© Theater Lübeck – Olaf Malzahn
„Es lebe der Rausch und der Wahnsinn!“
Was für ein berauschendes Erlebnis, wenn schon die Premiere großartig war, und dann in der Dernière alle noch etwas drauflegen! Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ am Theater Lübeck ist vom eisigen Januar bis zum Fast-Mittsommer beachtlich gereift – und wurde zu Recht stürmisch gefeiert!
Jacques Offenbach
„Hoffmanns Erzählungen“ („Les contes d’Hoffmann“)
Konstantinos Klironomos, Tenor
Frederike Schulten, Mezzosopran
Jacob Scharfman, Bariton
Wonjun Kim, Tenor
Sophie Naubert, Sopran
Andrea Stadel, Sopran
Aditi Smeets, Sopran
Delia Bacher, Mezzosopran
Changjun Lee, Bass
Tomasz Mýsliwiec, Tenor
Viktor Aksentijević, Bariton
Takahiro Nagasaki, Dirigent
Philipp Himmelmann, Inszenierung
Chor und Extrachor des Theaters Lübeck
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Theater Lübeck, 18. Juni 2026 (Premiere am 31. Januar 2026)
von Dr. Andreas Ströbl
Es geht immer noch leidenschaftlicher, kraftvoller, wahnsinniger!
Geradezu glücklich und zu Recht stolz auf ihre Leistungen erschienen die Solisten des Lübecker „Hoffmann“ nach der letzten Vorstellung am 18. Juni 2026 im Jugendstiltheater der Hansestadt. Seit der Premiere am 31. Januar (https://klassik-begeistert.de/jacques-offenbach-hoffmanns-erzaehlungen-theater-luebeck-premiere-31-januar-2026/) hat sich die Produktion qualitativ enorm gesteigert.
Alle Mitwirkenden geben an diesem Abend noch einmal alles, gemeinsam mit einem sehr starken Chor und Extrachor (Tränen in der Finalszene garantiert!) und einem füllig-leidenschaftlich spielenden Orchester unter Takahiro Nagasaki. Als Titelheld legt Konstantinos Klironomos mit faszinierender Präsenz alles an Besessenheit, ja Wahnsinn in seine Rolle. Er muss ja zwei Tage später wieder mit vollem Einsatz den Cavaradossi in der „Tosca“ geben (https://klassik-begeistert.de/giacomo-puccini-tosca-dietrich-hilsdorf-regie-theater-luebeck-premiere-13-juni-2026/) und man fragt sich, woher der glanzvoll singende Tenor nur diese unbändige Energie nimmt. „Es lebe der Rausch und der Wahnsinn!“, wird er am Ende schon fast neben sich taumelnd singen.
Ebenfalls erneut glanzvoll ist Frederike Schulten als Muse/Niklausse; sie schwebt zu Beginn auf einem Sattel herab – das genügt in dieser intelligenten Inszenierung als Pegasus-Andeutung. Die Mezzosopranistin ist mit ihrer stimmlichen Beweglichkeit und Wärme eine wahre Seelenfreundin des schließlich irrsinnigen Künstlers.
Als Olympia lässt Sophie Naubert die Puppen bzw. sich selbst gespenstisch-komisch tanzen; sie lotet wirklich alles aus, was die Partitur an Koloratur-Virtuosität hergibt, und scheint keine Grenzen zu kennen. Von den Gipfelspitzen sinkt sie in Sekundenbruchteilen in die Tiefe hinab. Dass ihre Beine noch im zusammengerollten Teppich tanzen, während ihr bereits Kopf und Arme abgerissen sind, ist absolut schauerlich.
Auch Andrea Stadel in der Rolle der unglücklichen Antonia hat ihre Darstellung sicht- und hörbar erweitert; die Sopranistin singt noch seelenvoller, lyrischer und auch dramatischer – ihr Schicksal und vor allem ihr Tod sind herzergreifend.

Aditi Smeets kommt als Giulietta die glanzvollste Damen-Figur zu; so kalt ihr Lachen klingt, so verführerisch wirkt ihr voller Sopran, der, synästhetisch wahrgenommen, die gleiche blutrote Farbe hat wie ihr samtener Anzug. So nobel kann eine Kurtisane daherkommen!

