Schweitzers Klassikwelt 171: Der Kuss, Oper von Bedřich Smetana

Schweitzers Klassikwelt 171: Der Kuss, Oper von Bedřich Smetana  klassik-begeistert.de, 1. September 2026

Theater für Niedersachsen in Hildesheim, vor der Aufführung mit unseren Verwandten aus Sibbesse, Niedersachsen  © Lothar Schweitzer 30.4. 2011

Inschrift über den Säulen:

DER MENSCHHEIT WUERDE
IST IN EURE HAND GEGEBEN
BEWAHRET SIE SIE SINKT MIT EUCH
MIT EUCH WIRD SIE SICH HEBEN             

Unsere Reihe „Wir erinnern uns an schöne Opernerlebnisse – Als wir (noch) nicht  „Merker“ und nicht „Blogger“ waren“ fortsetzend, müssen wir diesmal einen Teil der Überschrift in „Als wir zum ersten Mal „Merker“ wurden und noch nicht „Blogger“ waren“ ändern.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Der Zufall bzw. das Schicksal wollte es so. In einem Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker trafen meine Frau Sylvia und ich eine pharmazeutische Studienkollegin, die damals Lektorin der Opernzeitschrift „Der neue Merker“ war mit der Chefredakteurin dieses Opernjournals. Als die Chefin erfuhr, dass wir in nächster Zeit im niedersächsischen Hildesheim Bedřich Smetanas „Der Kuss“ besuchen werden, war sie an einem Bericht der selten gespielten Oper sehr interessiert. Ich zögerte im ersten Moment das für uns völlig neue Angebot anzunehmen, doch Sylvia ermutigte mich.

Zu unsren Lebzeiten wurde dieses Werk in der Wiener Staatsoper nie aufgeführt. Eine einzige Inszenierung brachte es auf achtzehn Aufführungen vom 27. Februar 1894 bis 12. Februar 1895.

Mit einem besonderen Gefühl fuhren wir mit unseren Verwandten über das sanfte Bergland des Hildesheimer Walds in eines der Hauptzentren Niedersachsens. Zum ersten Mal besuchten wir eine Oper nicht nur als Theatergast. Wahrscheinlich lag es an den Maibaumfeiern am Vorabend des Maibeginns, ein Großteil der Sitze blieb bei dieser fünften Aufführung leer. Ich konnte mich von meiner Gruppe absondern und einen Platz nahe einem Ausgang wählen. Ich glaubte damals noch, unter dem Licht der Notbeleuchtung als Gedächtnisstützen Notizen in mein Programmheft kritzeln zu müssen.

Grosser Saal im tfn nach dem Umbau
Theaterzettel mit Notizen © Lothar Schweitzer

Im tschechischen Original heißt die Oper „Hubička“, also „Küsschen“. Der Hauptstrang der Handlung kurzgefasst: Vendulka verweigert bei der Verlobungsfeier ihrem Verlobten Lukáš den Kuss, weil nach Volksmeinung ein Kuss vor der Hochzeit die Totenruhe seiner ersten Frau stören könnte. Sie zeigt Respekt vor der Frau, deren Kind sie annehmen möchte. Es kommt zum Zerwürfnis. Sie weicht in den Wald aus, um dort ihrer Tante bei Schmuggelgeschäften zu helfen. Der Tante Vendulkas und dem Schwager von Lukáš gelingt die Versöhnung. Lukáš sinkt Vendulka zerknirscht zu Füßen und sie gibt ihm den ersehnten Kuss.

Wir hatten während unseres kurzen Aufenthalts in Niedersachsen für eine Oper keine andere Wahl. Aber es ließen sich aus dem Stück viele Gedanken herausholen. Zum Beispiel die Kulturgeschichte des Kusses. Zu verschiedenen Zeiten, aber auch in verschiedenen Ländern gehen unterschiedliche Signale von ihm aus. Was uns sehr berührte: Da gibt es ein Kind aus einer eingeredeten Ehe, das für die zweite, eigentlich immer vom verwitweten Mann geliebten und jetzt umworbenen Frau zum Schlüssel für die Bewältigung der seelischen Verletzung durch die erste Zurückweisung wird. In der lyrischen Szene Vendulkas mit dem Kinderwagen erreicht die Musik Smetanas auch einen ihrer wunderschönen Gipfel.

Wir lobten die Vendulka der in Sofia geborenen Antonia Radneva. Wenige Jahre später verkörperte sie in Hildesheim am selben Theater überzeugend die verängstigte Blanche in Poulencs „Gespräche der Karmelitinnen“. Die Rolle des Lukáš saß Christian Salvatore Malchow wie angegossen. Der Heldentenor war für das „TfN“ ein Gewinn. Er sang hier auch Radamès, Hoffmann und Erik. Vier Jahre später wechselte er zu den Landesbühnen Sachsen, einem Viersparten-Reisetheater (Radebeul, Dresden, Meißen u.a.), wo er als Bacchus (Ariadne auf Naxos) und Max (Der Freischütz) zum Einsatz kam. Für Werner Seitzer als musikalischen Leiter war die Realisierung dieses Werks an seinem Theater Chefsache. Der Regisseurin Mareike Zimmermann und dem Bühnenbildner Bernd Franke gelang vom ersten zum zweiten Bild, das im Wald spielt, ein interessanter Stilwechsel vom Naturalismus zum Symbolismus.

Schlussbeifall, auf der rechten Seite des Dirigenten Werner Seitzer Antonia Radneva, links von ihm Christian Malchow  Foto: Lothar Schweitzer

Unser Bericht endete mit den Sätzen: „Ein paar Tage später legten wir eine CD aus der Oper Brno auf. Bald schalteten wir ab. Wie lebendig ist doch das direkte Erlebnis auch in einem kleinen Theater im Schatten großer Opernhäuser!“ Das Theater für Niedersachsen schrieb dem „neuen Merker“ ein Dankschreiben. Die Rezension war unser Gesellenstück.

Lothar und Sylvia Schweitzer , 1. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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