Bild: YouTube / Rstraussopera
Sie haben im einzigen Akt der Oper nach einem Vorspiel keine tragenden Rollen, aber sie leiten den Akt mit ihrem Mitleid ein. „Schläft sie? Nein sie weinet.“ „Wundes Herz auf ewig.“ Singen die Quellnymphe (Najade) und die Baumnymphe (Dryade) und das Echo wiederholt: „Ewig, ewig.“ Aufgeregt künden sie die Ankunft eines jungen Gottes an. Und hinter der Bühne, unsichtbar stimmen sie am Schluss das „Töne, töne, süße Stimme“ an.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Erst knappe zwei Wochen Opernfan ahnte ich an dem Abend des 5. Januar 1958 nicht, dass „die Ariadne“ einmal zu meinen meistbesuchten Opern zählen wird.
Anneliese Rothenberger sang ihre erste Najade. Sie feierte ihr Hausdebüt am Beginn der vorigen Spielzeit als Susanna im „Figaro“, die sie an der Wiener Staatsoper in einundsechzig Vorstellungen verkörperte. Und sie war bis zu dem Zeitpunkt bereits viermal die Sophie im „Rosenkavalier“, mit der sie besonders beliebt wurde. Bald avancierte sie von der Blonden zur Konstanze. Die Baumnymphe – ursprünglich der Eiche zugeordnet, griechisch δρῦς = Eiche – sang die arrivierte Altistin Dagmar Hermann. Vom Stadttheater Steyr über das Salzburger Landestheater an die Wiener Volksoper und schließlich an die Wiener Staatsoper wechselnd sang die ebenfalls erfahrene Sopranistin Gerda Scheyrer das Echo. Aber alle diese Namen sagten mir damals noch nichts.
Die Naturgeister drei Jahre später blieben uns in manchen anderen Rollen treue Begleiterinnen. Die Najade Liselotte Maikl hat an markanten Partien an der Wiener Staatsoper die Leitmetzerin im „Rosenkavalier“ und die Blonde in der „Entführung“ gesungen. Mir ist sie als die Fiakermilli in „Arabella“, als Oscar in „Un ballo in maschera“ und als Esmeralda in „Die verkaufte Braut“ in lebendiger Erinnerung. Für die großartige Ira Malaniuk kam mein Interesse für Opern leider zu spät. Ich erlebte die Ukrainerin nicht mehr als Brangäne oder Octavian, dafür in kleinen, aber feinen Rollen. Neben der Dryade als ideale Adelaide, der Mutter Arabellas. Hugo von Hofmannsthal sieht in Adelaide eine sehr hübsche Frau, er könnte sich vorstellen, dass sie in die Verehrer der Töchter ein bisschen mitverliebt ist. „Aber Vorsicht: es darf aus ihr keine Marschallin werden!“ schreibt er an Richard Strauss. Malaniuks Autobiografie widmeten Sylvia und ich Schweitzers Klassikwelt Nr. 19 und 20. Am meisten beeindruckte mich Anny Felbermeyer. Sie wurde unerreichtes Vorbild eines zart verklingenden Echos. Als Zdenka, die Schwester Arabellas, war sie eine ebenbürtige Partnerin für die berühmte Lisa della Casa.
Am Abend des 30. November 1963 glaubte ich noch einmal die mächtige Wagnerstimme der Hilde Rössel-Majdan als Baumnymphe zu hören. Es war jedoch meine erste göttliche Ariadne in Stimme und Auftreten: Leonie Rysanek, die über die Quellnymphe (Lucia Popp), die Baumnymphe (die eben erwähnte Hilde Rössel-Majdan) und das Echo (Erika Mechera) ihre Stimme erhebt und diese in die Schranken weist. Es wurde ihr Abend.
Die Aufführung im Frühjahr 1970 war in hohem Maß geeignet, ihr einen besonderen Vorrang einzuräumen. Mit Wehmut denke ich an die US-Amerikanerin Arleen Augér zurück. Sogar bei dieser glanzvollen Besetzung (Rysanek, Grist, Jess Thomas, Berry als Musiklehrer, Paskalis als Harlekin) fiel ihre Quellnymphe Najade beglückend auf.

Schade, dass sie bald die Wiener Staatsoper verließ und mit 53 Jahren durch einen Gehirntumor aus dem Leben gerissen wurde. Auch die Najade Lucia Popp hat uns im gleichen Jahr durch dieselbe schwere Krankheit im etwa gleichen Alter verlassen. Acht Monate vor ihrem Tod sang sie noch bei uns „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss. Die Dryade Margarita Lilowa war uns schon seit 1963 als Ottavia in der sensationellen ersten Produktion von Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ an der Wiener Staatsoper ein Begriff. Wieder sang Erika Mechera das Echo. Mit insgesamt 53 Vorstellungen in der Rolle steht sie nach 56 Abenden mit Karola Jovanović auf dem zweiten Platz. Karola Jovanović hat übrigens bei der Uraufführung der neuen Bearbeitung am 4. Oktober 1916 im kaiserlichen und königlichen Hofoperntheater bereits das Echo gesungen.
