Fotoprobe „Die Ausflüge des Herrn Brouček” 2026 Mihails Culpajevs (Petřík) © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann
Unmittelbar jeweils am Abend nach der großen Oper auf der spektakulären Seebühne – in diesem Fall Verdis „La Traviata“ – bieten die Bregenzer Festspiele im Festspielhaus exquisite Raritäten, gleichsam als das vom
Großereignis mitfinanzierte Gegenstück.
Janáčeks Oper der zwei „Ausflüge“ zum Mond und ins 15. Jahrhundert ist eine edle Trouvaille, eine dadaistisch-groteske Satire auf einen unvergesslichen Spießer im Stil des legendären Soldaten Schwejk.
Phänomenal inszeniert, mit verblüffenden Effekten und großartigen Gags, musikalisch hervorragend.
Leoš Janáček, „Die Ausflüge des Herrn Brouček“
Musikalische Leitung: Robert Jindra
Regie: Yuval Sharon
Bühne, Kostüme: Jon Bausor
Licht: Yi Zhao
Video: Hannah Wasileski
Matej Broucek: Peter Hoare
Prager Philharmonischer Chor
Leitung: Lukas Vasilek
Wiener Symphoniker
Bregenzer Festspiele, Festspielhaus, 23. Juli 2026
von Dr. Charles E Ritterband
Der junge amerikanische Regisseur Yuval Sharon hat mit dieser geradezu atemberaubend originellen Inszenierung eine erstklassige Visitenkarte abgegeben – und damit die Wogen der Vorfreude auf seine Inszenierung des „Fliegenden Holländer“ 2028/29 hochgehen lassen.
Zu den Bildwelten, technisch meisterhaft und an altmodische Kinderbücher erinnernd die herrliche, aber nicht ganz leicht zugängliche Musik Janáčeks, die passagenweise an Richard Strauss erinnert und weit ins 20. Jahrhundert hinein weist – fulminant, sensibel und präzise dargeboten von den Wiener Symphonikern, die doch am Tag zuvor mit „La Traviata“ Verdis romantischen Klangwelten gehuldigt hatten.
Wie uns der musikalische Leiter, Robert Jindra, im Gespräch verriet, hat der Regisseur Yuval Sharon die Handlung von Janáčeks satirischer Oper um ein Jahrhundert, von 1888 auf 1988 verlegt. Denn ein Fernsehgerät, wie es der bierselige, auf Schweinsbraten versessene Parade-Spießer Brouček stets auf seinem Kopf herumträgt, war ja damals noch lange nicht erfunden …
Die fantastische Handlung hält uns in ihrem Bann, die technischen Effekte lösen Erstaunen aus – nur die Abenteuer Broučeks auf dem Mond, umgeben von bunten Mondwesen in Papierkästen haben ihre Längen.

Einen totalen Kontrast bildet der zweite Teil, in dem Brouček von seinem spießigen Häuschen, das ihn zuvor als Rakete auf den Mond geschossen hatte, in den Keller hinabsteigt und sich in dieser hervorragend gestalteten Unterwelt mitten in die Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts katapultiert sieht. Natürlich will er nicht mitkämpfen, was ihm umgehend das Todesurteil beschert…
Janáček wollte seine allzu selbstgenügsamen tschechischen Landsleute mit dieser Satire aufrütteln, denn Tschechien war 1917, als Janáček diese Oper komponierte, immer noch mit der untergehenden Habsburg-Monarchie in ihren letzten Zügen verzahnt. Die Uraufführung erfolgte dann nach dem 1. Weltkrieg, 1920, am Prager Nationaltheater.
Der Regisseur Yuval Sharon stellt dazu fest, politische Unabhängigkeit bedeute noch lange nicht, dass eine Nation bereits ihre eigene Reife erlangt habe.
Brouček ist eine isolierte Figur. Fast nie singt er mit den Anderen, seine Gesangslinien seien „kantig“ und stehen ständig im Gegensatz zum musikalischen Fluss der übrigen Figuren, betont Sharon. „Er fällt anderen ins Wort, sagt immer das Falsche und bewegt sich permanent gegen den Rhythmus seiner Umgebung“. Das macht ihn zur komischen, grotesken Figur.

Brouček heißt übersetzt „kleiner Käfer“ und sein Häuschen wird zum Panzer dieses Käfers, mit dem er sich gegen die Außenwelt abgrenzt, ja schützt. Man denkt da sofort an Kafka und seinen Gregor Samsa. Seine Passivität, seine Bequemlichkeit ist die zentrale Eigenschaft des spießigen Brouček.
Man möchte diesen selbstzufriedenen Kleinbürger am liebsten auf den Mond schießen – was im ersten Teil ja auch wirklich geschieht.
Peter Hoare gibt den Matej Brouček souverän und klanglich überzeugend – eine gesanglich höchst anspruchsvolle, schwierige Rolle.
Janáčeks andere Opern sind – mit Ausnahme vielleicht des entzückenden „Füchslein“ – tragisch, der sehr selten aufgeführte Brouček ist seine einzige satirisch-humorvolle Oper.
Dr. Charles E. Ritterband, 26. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.
Leoš Janáček, Das schlaue Füchslein, Sir Simon Rattle Staatsoper Unter den Linden, 13. März 2026
Leoš Janáček, Die Ausflüge des Herrn Brouček Staatsoper Unter den Linden, 27. März 2025