© Sofia Opera and Ballet
Die Nationaloper Sofia leistet sich einen Luxus, den man an den reich subventionierten Bühnen Mitteleuropas längst verlernt hat. Anstatt ein Werk mühsam über Wochen zu dehnen, stellt das Haus seine Produktionen in dicht gepackten Blöcken vor das Publikum und besetzt sie an aufeinanderfolgenden Abenden fast vollständig aus dem eigenen Ensemble. Wer am 24. und 25. Oktober die Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis Macbeth besuchte, erlebte keinen faden Aufguss der Premierenserie der vergangenen Saison, sondern zwei Aufführungen, die in ihrer stimmlichen wie darstellerischen Differenzierung faszinierten.
Giuseppe Verdi Macbeth
Inszenierung: Vera Petrova
Musikalische Leitung: Grigor Palikarov
Sofia Opera and Ballett House, 24. / 25. Oktober 2026
von Dirk Schauß
Regisseurin Vera Petrova hat gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Maria Koleva einen Raum geschaffen, der den Zwang zur Macht in düstere, monumentale Bilder übersetzt. Gotische Bogenfragmente schneiden wie stumpfe Messer in das Bühnendunkel. Sie beschwören eine Epoche herauf, ohne im historischen Kostümfilm zu verharren. Ein unebenes, steinernes Terrain dient den Mächten des Unbewussten als Spielfläche. Der Königsthron entpuppt sich durch eine einfache Drehung als Grabstätte, und die lange Tafel des Banketts erinnert nicht zufällig an einen sarkophagähnlichen Monolithen. Petrova verzichtet erfreulicherweise auf die üblichen Hexenklischees. Sie begreift das übernatürliche Element als kollektiven Albtraum des Protagonisten, angeführt vom stummen, silbern und blutrot agierenden Hüter der Träume, dem Alexander Alexandrov eine schleichende, unheimliche Präsenz verleiht.

Am ersten Abend trat Ventseslav Anastasov in der Titelpartie auf. Anastasov singt diese Mörderrolle mit der Gelassenheit eines Mannes, der um die Qualitäten seines Materials weiß. Sein Bariton klingt volltönend, bruchlos und von beneidenswerter Verlässlichkeit. Er gestaltet die Partie primär aus der musikalischen Linie heraus, pflegt ein Noblesse ausstrahlendes Legato und setzt scharfe Akzente nur sehr selten ein. Das Ergebnis ist das Porträt eines brütenden, in sich gekehrten Herrschers, der an seiner eigenen Schuld eher leidet, als dass er sie hysterisch herbei schreit.
Die fehlende Hysterie des Gatten kompensierte Liliana Kehayova als Lady Macbeth mit einer geradezu bedingungslosen Hingabe. Was diese Sängerin an diesem Abend leistete, sprengt die gewohnten Maßstäbe des Fachs. Sie beherrschte die tückische Partie mit einer Erhabenheit, die sprachlos machte. Die Höhe sprach mühelos an, ohne ins Schrille abzugleiten. Selbst in den massiven Ensemblesätzen schmetterte sie jene extremen Töne in den Saal, die andere Kolleginnen aus wohlüberlegter Vorsicht unterschlagen. Ihre Koloraturen besaßen Schärfe und Eleganz, was das Brindisi zu einem der Höhepunkte des Abends machte. In der Schlafwandelszene drosselte sie das Volumen zu einer schaurigen, mit zarten Klangfarben grundierten Mezza Voce. Kehayova spielte eine Frau, die erst eiskalt manipuliert, um dann an den Geistern ihrer eigenen Taten zu zerbrechen. Dass diese Künstlerin im deutschen Fach als Elektra reüssiert, leuchtet nach diesem Parforceritt unmittelbar ein. Eine großartige Leistung!

Den Banco gab Petar Buchkov mit erstaunlichem Charisma. Sein schwarzer, von innen heraus leuchtender Bass verlieh der Figur ein vitales, unerschütterliches Profil, das dem Abend ein starkes Fundament gab.
Emil Ivanov als Macduff steuerte einen gereiften Tenor mit edlem Schmelz bei, dessen Trauer im Schlussakt ehrlich empfunden wirkte.
Hrisimir Damyanov als Malcolm setzte deutliche Akzente und verlieh der Nebenrolle klare Kontur. Angel Hristov adelte die kleine Partie des Arztes mit gewichtigem Bass, während Petya Petrova als Dame der Lady mit weichem, schön stimmigem Sopran gefiel.

In der Aufführung am 25. Oktober verschoben sich die Gewichte auf der Bühne beträchtlich. Kiril Manolov betrat als Macbeth die Szene und füllte den Königsthron schon mit seiner physischen Erscheinung mühelos aus. Überraschend war jedoch, mit welcher darstellerischen Leichtigkeit und Wendigkeit er seine Riesengestalt über die Steine bewegte. Manolovs Mimik reagierte unmittelbar auf die feinsten Biegungen in der Partitur. Stimmlich präsentierte er einen raumgreifenden, dem reinen Belcanto verpflichteten Bariton, der ohne forcierte Kanten auskam und dem Tyrannen eine zuweilen naive, dann wieder offensive Brutalität verlieh.
Ihm stand in Radostina Nikolaeva eine Lady gegenüber, die völlig andere Akzente setzte als ihre Vorgängerin. Nikolaeva gab die Herrscherin introvertierter, schattenhafter, fast wie eine lautlose Regisseurin im Hintergrund. Ihre Durchsetzungskraft speiste sich nicht aus vokaler Gewalt, sondern aus subtiler Überredung. Erst in der extremen Höhenlage ließ sie ihre Stimme aufstrahlen und setzte schneidende Glanzpunkte über das Orchester.

Svetozar Rangelov gab den Banco als gealterten, etwas müde gewordenen Haudegen mit verhaltener, aber charaktervoller Tongebung.
Daniel Damyanovs Macduff verfügt über beträchtliches Stimmvolumen und deutliche Emphase. Seine Arie gelang ihm mit ansprechender Intensität.
Hrisimir Damyanov wiederholte seinen markanten Malcolm mit gewohnter Präzision.
Nicolay Petrov fügte sich als Arzt sensibel in das Geschehen ein, während Petya Petrova als Kammerfrau erneut für klangliche Abrundung in den Nebenrollen sorgte.
Dass beide Aufführungen musikalisch wie aus einem Guss wirkten, war das Verdienst von Grigor Palikarov am Dirigentenpult.

Palikarov ist ein Kapellmeister im besten, ehrlichsten Sinne des Wortes. Er trieb das aufmerksame und sehr klangschön spielende Orchester mit klaren Tempi nach vorne, hielt die Balance zwischen Graben und Szene strikt aufrecht und wachte sorgfältig über die Entfaltungsmöglichkeiten seiner Solisten. Die dramatischen Entladungen besaßen Zugkraft, ohne ins Lärmende abzugleiten.

Der von Violeta Dimitrova hervorragend präparierte Chor der Nationaloper Sofia präsentierte sich als homogenes, klanggewaltiges Kollektiv, das in den großen Klageszenen seine volle Wirkung entfaltete. Wenn ein Haus an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei derart unterschiedliche, in sich stimmige Besetzungen auf die Bretter stellen kann, hat es seine Hausaufgaben gründlich gemacht.
Der lange, intensive Applaus im Saal war der gerechte Lohn für zwei Abende, die den Reiz des Ensemblesystems auf das Schönste demonstrierten.
Dirk Schauß, 29. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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