Daniels Anti-Klassiker 51: Sind Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ wirklich so genial?

Daniels Anti-Klassiker 51: Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“  klassik-begeistert.de, 7. Oktober 2026

Neale Osborne – Modest Mussorgsky Russian composer 1839-1881 – (MeisterDrucke)

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Durch die Promenade schreitet man von einem Gemälde zum anderen, lässt es auf sich wirken und genießt. Was gut in einem Museum stattfinden könnte, lässt sich in der Komposition „Bilder einer Ausstellung“ auch musikalisch nachempfinden. Aber Moment – wer das Werk kennt, weiß, dass davon zwei Versionen bekannt sind und sogar noch mehr existieren. Doch welche ist nun eigentlich die legitime, das „wahre“ Werk?
Der Zeit seines Lebens alkoholkranke Modest Mussorgsky, Nachkomme einer Adelsfamilie und Mitglied der so genannten „Gruppe der Fünf“ wird immer als eigentlicher Schöpfer dieser Komposition von 1874 genannt. Und man muss anerkennen, dass er derjenige war, der den Grundstein dafür legte. Wie auch seine Opern erlangte „Bilder einer Ausstellung“ schnell große Bekanntheit. Man könnte also meinen, hier sei einem Kompositionsmeister ein Meisterwerk aus der Feder geflossen. Und dass Mussorgsky seine Komposition für Orchester zu Lebzeiten nie gehört hat, ließe sich wie bei Mozart sogar als Wink des Schicksaals deuten. Aber ist dem wirklich so?

Fest steht, dass das Werk zunächst nur als Klavierzyklus erschien. Schon früh soll dieser Zyklus andere Komponisten auch zu Orchesteradaptionen angeregt haben. Von Mussorgsky selbst existiert allerdings keine Orchesterfassung. Und damit steigen wir in ein Problem der klassischen Musik ein, das sich bereits durch die Jahrhunderte zieht: Komponisten, die vermeintliche Meisterwerke hinterlassen, ohne deren Potenzial auszuschöpfen. Denn Hand aufs Herz: Die Klavierversion von Mussorgsky zieht sich. Sie ist dröge, stellenweise langweilig. Als „Meisterwerk“ mag ich sie nicht bezeichnen.

Der Nachteil eines Klavierzyklus oder generell der Beschränkung auf eines oder wenige Instrumente (zum Beispiel in der Kammermusik) ist stets klangliche Einschränkung. Natürlich – wenige Instrumente bedeuten auch weniger Aufwand für Komponist und Aufführende. Manche Werke gelingen auch sehr gut für einzelne Instrumente, wenn sie die Vorzüge dieser Instrumente herausstreichen. Geraten sie jedoch zu lang oder schreiben Klangeffekte vor, die diese Instrumente nur schwer bis schlecht ausdrücken können, werden solche Kompositionen schnell Garanten für Tristesse.

Und genau dieses Problem zeigt „Bilder einer Ausstellung“ in seiner Ursprungsfassung. Mussorgsky versucht hier, am Klavier ebenjene Bilder zu beschreiben, die wir aus Ravels Orchesterversion in schillernden Farben, verschiedensten Klangeffekten, Kontrasten und Lautstärkespielen kennen.

Was bei Ravel fabelhaft funktioniert, ist in Mussorgskys Urversion jedoch nur ein Schatten seiner Selbst. Vergleicht man beispielsweise musikalische Bilder, wie den Gnom, das alte Schloss, den Ochsenkarren, die Katakomben oder das goldene Tor von Kiew, dann geht Mussorgskys Version gnadenlos unter. Ausdrücke, wie das Groteske, Plumpe, Deformierte, das erhaben Schöne verfallener Ruinen oder den düsteren Hauch des Todes kann das Klavier aufgrund seiner physischen Grenzen als Instrument nun einmal nur bedingt ausdrücken.

Kein Instrument – auch nicht in Kombination – kann solche Ausdrücke perfekt darstellen. Musik ohne Worte bleibt stets unspezifisch. Trotzdem gibt es Instrumente, die gewisse Ausdrücke besser intonieren, als andere. Und langgezogene Liegetöne oder der Ausdruck vom Majestätischen sind nicht die Stärke vom Klavier. Ergreifen kann dieses Instrument eher durch bewegte, lyrische Passagen und rasante Läufe. Von denen hat „Bilder einer Ausstellung“ auch einige, beispielsweise in den Tuilerien, im Ballett der unausgeschlüpften Küken oder dem Marktplatz. Stellen wie diese sorgen dafür, dass das Werk als Klavierversion nicht in purer Langeweile endet.

Das dürfte wohl auch der Grund gewesen sein, warum Ravel diese Musik letztendlich aufgriff, um sie für Orchester umzuschreiben. Er dürfte in ihr Potenzial erkannt haben, das Mussorgsky entweder verborgen blieb oder das er nicht ausschöpfen wollte. Hätte er es gewollt, hätte der musikalische Autodidakt in seinem kurzen Leben noch mehrere Jahre Zeit gehabt. Und als Opernkomponist war er auch im Umgang mit dem Orchester erfahren. Dass er diese Komposition also nicht auf einen Orchestersatz übertrug, lässt nur einen Schluss zu: Ravel war der bessere Komponist. Spannend auch, dass Ravel in seiner Orchesterversion gleich ganz auf das Klavier verzichtet hat und so noch einmal Mussorgskys Instrumentenwahl infrage stellte.

Und trotzdem ist und bleibt Mussorgsky im Konzertbetrieb derjenige, der bei Aufführungen dieses Werks immer als Erster (und manchmal Einziger) genannt wird. Unfair ist das deshalb, weil Ravels Anteil am Klangspektakel der heute bekannten Orchesterversion viel größer ist, als der von Mussorgsky. Zugegeben, die Melodien sind nicht auf Ravels Gedanken gewachsen, diese Leistung muss man Mussorgsky anerkennen. Und Ravel blieb auch sehr starr am ursprünglichen Notenmaterial kleben, an manchen Stellen hätte man sich auch eine Erweiterung oder Veränderung wünschen können. Aber selbst wenn man bei Mussorgskys Ausgangsmaterial bleibt, ist eine Melodie nur so gut, wie die Art ihrer Darbietung. Die bleibt bei Mussorgsky schlicht ausbaufähig, während sie bei Ravel geradezu raffiniert stattfindet.

Meiner Meinung nach ist es daher ein Unding, Mussorgsky so viel und Ravel so wenig Anteil an der heutzutage verbreiteten Orchesterversion zuzuschreiben. Nicht selten erlebt man in Konzerteinführungen sogar, dass von Mussorgsky eine halbe Biografie und von Ravel nicht einmal der Name präsentiert wird. Deshalb hier mein Vorschlag, wie ich es in der Aufführungspraxis korrekter fände, diese Komposition in Zukunft zu bewerben: Maurice Ravel, „Bilder einer Ausstellung“ nach einem Klavierzyklus von Modest Mussorgsky.

Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Modest Mussorgsky (1839-1881), Chowanschtschina Staatsoper Unter den Linden, 2. November 2025

Modest P. Mussorgsky, Boris Godunow Staatsoper Hamburg, 8. Oktober 2024

Modest Mussorgsky, Chowanschtschina, Fassung von Dmitri Schostakowitsch Staatsoper Unter den Linden Berlin, Premiere, 2. Juni 2024

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