Saisoneröffnung +++ Arnold Schönberg Center +++ 13. September 2026
Dissonanzen da wie dort: Das Arnold Schönberg Center eröffnet die Saison mit zwei Streichquartetten und einer Uraufführung
Arnold Schönberg Center, Wien, 13. September 2026
Happy Birthday, Arnold Schönberg! Unter diesem Motto eröffnete das Arnold Schönberg Center in Kooperation mit den Wiener Symphonikern die Saison 2026/2027. Das Programm am Geburtstag des Komponisten war erlesen: Schönbergs Zweites Streichquartett, die Uraufführung der “Dunklen Gesänge” von Petr Popelka und Mozarts “Dissonanzenquartett”. Das Wiener HABE-Quartett, die Mezzosopranistin Christina Bock und Petr Popelka am Klavier begeisterten das Publikum mit intensiven und spannungsgeladenen Interpretationen.
Arnold Schönberg
Zweites Streichquartett fis-Moll op. 10 “Verklärte Nacht” (1907/1908)
Petr Popelka
Dunkle Gesänge, Liederzyklus für Stimme und Klavier (2021, Uraufführung)
Texte von Christina Bock
Wolfgang Amadeus Mozart
Streichquartett Nr. 19 C-Dur KV 465 “Dissonanzenquartett” (1785)
HABE-Quartett Wien
Alexander Burggasser, Ai Miwa, Violine
Johannes Flieder, Viola
Michael Vogt, Violoncello
Christina Bock, Mezzosopran
Petr Popelka, Klavier
Kooperation mit den Wiener Symphonikern
von Dr. Rudi Frühwirth
Zwei „Dissonanzenquartette“ aus weit entfernten Stilepochen, getrennt durch etwa 125 Jahre, grundverschieden und doch mit gewissen gestischen Ähnlichkeiten – so könnte man das Konzert zu Arnold Schönbergs 152. Geburtstag charakterisieren. In seinem Zweiten Streichquartett ist die Dissonanz schon weitgehend emanzipiert. Die durch intensive motivische Arbeit entstehenden Zusammenklänge werden oft nicht mehr tonal aufgelöst, sondern durch immer neue Variationen des Materials in andere Klangverbindungen übergeführt. Ihre Beziehungen zur vorgezeichneten Tonart bleiben den Zuhörern weitgehend unklar. Im letzten Satz wird dann die Illusion eines tonalen Zentrums ganz aufgegeben: Er ist ohne Vorzeichen notiert. Die Uraufführung im Jahr 1908 rief heftige Proteste des Publikums hervor.
Der erste Satz („Mäßig“) ist von einem immer wiederkehrenden Seufzermotiv geprägt, das auch den ersten Satz von Mozarts KV 465 durchzieht. Das Scherzo („Sehr rasch“) wirkt motorisch und grotesk; über einem hartnäckigen Ostinato im Cello entfalten sich chromatisch aufgeladene Motive. Im Trio erscheint das Wiener Gassenhauer-Zitat „O du lieber Augustin“, dessen fatalistisches Fazit „Alles ist hin“ oft als Sinnbild für die Auflösung der Tonalität gelesen wird.
Im dritten Satz tritt zu den vier Streichern erstmals die gesungene fünfte Stimme. Die Vertonung von Stefan Georges Litanei steigert die Expressivität noch einmal: Die Stimme steigt aus mittlerer Lage immer höher, erreicht auf dem Wort „Liebe“ ein hohes C und fällt anschließend über mehr als zwei Oktaven ab.
Der Finalsatz, die Vertonung von Georges Gedicht Entrückung, beginnt mit schwebenden Streicherklängen ungewisser Tonalität. Dann setzt die Singstimme mit dem programmatischen Vers „Ich fühle luft von anderem planeten“ ein. Ein erster Schritt in die neue Welt der freien Atonalität ist getan, auch wenn der Satz dann in sanftem Fis-Dur endet.