Tenor Wonjun Kim gibt den vier Rollen Andrès, Cochenille, Frantz und Pitichinaccio jeweils ein ganz eigenes Gepräge, während Mezzosopranistin Delia Bacher als Antonias Mutter aus dem Jenseits grüßt. Auch die anderen Nebenrollen glänzen: Bass Changjun Lee ist Crespel, Tenor Tomasz Mýsliwiec gibt Nathanaël und Spalanzani, Bariton Viktor Aksentijević spielt Herrmann und Schlemihl, letzteren noch fieberhafter und nervöser.

Ja, und dann ist da noch, wie GMD Stefan Vladar immer so schön sagt, „last but sowas von not least“, Jacob Scharfman als viermaliger Bösewicht Lindorf, Coppélius, Dr. Mirakel und Dapertutto. Der Bariton jault, heult und droht im Ausspielen und -singen all seiner stimmlichen Möglichkeiten – durchweg, ob in den Duetten und Terzetten und natürlich in der Spiegel-Arie legt er kraftvolle und wohlklingende Leistungen ab, die ebenso glänzend sind wie die schimmernden Juwelen, die er in seinem Mantel feilbietet.
Am Ende dreht sich die Bühne von David Hohmann wie alles im Schädel des Titelhelden und, auch ganz sicherlich mehr als gesund war, von Dichter E.T.A. Hoffmann nach durchzechten Nächten bei „Lutter und Wegner“. Vorhang zu, Traum vorbei, aber als traumhaft im schönsten Sinne empfinden alle, vor allem das Publikum mit stehendem Applaus, diesen phantastischen Opernabend.

Eine wundervolle Geste der Regie ist übrigens, dass alle Mitarbeiter von der Technik schließlich auch auf der Bühne stehen und den wohlverdienten Beifall entgegennehmen. Bravi!!!
Dr. Andreas Ströbl, 19. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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Interview mit dem Bariton Jacob Scharfman:
„Ich bleibe immer das Instrument, als das ich geboren bin“
Im Gespräch mit Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl sprach Jacob Scharfman für „klassik-begeistert“ auch über seine Rollen in „Hoffmann“ und gab dazu aufschlussreiche Auskünfte.
klassik-begeistert: Lieber Jacob, in „Hoffmanns Erzählungen“ verkörperst du die vier Bösewichte Lindorf, Coppélius, Dr. Mirakel und Dapertutto. Mehrfach hältst du deine glitzernden Schätze in deinem Mantelfutter feil. Das erinnert an eine bekannte Figur aus der „Sesamstraße“, die als unseriöser Händler Buchstaben oder Zahlen verkauft. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Figur Schlemihl heißt. Zwar hat der Schlemihl in „Hoffmanns Erzählungen“ einen ganz anderen Charakter, aber das ist doch sicher kein Zufall, oder? War das deine Idee oder die des Regisseurs?
Jacob Scharfman: Ja, der Mantel ist schon wunderbar. Unsere Kostümabteilung ist wie immer grandios und genial! Zur Schlemihl-Figur würde ich eher den genialen Herrn Himmelmann fragen.
(Das taten wir und hier ist seine Antwort: „Beim Schlemihl haben wir tatsächlich nicht an den in der Sesamstraße gedacht. Ich finde, dass man zwischen Lindorf und seinen drei Auftritten als „Bösewichter“ und Schlemihl sauber trennen muss. Ich würde vom „Opfer“ (der den Schatten verlierende Schlemihl mit seiner Geschichte bei Chamisso) nicht auf den „Täter“ (Lindorf in seinen unterschiedlichen Erscheinungen) zurückschließen. Lindorf erscheint in unterschiedlichen Figuren mit sehr unterschiedlichen Charakteren (komödiantisch, brutal, suggestiv). Das verbindende Element ist sein geheimnisvoller Mantel, der mit den jeweils passenden Requisiten bestückt ist. Würde man diesen nur auf Schlemihl beziehen, ergäbe er für die anderen Szenen keinen Sinn.“)
klassik-begeistert: Sind Lindorf, Coppélius, Dr. Mirakel und Dapertutto deiner Meinung nach nur Hirngespinste von Hoffmann? Oder sind sie Symbole für den Widersacher an sich, womöglich sogar für das Dämonische in Hoffmann selbst und seine Angst davor? Die vier Frauen könnte man ja auch als „die Frau an sich“ in Hoffmanns Leben sehen.
