Aleksandra Kurzak © Slawek Przerwa
Benjamin Bernheim zählt aktuell zu den gefragtesten Tenören der Opernwelt, das deutschsprachige Feuilleton überschlug sich geradezu über seinen „Werther“ auf den diesjährigen Salzburger Festspielen.
Umso größer ist freilich die Aufmerksamkeit, wenn der Franzose – bislang auch überwiegend erfolgreich im französischen Fach unterwegs – an der Berliner Staatsoper sein Rollendebüt als Cavaradossi in Puccinis „Tosca“ gibt.
Staatsoper Unter den Linden, 28. Oktober 2026
Giacomo Puccini Tosca
Musikalische Leitung: Alexander Soddy
Inszenierung: Alvis Hermanis
Szenische Einstudierung: José Dario Innella
Mitarbeit Regie: Gudrun Hartmann
Tosca: Aleksandra Kurzak
Mario Cavaradossi: Benjamin Bernheim
Baron Scarpia: Davide Luciano
Cesare Angelotti: Arttu Kataja
Spoletta: Florian Hoffmann
von Kirsten Liese
Allein in diesem Blog ist dies die insgesamt dritte Rezension.
Was die große Arie des gefolterten und schließlich brutal erschossenen Malers „E lucevan le stelle“ anlangt, kann ich mich den Hymnen uneingeschränkt anschließen, die singt er mit leichten Retardierungen im Falsett und lang angehaltenen Spitzentönen fulminant. Seine Todesangst und tiefe Verzweiflung nimmt man ihm da ganz ab.
In den Duetten mit Tosca im ersten Akt hat mich Bernheim allerdings weniger überzeugt. Da imponierte er zwar mit großem Volumen, ließ aber zumindest in meinen Ohren einen Belcanto-Schmelz vermissen, wie ihn vorzugsweise die Startenöre vergangener Zeiten aufbieten konnten: ein Giuseppe Di Stefano, Carlo Bergonzi, Luciano Pavarotti oder Plácido Domingo. Hinzu kommt, dass Bernheim über eine sehr helle Stimme verfügt, für meinen Geschmack eine Nuance zu hell, und mich in der Rolle seitens der unscheinbaren Gestaltung auch nicht sonderlich bewegt hat. Ob in den Duetten mit seiner eifersüchtigen, leidenschaftlichen Geliebten oder als der von dem Sadisten Scarpia gemarterte Schmerzensmann erscheint er blass und teilnahmslos, die Emotionen, die er besingt, bleiben Behauptung. Da gefällt mir in der Rolle unter den heutigen Tenören doch Jonas Kaufmann mit seiner baritonalen dunkleren Färbung, seinem Charisma und dem spürbaren Durchleben der großen Emotionen als Liebender und Leidender um einiges besser.
Zur eigentlichen Entdeckung in dieser Repertoire-Vorstellung wurde aus meiner Sicht Aleksandra Kurzak als eine feurige, treffliche Tosca, die so manch andere prominente Sängerinnen, die ich zuletzt in dieser Rolle erlebte, Violeta Urmana oder Sondra Radvanovsky, im Gesamteindruck übertraf. Eine große, warme, runde Stimme, die sofort ins Ohr sticht, wenn sie nach ihren ersten unruhigen Mario-Rufen ins Zentrum der Bühne steuert, weitgehend schlank und ohne flackernde Vibrato-Amplituden geführt und in den Kulminationspunkten ihrer berühmten Arie „Vissi d’arte“ noch dazu von großer Schönheit. Sie ist durch und durch die leidende Liebende, der ihre unbegründete, von Scarpia befeuerte Eifersucht, ebenso zusetzt wie die grausame Erpressung des Polizeichefs, ihren Mario erschießen zu lassen, sollte sie sich ihm, ihrem Widersacher, in ihrem Hass nicht für eine Liebesnacht hingeben.
Diese Martyrien erlebt sie sehr eindringlich, nur im zweiten Akt outriert sie vermutlich unfreiwillig etwas, da geraten Mimik und Gestik ein wenig pathetisch. Vor allem aber – und das ist sehr schade – missrät eine der zentralen Szenen dieses Krimis durch Alvis Hermanis’ fahrlässige Regie. Das Messer oder der Dolch, mit dem Tosca ihren Peiniger tötet, entdeckt Kurzak hier erst rein zufällig einen Moment, bevor sie zusticht. Die elegische orchestrale Zwischenmusik zuvor, während der Scarpia den gewünschten Passierschein ausstellt, bleibt somit psychologisch völlig ungenutzt für das innere Drama Toscas, die natürlich die Waffe schon deutlich früher erspähen muss, um ihren Plan zu fassen.
Davide Luciano gibt an Kurzaks Seite den fiesen Tyrannen, agil und schlank in der Stimmführung und ein großer Bariton, der, ebenfalls darstellerisch überzeugend im Einsatz, sehr gut mit Kurzak harmoniert.
Die Inszenierung von Alvis Hermanis erscheint, nach Wiederbetrachtung, immerhin handwerklich solide gemessen an Produktionen, in denen man das Stück kaum wiedererkennt. An die legendäre Inszenierung von Boleslaw Barlog von 1969 an der Deutschen Oper in der Bismarkstrasse reicht sie nicht heran. Die Zeichnungen und Fototapeten, mit denen die römischen Originalschauplätze hier angedeutet werden, wirken doch etwas behelfsmäßig, vor allem bieten sie für Toscas Sprung von der Engelsburg keinen Raum.
Alexander Soddy erweist sich am Pult der Berliner Staatskapelle einmal mehr als ein bewährter Gast, der die Dramatik des Stückes in all ihren Facetten vielfarbig ausstellt. Alles in allem eine empfehlenswerte, verdient mit großem Beifall und Sängerbravos gefeierte Produktion! Karten gibt es für weitere Aufführungen auch noch.
Kirsten Liese, 30. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giacomo Puccini, Tosca, Benjamin Bernheim Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 27. Oktober 2026
Giacomo Puccini, Tosca, Benjamin Bernheim Berlin, Staatsoper Unter den Linden, 25. Oktober 2026
Giacomo Puccini, Tosca, Leonardo Sini, Musikalische Leitung Deutsche Oper Berlin, 29. September 2026
Giacomo Puccini, Tosca, Dietrich Hilsdorf, Regie Theater Lübeck, Premiere, 13. Juni 2026