Anastasiia Turianska (Madame Larina, Mutter von Tatjana und Olga), Johannes Goldbach (Fürst Gremin), SeoHyeon Jeong (Tatjana), Richard House (Onegin), Soomin Kim (Olga), Joseph Ducille (Lenski), Andrea Hilger (Amme) (Foto: RW)
Das Bühnenbild schuf Jürgen Rose. Es ist sicher einer der schönsten Ballettdekorationen, die man heute noch sehen kann. Allein das lohnt schon den Weg nach Dresden. Vom Tänzerischen her nahm SeoHyeon Jeong als Tatjana für sich ein. Wie sie sich im ersten großen Pas de deux von ihrem Partner herumwirbeln ließ, war beeindruckend, auch darstellerisch durchlebte sie ihre Partie überzeugend.
Onegin, Ballett von John Cranko in drei Akten nach Alexander Puschkin
Choreographie und Inszenierung: John Cranko
Bühne und Kostüme: Jürgen Rose
Ausstattung: Originalproduktion des Hamburg Ballett
Musik: Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, eingerichtet und instrumentiert von Kurt-Heinz Stolze
Sächsische Staatskapelle Dresden, Leitung: Simon Hewett
Semperoper Ballett, 5. Oktober 2026
von Dr. Ralf Wegner
Fast 200 Jahre ist es her, dass Alexander Puschkin seinen Versroman Eugen Onegin veröffentlichte. Er beschreibt einen jungen, eitlen empathielosen Dandy, der die Liebe eines jungen Mädchens zurückweist und Jahre später seinen Fehler erkennen muss. Ob er sich das wirklich zu Herzen nimmt, wissen wir nicht, Puschkins Roman endet mit seinem Rauswurf aus dem Boudoir Tatjanas.
Puschkin lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei Onegin um einen im Inneren erkalteten Egomanen handelt, dem eine wesentliche Eigenschaft fehlt, sich in die Gefühle anderer Menschen hineinversetzen zu können. Das gilt nicht für die anderen in dem Roman beschriebenen Personen wie Tatjana, insbesondere auch nicht für Lenski.
Der 18-jährige Lenski bewundert den weltgewandten, deutlich älteren Onegin, hält ihn für seinen besten Freund, welcher Onegin nicht ist, weil er zur Freundschaft überhaupt nicht fähig ist. In seiner Zuneigung zu Onegin vertraut Lenski ihm seine innersten Gefühle, seine unschuldige Liebe zu Olga an und fühlt sich umso mehr verraten, als Onegin aus gelangweiltem Ärger auf Tatjanas Namensfest Olga den Kopf verdreht.
Es geht dabei nur vordergründig um die leichtfertige Olga, als vielmehr um den Verrat Onegins an der Freundschaft. Nur deshalb geht Lenski das Risiko ein, im Duell mit Onegin zu fallen. Er weiß, dass er unterliegen wird. Für Lenski ist es deshalb auch das fatale, unabänderliche Ende einer von ihm tief erlebten Freundschaft. Deshalb gelingt es auch weder Olga noch Tatjana, ihn von dem fast suizidalen Vorhaben abzubringen.
Onegin erkennt diesen Zusammenhang nicht. Ihm liegt nicht daran, den Freund zu töten, sieht sich aber aus gesellschaftlichen Gründen auch nicht in der Lage, von sich aus das Duell abzusagen und sich bei Lenski zu entschuldigen (was dieser wohl auch nicht angenommen hätte). Gleiches geschieht Tatjana, deren Liebe zu ihm Onegin nicht begreift, offenbar auch nicht begreifen kann. Seine Verzweiflung am Ende des Romans ist im Grunde nur der Ausdruck eines gekränkten Egoisten, der sich noch Hoffnung macht, als es keine Hoffnung mehr gibt.

John Cranko folgt in seinem Ballett Onegin nicht ganz der Romanvorlage. Die im Roman eingehend ausgedeutete Freundschaft mit Onegin kommt im Ballett nicht vor. Dennoch schuf Cranko im Mittelteil des Balletts für Lenski ein großartiges Todessehnsuchtssolo, in dem der Konflikt dieses jungen, innerlich tief verletzten Heißsporns tänzerisch zum Ausdruck kommen kann. Das gelang Joseph Ducille leider nicht. Sein Solo erschöpfte sich in der Abfolge verschiedener vorgegebener Bewegungen, ohne dass die Tragik Lenskis sich nach außen übertrug. Richard House gelang die Darstellung des empathielosen Dandys deutlich besser. Allerdings halte ich die Rolle Lenskis auch darstellerisch für schwieriger als die des eher eindimensionalen, narzisstisch gestörten Blenders Onegin.
Vom Tänzerischen her nahm SeoHyeon Jeong als Tatjana für sich ein. Wie sie sich im ersten großen Pas de deux von ihrem Partner herumwirbeln ließ, war beeindruckend, auch darstellerisch durchlebte sie ihre Partie überzeugend. Es war beim letzten Pas de deux von vornherein klar, dass sie sich ihm nicht aus liebender Verzweiflung an die Brust warf, sondern sich von ihm innerlich bereits, ihre Leidenschaft noch einmal, eigentlich erstmals, voll auskostend, getrennt hatte. Nur er, Onegin, merkte das nicht.

Soomin Kim tanzte trefflich Olga, die den Nektar von jeder Blüte naschte, soweit es sich für sie ergab. Johannes Goldbach (Fürst Gremin) überzeugte im Pas de deux mit Tatjana als deren liebevoller, sie im wahrsten Sinne des Wortes stützender und emporhebender Ehemann.
Das Bühnenbild schuf Jürgen Rose. Es ist sicher einer der schönsten Ballettdekorationen, die man heute noch sehen kann. Allein das lohnt schon den Weg nach Dresden. Das Orchester unter der Leitung von Simon Hewett hätte dynamisch durchaus differenzierter und nicht nur in annähernd gleichbleibender Lautstärke spielen können. Das Publikum applaudierte am Ende begeistert den Mitwirkenden.
Dr. Ralf Wegner, 7. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Romeo und Julia, Ballett von John Cranko, Stuttgarter Ballett Arte, 14. Februar 2021
Onegin, Peter Tschaikowsky, John Cranko, Teatro alla Scala Mailand, 25. Oktober 2019
Pjotr I. Tschaikowski, Eugen Onegin The Grange Festival, 30. Juni 2026