Andris Nelsons verlangsamt Mahlers Kosmos

Gustav Mahler The Symphonies, Wiener Philharmoniker Andris Nelsons  klassik-begeistert.de, 23. Oktober 2026

Wer heutzutage eine Gesamteinspielung der zehn Sinfonien von Gustav Mahler auf den Markt bringt, behauptet sich nicht bloß gegen eine unüberschaubare Fülle von Konkurrenzprodukten, sondern gegen ein gewaltiges historisches Erbe. Die Deutsche Grammophon veröffentlicht nun jenen Live-Zyklus, den die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Andris Nelsons über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg im Musikverein, im Konzerthaus und bei den Salzburger Festspielen aufgezeichnet haben.

Gustav Mahler
The Symphonies

Wiener Philharmoniker
Andris Nelsons, musikalische Leitung

Deutsche Grammophon, 486 7667 (12 CDs)

von Dirk Schauß

Das Orchester beruft sich stolz auf seine hauseigene Interpretationstradition, historisches Notenmaterial aus der Epoche des Komponisten und eine unverwechselbare klangliche Identität. Wer bei diesem Großprojekt jedoch eine strukturell geschärfte, analytisch unerbittliche oder gar gefährliche Auseinandersetzung erwartet, sieht sich rasch eines Anderen belehrt. Nelsons wählt einen Weg, der seine Hörer vor allem eine Tugend lehrt: Geduld. Diese monumentale Edition zelebriert ein verlangsamtes Wandeln durch Partituren. Nelsons nähert sich den Werken wie ein staunender Spaziergänger, der an jedem Gebüsch verweilt, um das Moos zu betrachten, während am Horizont das eigentliche Unwetter vorüberzieht.

Das gebiert streckenweise wunderschöne Augenblicke, lässt jedoch die großen Bögen, die innere Spannung und die architektonische Statik immer wieder in sich zusammenfallen. Wo Lorin Maazel vor Jahrzehnten mit demselben Klangkörper eine kühle Präzision, strukturelle Klarheit und messerscharfe Konturen einforderte, setzt Nelsons auf opulente Behaglichkeit. Kanten werden gründlich abgerundet, Schärfen im goldenen Wiener Streicherklang ertränkt. Ironie, Doppelbödigkeit und böse Parodie schauen im Verlauf dieser zwölf Tonträger nur als seltene, reichlich verunsicherte Gäste vorbei.

Schon der Auftakt in der ersten Sinfonie offenbart das Dilemma dieses Ansatzes. Die Vögel im Holz trällern rein, die Streicherflageoletts schweben transparent, doch der Moment des Erwachens erstarrt in einer wohlgestalteten Episode. Wenn im Scherzo der rustikale Ländler anhebt, fehlen ihm die Schmutzränder unter den Fingernägeln. Alles wirkt poliert, als tanzten dort keine Landleute in genagelten Stiefeln, sondern Statisten in gebügelten Trachten auf spiegelglattem Parkett. Der Klezmer-Einbruch im dritten Satz verfehlt seine verstörende Wirkung nahezu vollständig, weil die Wiener Musiker den Verfremdungseffekt im Weichzeichner ersticken.

Die zweite und dritte Sinfonie treten erstaunlich oft auf der Stelle, so dass einzelne Teile auseinanderfallen. Seltsam und bedauerlich, dass Nelsons im finalen Akkord der dritten Sinfonie dann nicht die geforderte Zeit für ein langes Aushalten nimmt.

Problematisch wird Nelsons Hang zum gedehnten Nachlauschen überall dort, wo Mahler die Form peitscht. Die fünfte Sinfonie zieht sich zäh wie alter Strudelteig. Der Trauermarsch schleppt sich mit einer Lähmung durch die Minuten, die dem Satz jeden Impuls raubt. Das Adagietto gerät zur lang gezogenen Klanginsel, die isoliert im Raum steht, ohne eine Brücke zum Rondo-Finale zu schlagen. Nelsons unterbricht den Fluss, um Details auszuleuchten, vergisst dabei aber das Ziel der Reise. Man sieht vor lauter liebevoll polierten Notenköpfen den Wald nicht mehr.

Ähnlich zwiespältig präsentiert sich die Sechste. Die Marschrhythmen im Kopfsatz besitzen Gewicht, doch es fehlt ihnen der martialische Sog, der Ausweglosigkeit demonstriert. Der hölzerne Schlaghammer im Finale setzt zwei saubere Akzente, ohne jedoch das Gefühl eines existenziellen Zusammenbruchs zu erzeugen. Alles bleibt gepflegt, akademisch und wohlerzogen. In der Siebten wiederum geht der Überblick weitgehend verloren. Die beiden Nachtmusiken bieten reizvolle Lyrismen, doch die Scherzo-Skurrilität bleibt harmlos, bevor das Final-Rondo in zu deutlich lärmt, weil der Dirigent die balancebedürftigen Bläser nicht ordnend zügelt.

