den Geschichtsbüchern zu lesen. Was hat es damit auf sich?
Susanne Zingel: St. Severin ist mit 13,30 m über dem Meeresspiegel auf einem erhöhten Platz gebaut. Ganz sicher war das schon in vorchristlicher Zeit ein Zufluchtsort, vielleicht ein alter Kultort oder Thingplatz. Da es aus der Zeit keine schriftlichen Zeugnisse gibt, bleibt viel Raum für Spekulation. Sicher ist, dass St. Severin eine der ältesten Kirchen Norddeutschlands ist. Sie ist nicht auf das Jahr genau datierbar, aber die Runen im Dachstuhl des Kirchenschiffes deuten auf eine Verbindung bis zur Zeit der Wikinger.
klassik-begeistert: 1362 gab es eine große Sturmflut, De grote Mandränke mit vielen Toten. Hat das die Sylter zweifeln lassen oder ihren Glauben gestärkt?
Susanne Zingel: Ursprünglich war die Keitumer Kirche dem dänischen König Knud dem Heiligen geweiht. Die grote Mandränke entvölkerte die Insel, die Kirche war verwaist. Wie lange wissen wir nicht, aber dass aus Köln Missionare kamen und die Gemeinde neu belebten, kann als gesichert angesehen werden. Damals wurde die Keitumer Kirche im Namen des Kölner Bischofs St. Severin neu geweiht. Glaube ist niemals selbstverständlich. Gerade nach Katastrophen muss er neu buchstabiert werden.

klassik-begeistert: Wie religiös ist Sylt heute?
Susanne Zingel: Welcher Religionssoziologe könnte das beurteilen. Als Pastorin auf dieser Insel weiß ich nur, dass wir hier dem Himmel und den Naturgewalten sehr viel näher sind als an den meisten anderen Orten. Wir erleben Gemeinschaft handfest und trauen uns, elementar von Glaube und Vertrauen zu reden.
klassik-begeistert: Kann man sagen, Matthias Eisenberg ist ein Weltstar, ein Top-Organist – nicht im Sinne von Cameron Carpenter, aber künstlerisch?

[Anmerkung Jörn Schmidt: Von 1992 bis 2004 war Matthias Eisenberg Kirchenmusiker an St. Severin. Kurt Masur hatte den Kirchenmusiker, Organisten und Cembalisten bereits 1980 als 1. Organisten an das Gewandhaus zu Leipzig geholt. Für die EMI hat Eisenberg die Symphonie N° 3 En Ut Mineur, Op. 78 „Avec Orgue“ und Cyprès Et Lauriers, Op. 156 von Camille Saint-Saëns auf CD eingespielt. Mit dem Orchestre du Capitole de Toulouse unter Michel Plasson.]
Alexander Ivanov: Matthias Eisenberg ist ein großer Musiker. Es ist nicht möglich, ihn mit jemanden zu vergleichen. Er ist einzigartig.
klassik-begeistert: War es Bürde oder Ansporn, Eisenberg nachzufolgen?
Alexander Ivanov: Beides war nie ein Thema für mich.
klassik-begeistert: Wie gelang es, den phantastischen Countertenor Dmitry Egorov für St. Severin zu gewinnen?
Susanne Zingel: Alexander Ivanov und Dmitry Egorov kennen sich seit ihrer Kindheit und sind beide zusammen an der St. Petersburger Glinka-Chorschule gewesen. Ihre Freundschaft ist für uns alle ein Glück, denn so können wir sie in Gottesdiensten und Konzerten oft zusammen erleben.
klassik-begeistert: Hat sich Dmitry Egorov aus der weltlichen Musik zurückgezogen, keine Oper mehr?
Alexander Ivanov: Dmitry Egorov singt immer noch in der Oper. Er macht das großartig.

klassik-begeistert: Die Orgel sei die Königin der Instrumente, heißt es. Weil extrem schwer zu spielen und in der Lage, andere Instrumente zu imitieren. Haben Sie einen ganz persönlichen Grund, welches die Ausnahmestellung der Orgel untermauert?
Alexander Ivanov: Imitationen und technische Schwierigkeiten hin oder her – für mich steht der Klang der Orgel ganz eindeutig für sich selber. Sie ist immer präsent als Orgel.
klassik-begeistert: Oper und Kirche teilen ein Problem, die Zahl der Opernbesucher und Kirchgänger geht zurück. Sind die Ursachen möglicherweise teilweise die gleichen?
Alexander Ivanov: Das ist ein sehr großes Thema für einen Kirchenmusiker auf einer Insel, darüber kann man Bücher schreiben… Ich denke, dass es eine konstante Anzahl von Menschen gibt mit Freude an Hochkultur oder eben Predigt und Kirchenmusik. Manchmal ist diese Gemeinschaft größer, dann kleiner – um später wieder auf ihre normale Größe zurückzufinden. Das, was wir als Rückgang empfinden, ist vielleicht nur eine Rückkehr zur Norm?
klassik-begeistert: Nimmt Sylt eine Sonderstellung ein? Gottesdienste und Kirchenkonzerte scheinen mir recht gut besucht…
Susanne Zingel: Es gibt viele Kirchen, in denen Gottesdienste sehr gut besucht sind. St. Severin ist eine davon. Wo ein Funke überspringt, kommen Menschen immer gern wieder.
klassik-begeistert: Was macht St. Severin besser?
Susanne Zingel: Wir versuchen nichts besser zu machen als andere. Unser Leitbild lautet: „Wir sind eine gastfreundliche, segnende und betende Gemeinde und lassen uns überraschen, wohin das führt.“ Wir freuen uns über Gäste, Anregungen von anderen und nehmen uns Zeit. Nach jedem Gottesdienst gibt es das Kirchencafé mit vielen Begegnungen und Gesprächen. Daraus entstehen neue Ideen und Projekte.
klassik-begeistert: Um noch mehr Menschen für Kirche und Kirchenmusik zu begeistern, böte sich da nicht eine weltliche Kooperation mit dem Kammermusikfest Sylt an?
Susanne Zingel: Kooperationen sind immer zu begrüßen. Direkt in der Hochsaison überschlagen sich aber die Angebote. Unser wichtigster Kooperationspartner ist die Deutsche Stiftung Musikleben, für sie ist die letzten Juliwoche reserviert, in der zeitgleich das Kammermusikfest Sylt stattfindet.
klassik-begeistert: Was ist Ihr Lieblingsplatz auf unserer Insel?
Susanne Zingel: „Der Tisch“ am Keitumer Watt hinter dem Syltmuseum.
Alexander Ivanov: Am Meer.
klassik-begeistert: Vermissen Sie auf Sylt Bliny, Schtschi und Pelmeni?
Alexander Ivanov: Nein.
klassik-begeistert: Welches ist Ihre Lieblings-Oper, was das größte symphonische Werk?
Susanne Zingel: Ich liebe Miniaturen mehr als große Werke. Für das Festival „Pianissimo“ fahre ich nach Hamburg und freue mich, wie Konstantin Emelyanov Maurice Ravel interpretiert.
Alexander Ivanov: Don Carlos von Verdi ist eine großartige Oper. Als symphonisches Werk möchte ich die Metamorphosen von Richard Strauss hervorheben.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 8. Juni 2026, für
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