Das HABE-Quartett bestach durch eine höchst differenzierte Interpretation und perfektes Zusammenspiel. Intensiver Ausdruck, gepaart mit technischer Perfektion, mündete in ein eindrucksvolles Klangerlebnis, das dem geistig-emotionalen Anspruch des Werks voll gerecht wurde. Hohes Lob gebührt auch Christina Bock, die die rätselhaften Texte von Stefan George überzeugend in Gesang umsetzte und die enormen stimmlichen Anforderungen der Vertonung ohne hörbare Anstrengung bewältigte.
Schönberg hat einmal unumwunden bekannt, dass er Mozart sehr viel zu verdanken hat:
„… wenn man sich ansieht, wie zum Beispiel meine Streichquartette gebaut sind, dann kann man nicht leugnen, dass ich das direkt von Mozart gelernt habe. Und ich bin stolz darauf!“
Den ersten Satz von Mozarts KV 465 charakterisierte er als „eines der vollkommensten Beispiele entwickelnder Variation“, also jener Technik, die er auch im ersten Satz seines op. 10 zu großartiger Wirkung brachte. Ihn interessierte also nicht allein die schockierende Einleitung, sondern die allmähliche motivische und harmonische Weiterentwicklung im ganzen Satz.
Die Einleitung, die dem Quartett seinen Beinamen einbrachte, verstörte Mozarts Zeitgenossen nicht wenig. Der Querstand zu Beginn und die Kette von Vorhalten erzeugen eine schneidende Chromatik, die sich dann in ein Thema von himmlischer Leichtigkeit auflöst. In der Durchführung wird das Thema nach Moll gewendet und bekommt durch den Seufzer am Ende einen fragenden, sehnsüchtigen Charakter. Das „Andante cantabile“ des zweiten Satzes ist ein friedlicher Ruhepunkt vor dem „Allegro“ des Menuetts. Dieses ist nicht höfisch-tänzerisch, sondern wechselhaft und störrisch. Das Trio steht in c-Moll, seine Melodien sind von großen Intervallsprüngen zerrissen. Der vierte Satz, „Allegro molto“, ist ein lebhafter, großer Sonatensatz, der das Werk einem unbeschwerten Ende zuführt. Das HABE-Quartett interpretierte stilsicher und mit großer Spielfreude, die das Zuhören zu einem reinen Vergnügen machte.

Zwischen den beiden Quartetten war eine veritable Uraufführung eingeschoben: der Liederzyklus Dunkle Gesänge für Stimme und Klavier. Die Texte hat Christina Bock geschrieben; Petr Popelka, seit zwei Jahren Chefdirigent der Wiener Symphoniker, hat sie vertont. Die sechs Lieder, genannt Memorandum I–VI, haben jeweils ein eigenes Thema: Musik, Liebe, Geburt, Lust, Schöpfen, Angst. Die assoziationsreiche sprachlich-lyrische Gestaltung steht klar in der Tradition des Expressionismus. Popelka hat die Vertonung als Hommage an Schönberg angelegt. In jedem Memorandum wird nach seinen eigenen Worten eine spezielle Kompositionstechnik Schönbergs schöpferisch nachgestaltet. So wird etwa im Memorandum III (Geburt)Sprechgesang verlangt; Memorandum V (Schöpfung) erinnert an die hochexpressiven Gesangslinien bei Schönberg und vor allem bei Berg.
Die Interpretation war bei den beiden Urhebern natürlich in besten Händen. Bock konnte ihre bewundernswerte Stimmbeherrschung und Ausdruckskraft wieder voll ausspielen; Popelka war der perfekte Begleiter. Mein Wunsch nach sofortigem Wiederhören blieb im Konzert naturgemäß unerfüllt. Umso erfreulicher, dass vor etwa einer Woche bei Lexicon Classics eine Aufzeichnung auf CD erschienen ist.
Das höchst gelungene Geburtstagskonzert wurde vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen und bildete den vielversprechenden Auftakt zu einer reichhaltigen neuen Saison im Arnold Schönberg Center.
Dr. Rudi Frühwirth, 14. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Yulianna Avdeeva, Wiener Symphoniker, Petr Popelka Wiener Konzerthaus, 21. Juni 2026
Wiener Symphoniker, Dirigent Petr Popelka, Strauss, Alpensinfonie Musikverein Wien, 26. Februar 2026