Dennoch bietet diese Box deutliche Lichtblicke, die vor allem auf der Vokalfront zu finden sind. Die Solisten und Chöre in den Sinfonien mit Gesangserfordernis bereiten echte Freude und retten so manchen Satz vor dem narrativen Stillstand. In der dritten Sinfonie bringt Wiebke Lehmkuhl ihren Alt mit erhabener Ruhe ein, während der Damenchor des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde und die Wiener Sängerknaben einen makellosen Unterbau liefern. Das Werk verkraftet den breiten Raum zum Atmen klaglos.

Auch die vierte Sinfonie profitiert von Nelsons’ Weigerung, der Musik eine künstliche Schärfe aufzuzwingen. Christiane Karg singt das Sopransolo mit genau jener feinen, unschuldigen Naivität, die Mahler ausdrücklich verlangte. Wer das Gespenstische sucht, wird enttäuscht; wer sich dagegen in ein zeitloses Goldlicht hüllen lassen möchte, findet hier seine Erfüllung.

In der achten Sinfonie, diesem vokalen Giganten, überzeugt die hochkarätige Solistenriege auf ganzer Linie. Jacquelyn Wagner und Sarah Wegener bewältigen die extremen Sopranhöhen mit bewundernswerter Leichtigkeit, während Benjamin Bruns als Tenor seine Partie ohne hörbare Anstrengung durch den Saal stemmt. Michael Nagy und Tareq Nazmi verleihen den Männerpartien Fundament. Die vereinigten Chöre agieren präzise, mächtig und klangschön. Leider versinken im Konzerthaus die doppelt besetzten Pauken am Ende im orchestralen Brei. Die fundamentalen Schläge sollten die Welt erschüttern; hier ploppen sie harmlos aus den Lautsprechern. Zudem wird es ungenau, die große Trommel fehlt, der Abschlag gerät kraftlos.

Ambivalent gibt sich die neunte Sinfonie. Hier greift der weiche, gesangliche Grundzug in ein schlüssiges Konzept. Die Wiener Philharmoniker legen hingegen in der Rondo-Burleske ein vergleichsweise gemütliches Tempo an den Tag, kann man auch einmal so spielen und passt vielleicht auch besonders gut zum gemütlichen Wien. Das Verlöschen im Schluss-Adagio gelingt in einem schier unendlichen Leise, das den Raum unmerklich leert. Das Adagio der unvollendeten zehnten Sinfonie gerät gar zu einer schlampigen Angelegenheit, bei der das lahme Tempo die Linien zerfaserte und die dissonante Neunton-Akkordballung ohne strukturelle Logik über das Publikum hereinbrach.

Dieser jahrelange Kraftakt hinterlässt ein gespaltenes Gefühl. Nelsons bietet keinen Mahler für Skeptiker, keine Analyse mit dem Skalpell und keine radikale Neudeutung der Moderne. Er liefert einen extrem breiten, klanglich gesättigten, oft lähmend langsamen Mahler für Hörer, die im Konzertsaal vor allem Trost und opulenten Breitwandklang suchen.

Akustisch leidet das Unterfangen zudem unter einer erstaunlich schwankenden Aufnahmetechnik. Das Schlagzeug klingt phasenweise matt, gerät im Klangbild weit nach hinten und entbehrt jenes physischen Drucks, den Mahlers Katastrophenmusik zwingend verlangt. Dazu gesellen sich über die gesamte Laufzeit hinweg erstaunliche Nachlässigkeiten im Zusammenspiel. Man hört wackelnde Einsätze und Intonationsschwankungen, die man diesem Eliteorchester in einer edlen Boxausgabe nicht durchgehen lassen möchte.

Wer Leonard Bernsteins eruptiven Exzess, Pierre Boulez’ kühle Architekturen oder Claudio Abbados balancebedachte Transparenz schätzt, wird diese Box oft mit kopfschüttelnder Ungeduld zur Seite legen.

Ein mächtiges Dokument wienerischer Traditionspflege, die das Schöne betont, mit erfreulichen vokalen Glanzpunkten ist es geworden. Ein Meilenstein der Mahler-Interpretation ist es leider nicht.

Dirk Schauß, 23. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 3 d-Moll, Andris Nelsons, Dirigent Musikverein Wien, 2. Mai 2026

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 9, Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Dirigent Großes Festspielhaus, Salzburg, 11. August 2024

Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Dirigent, Gustav Mahler (1860-1911) – Sinfonie Nr. 7 in e-Moll Köln, Philharmonie, 22. Januar 2023

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 7 e-Moll, Bamberger Symphoniker, Andris Nelsons Bamberg, Konzerthalle, 21. Dezember 2022

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