Jacob Scharfman: So, wie ich Philipp Himmelmann verstanden habe, sind die Frauen tatsächlich psychologische Figuren oder Phantasien, aber die Bösewichte sind echt. Auch wenn sie in unserer Inszenierung komisch und merkwürdig sind – die Bösewichte sind reale Personen, während die Frauen etwas mit einer anderen, inneren Welt zu tun haben. Hoffmann ist schon ein sehr schwieriger Mann mit vielen mentalen Problemen; er ist geistig nicht gesund.
klassik-begeistert: Du spielst virtuos mit der Sprache, du krächzt und änderst in Sekundenbruchteilen Diktion oder Tonlage. Machst du das mal „eben so“ oder musst du auch als erfahrener Sänger dafür intensiv trainieren?
Jacob Scharfman: Ja, was ich mit der Sprache und dem Singen mache, das hat schon viel Effekt. Man trainiert natürlich nicht, so auf der Bühne zu schreien. Ich übe immer, lyrisch zu singen, und hoffe, dass ich das in den entsprechenden Momenten auch gut schaffe. Die wichtigsten Übungen sind: gesund bleiben, gesund essen, ausreichend schlafen und schwimmen; es folgen Stretching, Yoga und Biomechanik. Und dann kann man auch schreien oder krächzen. Aber dafür trainiere ich nicht extra. Mein Training umfasst Legato- und Belcanto-Singen, der Rest dieser Oper ist Buffo. Ich benutze viele Buffo-Techniken, was natürlich nicht gut zu singen bedeutet, sondern eigentlich nur Effekt ist.
klassik-begeistert: Wo wir beim Trainieren sind: im „Hoffmann“ hüpfst du wie ein Frosch oder kriechst wie ein Dämon. Mit deinen zackigen Beinschwüngen in „Candide“ könntest du dich sofort für einen leitenden Posten in Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“ bewerben. Wie übst du für diese sportlichen Einlagen?
Jacob Scharfman: Sport ist ein Teil meines Lebens; ein- bis zweimal die Woche gehe ich schwimmen, vier- bis fünfmal mache ich Yoga. Vor jeder Vorstellung mache ich eine Stunde Stretching. Ich sehe mir YouTube-Videos an und bin beim Physiotherapeuten, und ja, ich bin schon körperfixiert. Also – was kann der Körper tun? Der Körper kann singen, der Körper kann spielen, der Körper kann tanzen.
klassik-begeistert: Du hast dich in den letzten Jahren stimmlich erweitert, dein Bariton hat an Tiefe gewonnen. Siehst du dich bereits als Bassbariton oder auf dem Weg dorthin?
Jacob Scharfman: Ein Bassbariton bin ich nicht. Aber dankeschön, dass du die Entwicklungen in meiner Tiefe bemerkst. Ich komme aus der italienischen Schule, und da gibt es den basso profondo oder den basso cantante, den man auch als Bassbariton bezeichnen kann. Aber ich glaube, dass der Bassbariton bis auf ein paar Ausnahmen quasi nicht existiert. Das ist so ähnlich wie „Baritenor“, ein sehr seltenes Fach und nicht wirklich lyrisch. Ich bin ein Bariton und was du hörst, ist wahrscheinlich eine Verbesserung in der Stimme. Ich habe viel an meiner Stimmtechnik gearbeitet und übe viel, mit Entspannung und dann wieder Muskelanspannung. Ich habe schon eine sehr tiefe Stimme, bin aber ein lyrischer Bariton, und auch wenn ich Verdi-Partien oder echte Basspartien singe – ich bleibe immer das Instrument, als das ich geboren bin und das dann gewachsen ist, eben ein echter Bariton.
klassik-begeistert: Vielen Dank für das Gespräch, lieber Jacob, und weiterhin viel Erfolg!