Die gleichen Naturgeister begleiteten am 4. Januar 1971 die neue Ariadne Gundula Janowitz, früher Kollegin der Nymphen als Echo. Und Gertrude Jahn sang ihren ersten temperamentvollen Komponisten, früher die Dryade. Bei einigen Mezzos beobachten wir den Trend von der gruppendynamisch angelegten Dryade des einen Akts zum individuellen Komponisten im Vorspiel.
Im Oktober 1972 erlebte ich als Quellnymphe Editha Gruberová, ihr Vorname damals noch mit th geschrieben. Noch ziemlich als Neuling sah ich sie aus Bratislava kommend schon im Jahr 1970, meines Erachtens schauspielerisch etwas unsicher, als Olympia. Sie wechselte später als Zerbinetta zur urigen Komödiantengruppe.
Im Terzett scheinen in den Achtziger- und Neunzigerjahren oft Namen auf, die nur ein bis zwei Spielzeiten an der Staatsoper wirkten oder die mir nicht auffielen, was teilweise an meiner fehlenden Sensibilität gelegen sein mag. Pars pro toto: Die argentinisch-deutsche Sopranistin Graciela de Gyldenfeldt debütierte sehr jung an der Wiener Staatsoper. Plácido Domingo war ihr Mentor. Sie sang bei uns neben dem Echo u.a. die Barbarina im „Figaro“, die Stiefschwester Clorinda in „La Cenerentola“ und den jungen Hirten im „Tannhäuser“. Sie schaffte es später international zur Strauss’schen Elektra, zur Sieglinde, Brünnhilde und Isolde. Oder Izabela Labuda, die als Freischaffende nur dreimal als Echo und zweimal als Walküre Gerhilde auf der Bühne der Wiener Staatsoper stand.
Am 28. September 1991 war auf der ersten Seite des Programmfolders des Salzburger Landestheaters zu lesen: „ARIADNE AUF NAXOS Oper in einem Aufzuge von Hugo von Hofmannsthal zu spielen nach dem BÜRGER ALS EDELMANN des Molière Musik von Richard Strauss op. 60 (Urfassung 1911/12)“ Für Charlotte Pistor war die Najade ihr erstes Engagement in der Mozartstadt, wo sie immer wieder in Mozartmessen im Salzburger Dom mitwirkte. Als freischaffende Künstlerin hat sie in Salzburg ihre Heimat und Familie gefunden. Berufliche Auslandsreisen gingen bis nach Japan und in die USA.
Vom Echo Vlatka Oršanić konnten wir auch einiges in Erfahrung bringen. Ihre Diplomrolle war die „Gilda“. Von 1978 bis 1984 war sie an der Oper in Ljubljana als Sophie („Werther“), als Lucia di Lammermoor, als Gilda und Violetta, als Olympia und als Königin der Nacht zu hören, mit Gastauftritten in Beograd, Zagreb, Sarajevo, Split, Rijeka, Skopje und Dubrovnik. Von 1985 bis 1990 erfolgte ihre Weiterbildung in Wien bei der bekannten Staatsopernsängerin Olivera Miljaković. Nachher war sie in der Zeit von 1990 bis 1992 Ensemblemitglied des Salzburger Landestheaters (Despina, Euridice) und wechselte von 1992 bis 1995 nach Darmstadt mit neuen Aufgaben (Mimì, Jenůfa, Tatjana, Donna Anna). Seit 1995 freischaffende Künstlerin wurde sie 2003 wieder als Solistin in der Oper Ljubljana engagiert. Sie begann dann auch mit Mezzosopran- Partien (Maddalena in „Rigoletto“, Herodias, Kabanicha in „Kát’a Kabanová“). Über Vessela Dukova, die Dryade der Aufführung, konnten wir nichts Näheres in Erfahrung bringen.

Von 1995 bis 1999 sang Svetlana Serdar vierzehn der vierundzwanzig Ariadne-Abende der Wiener Staatsoper die Baumnymphe. Wir hörten sie in allen unseren drei Vorstellungen. Sie ist uns aufgefallen. Es war die Zeit der großen Konkurrenz an Altistinnen an diesem Haus. Zwei Jahre lang war sie an der MET New York tätig.
Als wir die hauptsächlich als Comprimaria eingesetzte Simina Ivan als Najade hörten, ahnten wir noch nicht, dass sie dank ihrer großen Bühnenerfahrung der undankbaren Rolle der Kate Pinkerton eine vertrauenserweckende Gestalt geben wird. Wir bekamen das unerklärliche Gefühl, dass bei ihr das Kind Cio-Cio-Sans gut aufgehoben sein wird.
