Daniels Anti-Klassiker 45: Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem (1792)

Daniels Anti-Klassiker 45: Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem (1792),  Klassik-begeistert.de

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Mozarts Requiem – ein Gigant unter den Orchesterwerken, lange Zeit als eine der besten, wenn nicht sogar DIE beste Komposition des Wolfgang Amadeus bekannt mit Kultstatus und allgemeiner Bekanntheit bis heute. Eine Musik, über die er selber sogar verstarb, sodass sie sein Schüler Süßmayr vollenden musste. Mozarts Tod während der Komposition könnte die Idee wecken, dass der Allmächtige selbst ihn zu sich rief, um diese Musik zu seinem Schwanengesang zu erheben – das ist Stoff, aus dem Legenden gemacht werden. Zu schade nur, dass die Anteile Süßmayrs nicht an Mozart heranreichen. Oder? Zeit, einmal einen Blick drauf zu werfen…

Die Entstehungsgeschichte dieses Requiems liest sich wie ein Drama. Als Mozart den Kompositionsauftrag von Graf Franz von Walsegg  erhielt, hatte er sich als neuer Domkapellmeister an St. Stephan in Wien bereits länger mit Sakralmusik auseinandergesetzt. Die Komposition des Requiems kam da nicht nur finanziell gelegen. Überraschend erkrankte Mozart aber schwer und verstarb schließlich am 5. Dezember 1791. Auf Bitten seiner Witwe übernahm zunächst Familienfreund Joseph Eybler die Fertigstellung des zu dem Zeitpunkt unfertigen Werks, strich aber schnell die Segel, sodass der junge Franz Xaver Süßmayr es schließlich vollendete. Nach einigen voreiligen Uraufführungen trat das Werk dann mit der Aufführung unter Auftraggeber Walsegg selbst im Jahr 1793 seinen Siegeszug an.

Dieses Requiem gleicht dadurch einer wahren Gemeinschaftsleistung. Und entsprechend der unterschiedlichen Kompositionsfertigkeiten wurden seine einzelnen Teile auch sehr verschieden bewertet. So bescheinigte Friedrich Rochlitz (frei übersetzt) im Jahr 1804 dem Lacrymosa eine „wunderschöne, expressive Modulation“, dem Sanctus „vollkommen erhabene Einfachheit, Pracht und Würde“ und dem Benedictus das „angenehmste und verführerischste“ Potenzial. Kein Zweifel, dass er diese nahezu göttliche Gesamtkomposition dem ebenfalls „göttlichen Genie“ Mozart zuordnet und Süßmayrs Mitwirken auf die Instrumentation beschränkt. Ja, einige seiner Aussagen lesen sich sogar so, dass er Süßmayrs Mitarbeit gleich ganz anzweifelt, wenn er ihm für seinen „kleinen, unsignifikanten Anteil“ dankt. Auch Zeugnisse, wie das von E.T.A. Hoffmann, schlagen in dieselbe Kerbe.

Was sollte man dieser Bilanz auch hinzufügen. Mozarts Requiem ist eine Ansammlung kompositorischer Meisterleistungen, ein herausragend berauschendes Werk der Instrumentations- und Ausdruckskunst und bildet Grundlange für viele spätere Kompositionen. Wer sich auf die Tradition der Totenmesse als Orchesterwerk beruft, kommt nur schwer an diesem Meilenstein vorbei. Das kann doch nur ein Mozart hervorbringen. Oder?

Tatsächlich nährten sich bald Zweifel an dem vermeintlich geringen Anteil, den Süßmayr an dieser Komposition gehabt haben soll. Über die Jahre wurde deutlich, dass er nicht nur die Instrumentation übernommen hatte – ganze Teile des Requiems wurden ihm schließlich zugeschrieben. Und mit diesen Erkenntnissen reifte auch immer mehr die Einsicht, dass „Mozarts Requiem“ vielleicht doch nicht so kompositorisch ausgereift und perfekt war, wie unter anderem Rochlitz oder E.T.A. Hoffmann festgehalten hatten.

So entstanden Zeugnisse wie das von Gottfried Weber, der 1825 in diesem Requiem Mozarts „unperfekteste“ Komposition sieht und beispielsweise Kyrie und Cum sanctis-Fuge „nicht authentisch Mozart“ nennt. Dafür führt er die „Gurgeleien“ im Kyrie sowie die unangemessen „versüsslichenden Anklänge“ im Tuba mirum an. Kritisch sieht er auch im Confutatis den „schmeichlerischen“ Ausdruck, die „bedeutungslose“ Oszillation zwischen hohem und tiefem Register im Hostias, sowie dessen zu lange Reprise in der Quam olim Abrahae-Fuge. Beim Lesen seiner Worte erscheint es einem, als gäbe es am halben Requiem nichts Gutes – alle Anteile, die er Süßmayr zuordnet, verreißt er regelrecht. Dies sei einem Mozart doch nicht würdig!

