Nathalie Stutzmann in Zürich: Laut ist nicht immer gut

Tonhalle-Orchester Zürich, Nathalie Stutzmann, Christina Nilsson  Tonhalle Zürich, 21. Oktober 2026

Nathalie Stutzmann © Daniele Ratti

Wagner im Konzertsaal – eine nicht ganz einfache Geschichte. Wagner war Opernkomponist durch und durch und komponierte für den Orchestergraben, den Parsifal dann sogar für ein zu großen Teilen unter der Bühne plaziertes Orchester in Bayreuth. Die Konzertversionen seiner Ouvertüren und einiger anderer Auszüge seiner Opern und Musikdramen gehen auf ihn selbst zurück, der mit Konzerttourneen schlicht Geld verdienen musste.

Tonhalle Zürich, 21. Oktober 2026

Tonhalle-Orchester Zürich
Nathalie Stutzmann / Leitung

Christina Nilsson / Sopran

Richard Wagner (1813-1883) / Ouvertüre zu „Rienzi“

Richard Wagner (1813-1883) / Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“

Johannes Brahms (1833-1897), Sinfonie Nr. 1 c-Moll Opus 68

von Julian Führer

Bei den Bayreuther Festspielen wollte Wagner selber seinen Rienzi gar nicht haben. Sein „jugendlicher Schreihals“, als der er ihn bezeichnete, ist ein überbordendes Werk in der Tradition der Grand Opéra Meyerbeers, die Wagner, wie so oft maßlos, schon als junger Mann und nach eigener Aussage noch überbieten wollte. Die aktuelle Festspielleitung hat sich entschieden, den Rienzi ab 2026 doch auch in Bayreuth zu zeigen, und das Dirigat Nathalie Stutzmann übertragen, die dort bereits den Tannhäuser übernommen hatte.

In Zürich gab es die Ouvertüre auf dem Podium der prächtigen Tonhalle zu hören. Der Beginn war sehr langsam, aber angesichts des vorgeschriebenen Pianissimo bemerkenswert laut. Eine Verzierung in den ersten Violinen geriet etwas unsauber, dann fand sich das Orchester. Viele Tuttipassagen sind laut, in Zürich waren sie sehr laut, die Rührtrommel so laut, dass der Rest des Orchesters nicht mehr gut zu hören war. Die muntere Melodie, zu der im zweiten Akt dann „Rienzi, dir sei Preis, dein Name hochgeehrt“ gesungen wird, war in einer merkwürdigen Temporückung deutlich schneller als gewohnt, vor der Reprise der Solotrompete wurde das Tempo dann sehr abgebremst. Besonders schlüssig oder notwendig schien dies nicht – und die Lautstärke wäre im Bayreuther oder vielleicht auch in einem anderen Graben angemessener gewesen.

Die Verbindung von Vorspiel und ‚Liebestod‘ aus Tristan und Isolde ist ebenfalls eine Konvention für Konzertsäle (und eine willkommene Abkürzung für diejenigen, die sich den dazwischenliegenden drei Stunden Liebesschmerz und -wahn nicht aussetzen wollen). Nach dem Tristanakkord schwollen die Celli abermals erstaunlich stark an, der Rest des Vorspiels war in einem Dauerforte gehalten, das dem Sehnenden, das Wagner dort vorstellt, nicht gerecht wurde.

Den ‚Liebestod‘ sang die fabelhafte Christina Nilsson mit klarer Stimmführung und einer Stimme, die aus dem vollen schöpfen konnte; ihre Elisabeth im Tannhäuser, die sie im Sommer und auch jüngst am Opernhaus Zürich sang, setzt Maßstäbe. Plaziert war sie seltsamerweise rechts hinter den zweiten Violinen und der Harfe – in der Zürcher Tonhalle eine Stelle, die einen besonders starken Nachhall aufweist und für die Solistin vor allem dann geeignet gewesen wäre, wenn die Violinen sie nicht überdeckt hätten. Auch die Distanz zur Dirigentin war recht groß, was einige angestrengte Blicke zeigten. Für Christina Nilsson gab es dann auch den meisten Applaus.

Christina Nilsson © Emilie Kroon

Die erste Symphonie von Johannes Brahms hat einen leicht einmal zu wuchtig geratenden Beginn. Ähnlich wie der Einstieg zu Wagners Meistersingern neigen etliche Dirigenten dazu, hier zu laut anzufangen, was die dynamische Bandbreite für den weiteren Verlauf einschränkt. Die Brahms-Symphonie beginnt gemäß Partitur im Forte – nicht im Fortissimo oder gar noch mehr; das gilt auch für die Pauke, von der eben nicht festgelegt ist, dass der Schlagzeuger mit zwei Schlegeln und groß ausholend über mehrere Takte auf sie niederdonnern soll. David Zinman als früherer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters hatte hier beeindruckende und sehr überzeugende Abstufungen gestaltet.

Tonhalle Orchester Zürich fotografiert am 14.12.2023 in Zürich © Tonhalle Orchester Zürich/Gaetan Bally

Insgesamt passte diese Symphonie in sich besser zusammen als die beiden isolierten und kompositorisch über zwanzig Jahre auseinanderliegenden Stücke von Wagner. Speziell der zweite Satz gelang gut, die schnellen Läufe der ersten Violinen im vierten Satz waren mustergültig. Die sehr große Besetzung führte allerdings zu einem Dauerfortissimo zu Lasten der Abstufung und der Differenzierung; auch bei der Phrasierung hätte man sich mehr Gestaltung gewünscht.

Das schöne Buch „Bin ich zu laut?“ des Pianisten und Liedbegleiters Gerald Moore beschreibt mit einem Augenzwinkern das Problem einer musikalischen Darbietung – wie leise ist möglich, wie laut ist nötig?

Die Zürcher Tonhalle ist durchaus in der Lage, einiges an Volumen auszuhalten, die gespielten Werke allerdings haben mehr verdient als laut, lauter, am lautesten. Das Fazit fällt daher zwiespältig aus: Eine Dirigentin wie Nathalie Stutzmann hätte auf die Verhältnisse des Saales mehr Rücksicht nehmen müssen.

Julian Führer, 22. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Charles Gounod, Faust, Nathalie Stutzmann Dirigentin Nationaltheater, München, 16. Februar 2026

Wiener Symphoniker, Nathalie Stutzmann, Edgar Moreau Musikverein Wien, Großer Saal, 27. Oktober 2024

Richard Wagner, Tannhäuser, Klaus Florian Vogt, Elisabeth Teige, Nathalie Stutzmann Bayreuther Festspiele, 26. Juli 2024

Richard Wagner, Rienzi Bayreuther Festspiele, 26. Juli 2026

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