Stefan Vladar und Michael Schade © Andreas Ströbl
Saisoneröffnung +++ Musik- und Kongresshalle Lübeck +++
13. September 2026
Lübeck, Musik- und Kongresshalle,
1. Symphoniekonzert, 13. September 2026
Franz Schubert, Symphonien Nr. 5 B-Dur D 485 und Nr. 7 h-Moll D 759 („Die Unvollendete“) sowie Arien aus Bühnenwerken
Michael Schade, Tenor
Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
von Dr. Andreas Ströbl
Wenn wohlbekannte Klassiker in unerwarteter Frische erklingen, dann liegt das in Lübeck meist daran, dass Stefan Vladar auf dem Dirigentenpodest steht. Die Symphoniekonzert-Saisoneröffnung am 13. September 2026 in der Lübecker „MuK“ in jedem Falle brachte zwei Schubert-Symphonien in rasantem Tempo und einen renommierten Tenor mit kaum bekannten Arien des Wieners.
Aus Beethovens Schatten in die Mozart-Begeisterung
Als „Jugendsymphonie“ gilt Schuberts „Fünfte“, und in der Tat spricht aus dem Werk des 19-jährigen bei aller hörbaren Reife noch sehr viel Orientierung an einem der großen Tonsetzer der Wiener Klassik. Waren es zuerst die riesigen Schatten Haydns und vor allem Beethovens, in denen er versuchte, zu einer eigenen Tonsprache zu finden (und dabei stets die Meister zu ehren), so suchte er kompositorisch mit seiner Symphonie Nr. 5 wieder die Nähe zu Mozart. Aber es ist doch ganz deutlich, dass auch eine romantische innere Schwere sich immer wieder Bahn bricht, wenngleich die heiteren Aspekte stets siegen.
GMD Stefan Vladar feuert das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck zu bewährt rasantem Tempo an; sicher hat man das Werk selten so frisch und forsch gehört. Das schlanke, leichte Violinen-Thema des Kopfsatzes passt im raschen Schritt zum hanseatischen Frühherbstwetter, das eher die Gangart antreibt, um nicht vom Ostseewind ausgekühlt zu werden. Auch das Spiel mit den Imitationen gestalten die Lübecker locker und zügig.
Anmutig und eher zurückgezogen kommt der Folgesatz in seiner leicht melancholischen Liedhaftigkeit daher, der Salzburger schaut immer mal wieder herein. Im folgenden Menuett ist das noch klarer; man tut Schubert nicht unrecht, wenn man ihm eine mehr als deutliche Anleihe aus Mozarts g-Moll-Symphonie (KV 550) unterstellt. Aber das ist vielleicht, wie in Schuberts „großer“ C-Dur-Symphonie, auch als Verneigung vor dem Idol zu sehen. Wucht und Grazie wechseln hier geradezu dialektisch einander ab, ebenso wie Dur und Moll – in der Lübecker Interpretation bezwingend schwungvoll.
Im Finale springt gleichsam ein Reh durch den Herbstwald, fröhlich und ungezwungen endet diese sehr bekannte, hier ungemein flott gespielte Komposition. „Schubert schnell“ reißt auch das Publikum spürbar mit.
Arien-Raritäten – zu Recht kaum aufgeführt?
Ein wenig abseits der Symphonien, der Lieder und der wundervollen Kammermusik Schuberts stehen seine Opern und Singspiele. Tatsächlich schaffen es diese Schöpfungen selten in die Konzertsäle oder auf die Opernbühnen, wie ein Tenor aus dem Ensemble des Lübecker Theaters meinte, „nicht unbedingt zu Unrecht“. Aber wenn ein Sänger wie Michael Schade die Stücke interpretiert, dann freut man sich über die Entscheidung, vier Schubert-Arien in das Programm aufgenommen zu haben. Und so ertönt zuerst „Ein schlafend Kind“ aus der Oper „Adrast“, dann „Es erhebt sich eine Stimme“, also die Arie des Pedro aus dem Singspiel „Claudine von Villa Bella“. Nach der Pause bringt Schade „Wenn ich ihm nachgerungen habe“ (die Arie des Nathanael aus „Lazarus“) und schließlich „Was quälst du mich, o Mißgeschick“; das ist wiederum die Arie des Fierrabras aus der gleichnamigen Oper.
Mit ausgezeichneter Diktion singt, nein, erzählt Schade die Texte und erweckt sie mimisch und gestisch zu echtem Leben. In Tiefe und Mittellage füllig und warm, erreicht der Tenor in den Höhen eine stahlblaue Klarheit. Er gestaltet jedes Wort mit hochdifferenzierter Phrasierung und einem wahren Gefühl für die Inhalte. Die Lübecker danken es ihm mit Bravo-Rufen und begeistertem Applaus.
Spürbarer Schmerz
Als Schubert die beiden Sätze und Skizzen zum dritten Satz seiner „Unvollendeten“ schrieb, sollte sein viel zu kurzes Leben noch sechs Jahre währen. Die Zeit um 1822 charakterisierte er selbst mit den Worten „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz“. Diese Stimmung ist in der h-Moll-Symphonie unmittelbar greifbar.
Deutlich ist die Unrast, ja Gehetztheit, die, nach der Vorstellung des tragischen Hauptthemas, eine zitternde Streicherfigur beunruhigend vermittelt, bevor die wehmütige Holzbläser-Klage aufsteigt. Schuberts Melancholie mündet gerade in dieser, hier ebenfalls rasch geführten Wiedergabe in eine Nervosität und Suche nach Halt, aber harte Orchesterschläge machen wie schallende Ohrfeigen klar, dass die Hoffnung auf innere Aufgehobenheit vergeblich ist. Geradezu gespenstisch erklingt das Beben der Violinen, deren düster ragendes Thema durch die Celli fugato-artig aufgenommen wird. Das unheimliche Brodeln gibt hier klangbiographisch die Schwärze der Empfindungen wieder.

Der zweite Satz scheint mit friedvollem Duktus die Wunden heilen zu wollen, aus der Wehmut enthebt sich ein Wille zum Überleben. Das tut gut; Vladar führt das Orchester zügig durch die spannungsreichen Wechsel vom lyrischen Holz- zum kraftvollen Blech-Ton. Zumal in den Tutti-Stellen ist ein optimistisches Sich-Erheben spürbar. Der abschließende E-Dur-Dreiklang scheint sagen zu wollen, dass diese „Unvollendete“ mit ihren beiden Sätzen völlig auskomponiert ist. Gut so, „Schwammerl“, möchte man mit diesem Kosenamen seiner Freunde dem Komponisten sagen.
Das Publikum der Hansestadt ist von diesem Saison-Auftakt hörbar begeistert – endlich geht´s wieder los!
Dr. Andreas Ströbl, 14. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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