Dumm nur, dass die Musikwissenschaft inzwischen ergeben hat, dass diese so scharf kritisierten Sätze Mozarts eigener Anteil am Requiem sind. In dem 2012 in der Cambridge University Press erschienen Buch „Mozart’s Requiem: Reception, Work, Completion“ dröselt Simon P. Keefe penibel auf, welcher Komponist welchen Teil schrieb – mitsamt Rezensionen. Und er stellt fest, dass Mozart etwa die Hälfte des Werks hinterließ und Süßmayr ausgerechnet die Teile ergänzte – unter anderem Lacrymosa ab Takt 8, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei – die selbst den größten Kritikern weiterhin als Geniestreich galten.

Und um noch Salz in die Wunde zu streuen, berichtet die Allgemeine musikalische Zeitung zu den Aufführungen aus den Jahren 1804 im Pariser Konservatorium sowie zu 1806 in Leipzig, dass beide Male das Lacrymosa sowie das Agnus Dei das Publikum am meisten bewegt hätten – beides Sätze vom vermeintlichen „Stümper“ Süßmayr. In London wurde unwissentlich sogar gleich ganz auf Mozarts Sätze verzichtet und in der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts nur das Benedictus als „ausdrucksstärkster“ Teil aufgeführt.

Wie aber kann das sein, dass Mozarts nachgewiesen eigene Anteile ausgerechnet die schwächeren sind? Dass sie so schwach sind, man ihrem Erschaffer sogar Unfähigkeit vorwirft? Ist Mozarts Stil etwa doch nicht so unverkennbar einzigartig und genial? Wenn man Publikum und all den Herren Kritikern keine grenzenlose Ahnungslosigkeit unterstellen möchte, bleibt doch nur ein Schluss übrig: Süßmayr war der bessere Komponist! Das scheint aber niemand zugeben zu wollen. Stattdessen wird sein Name in den Schmutz gezogen, um Mozarts eigenes Andenken nicht zu blamieren!

Es spricht Bände, wenn an ein und demselben Werk Qualität nicht mehr von objektiven Kriterien, sondern vom Komponistennamen abhängig gemacht wird. Denn wenn Musik nur als gut gilt, solange ihr Erschaffer Mozart heißt, sagt das nichts mehr über die Musik aus, sondern es läuft auf eine reine Geschmacksfrage hinaus. Das beweisen diese Kritiken: Raffinesse, Instrumentation, Ausdrucksstärke, Form – all das wird bedeutungslos, sobald infrage gestellt ist, dass Mozart selber der Komponist war. Oder aber salopp gesagt: Egal wie gut jemand komponiert – ist der Name nicht Mozart, gilt es alles nichts. Ist der Name aber Mozart, gilt selbst der größte Griff ins Klo als die höchste Kunst. Das Requiem beweist damit, dass an Mozarts Musik nicht die Qualität, sondern der Name das Besondere ist. Von dem vermeintlichen Genie bleibt so aber nichts mehr übrig, außer dieser Name.

Damit ist das Requiem Inbegriff der Künstlerverherrlichung, wie Mozart sie durch die Jahrhunderte (in meinen Augen zu Unrecht) erfuhr. Es ist das Paradebeispiel für eine Klassische Musikkultur, die auf ihren Klassikern eingeschlafen ist. Eine Kultur aber, die ihre alten Meister nicht vom Sockel der vermeintlichen Unfehlbarkeit herunterholt und dadurch auch nichts Neues mehr zulässt, ist eine tote Kultur mit pseudoreligiösen Anteilen. Es hat Gründe, warum sich viele Jugendlichen und junge Erwachsene nicht für diese Kultur interessieren – diese ausufernde Form von Leichenverehrung ist ein entscheidender Faktor.

Mozarts Requiem ist deshalb Ausdruck hoffnungsloser Überbewertung. Dazu grenzt es an Verleumdung, weil Mozarts Anteil auf Basis des Namens alleine extrem überbewertet und Süßmayrs entsprechend unterbewertet wird. Streng genommen müsste man es eigentlich in „Süßmayrs Requiem an Mozart“ umbenennen. In derselben Manier, wie Mahlers zehnte Sinfonie auch nur in der Version nach Cooke bekannt ist. Aber das werden wir nie erleben, denn man darf nicht vergessen: Der Name Mozart verkauft sich besser. Den Ruf eines „Giganten“ und eines „Jahrhundertwerks“ hätte diese Komposition ohne seinen Namen jedenfalls nicht so leicht errungen. Und so muss man fragen: Geht es in der Kulturbranche nur dann um kulturelle und aufgeklärte Pflege, Bildung und Qualität, wenn bereits teuer durch Steuergelder subventioniert wurde? Bestimmen ansonsten etwa nur Namen und Vermarktung, was „gut“ sein soll? Dieser Eindruck könnte entstehen…

Daniel Janz, 7. Januar 2022, für
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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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