Die „Ariadne“-Premiere vom 19. Dezember 2012 spielte man in memoriam Lisa della Casa, zehn Tage nach ihrem Todestag. Lisa della Casa war eine begeisterte Richard Strauss-Interpretin. Mit Ausnahme der Zerbinetta waren alle Personen des einen Akts Rollendebütanten an der Wiener Staatsoper. Neue Naturgeister begleiteten die Ariadne. Es waren durchwegs sogenannte Rising Stars. Wir genossen die frische Stimme der Sopranistin Valentina Naforniƫa an der Quelle. Bei den Salzburger Festspielen 2014 deuteten wir Staatsoperndirektors Dominique Meyer glänzende Augen in der Pause als Wohlgefallen für ihre Zerlina. Wir verweisen auf unsere Klassikwelt Nr. 69: „Sie sind der Wiener Staatsoper abhandengekommen“.
Mit der Baumnymphe Margarita Gritskova zusammen erlebten wir sie auch als Stiefschwestern der Angelina in Rossinis „La Cenerentola“. Als Dritte im Bunde war ihr Echo Olga Bezsmertna. Wir hörten sie zweimal in der Partie. Auch in ihren Partien der Tatjana, der Mélisande und der Marzelline („Fidelio“) fiel uns ihre Vorliebe auf von der Lyrik in die Dramatik zu wechseln, was zu einer Minderung ihrer Stimmschönheit führt.
Im April 2014 waren Najade und Dryade Hila Fahima und Juliette Mars. Es gelang uns nicht, Hila Fahima im Terzett ausreichend zu beurteilen. Juliette Mars überraschte uns im Gegensatz zu ihrer Mercédès („Carmen“) im Fortlauf der Nymphen-Szenen positiv. Und dann im März 2016 sang Hila Fahima nach sechs Najaden bereits eine ausgezeichnete Zerbinetta. Wieder waren Najade und Dryade Rising Stars. Andrea Carroll debütierte in Wien als Zerlina. Nach der Rheintochter Woglinde und der Stimme des Waldvogels im „Ring des Nibelungen“ und nach dem Sand- und Taumännchen in „Hänsel und Gretel“ folgte die Quellnymphe, nachher folgten u.a. die Gilda, die Musetta, die Susanna. Wir persönlich erlebten sie als ideale Verkörperung der Zerlina, an die großen Interpreten heranreichend mit dem stärksten Beifall des Abends, sowie trotz Ansage als bezaubernde Pamina.
Andrea Carroll hatte als Partnerin Rachel Frenkel. Diese wechselte später zum Komponisten im Vorspiel. Mit Freude konnten wir den Werdegang beider in Johannes Maria Stauds Oper „Die Weiden“ miterleben. Beim Nymphen-Terzett sind wir anscheinend sehr streng geworden. Wir vermerkten bei dieser Aufführung, dass das Terzett noch nicht den idealen „Sound“ gefunden hat. „Manchmal schepperte es ein wenig an der Quelle und in der Baumkrone.“ Das Echo, gesungen von Caroline Wenborne, wünschten wir uns feinstimmiger, zarter, verklingender. Ein anderer Kollege lobte die barocke Üppigkeit des Terzetts. Über einen „Don Giovanni“ schrieben wir im Jahr 2019: Das Terzett Donna Anna – Donna Elvira – Don Ottavio klang traumhaft harmonisch, was wir bei anderen Terzetten („Tri sestri“, „Ariadne auf Naxos“) in den letzten Jahren vermissten.
Auch sechseinhalb Jahre später waren wir mit dem Zusammenklang von Quellnymphe (Bryony Dwyer) und von Baumnymphe (Szilvia Vörös) nicht restlos zufrieden. Aber gern hörten wir den markanten Alt der Szilvia Vörös (nomen est omen) heraus. Das Echo von Aurora Marthens hätten wir wiederum gern verklingender gehört.
Im Januar der vorletzten Saison waren wieder neue Namen angeboten. Ungewohnt war das Echo der verdienten Ileana Tonca (Zdenka in „Arabella“ und Sophie im „Rosenkavalier“) als Doyenne des Terzetts. In zwei Spielzeiten sang sie fünfmal die Najade. Die klare Sopranstimme von Florina Ilie versinnbildlichte die Quelle und beim kräftigen Alt der Daria Sushkova hatte man wirklich manchmal den Eindruck einer knorrigen Eiche.
Lothar und Sylvia Schweitzer, 15. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos, Ersan Mondtag Regie Haus für Mozart, Salzburg, 10. August, 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 7. August 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Staatsoper Hamburg, 5. Februar 2025