Daniels Anti-Klassiker 16: Gioachino Rossini – Figaro-Arie aus der „Barbier von Sevilla“ (1816)

Daniels Anti-Klassiker 16: Gioachino Rossini  klassik-begeistert.de, 1. September 2026

 

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Was haben die Looney Toons und eine Rossini Oper gemeinsam? Beide können so platt sein, als hätte sie eine Dampfwalze überfahren. Zu diesem Eindruck könnte man jedenfalls gelangen, wenn man sich der „Barbier von Sevilla“ anschaut – eine klassische Komödie darüber, dass zwei Männer ein und dieselbe Frau ehelichen wollen und die „wahre Liebe“ sich am Ende nur durch Betrug und viel Hilfe von außen durchsetzen kann. Haargenau so findet man es auch im Cartoon! Trotzdem hat diese Geschichte sich irgendwie so sehr gehalten, dass der Name „Figaro“ heute noch vielen ein Begriff sein dürfte. Wie ist das gekommen?

Ein Grund dürfte sein, dass Rossini nicht der erste war, der über diesen Stoff schrieb. Die Ursprünge dieser Komödie lassen sich ins Jahr 1775 zum Schauspiel von Beaumarchais zurückverfolgen. Und auch Mozart hatte sich diesem Stoff in der „Hochzeit des Figaro“ bereits gewidmet. Rossini traf 1816 also auf eine bestehende Tradition über die vermeintlich bunte Ehebalz im Umfeld dieser schillernden Person.

Zentrum von Rossinis Oper ist im Gegensatz zu Mozart allerdings nicht Figaro selbst, sondern die Liebe zwischen Graf Almaviva und seiner Angebeteten Rosina, die der argwöhnische Dr. Bartolo in seinem Gewahrsam hat. Um ihr näherzukommen ist Almaviva auf Täuschung und Verkleidung angewiesen – hier tritt Figaro selbst in Erscheinung. Er putzt Almaviva mal als Soldaten, mal als Musiklehrer heraus und unterstützt ihn bei der Planung um Rosinas Flucht. Als Bartolo ihnen auf die Schliche kommt, will er eilig einen Notar zur Eheschließung bestellen. Dies wird aber über das Gerücht vereiltet, dass der Notar gerade mit der Eheschließung von Figaros (nicht-existenter) Nichte beschäftigt wäre, sodass Almaviva den Beamten entführen lassen und unter Waffengewalt zur Eheschließung zwischen ihm und Rosina zwingen kann.

Natürlich ist diese Handlung platter als ein totgefahrenes Tier: Über so etwas hat man nun einmal im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert gelacht. Wenn man bedenkt, dass diese Oper ursprünglich zum Karneval aufgeführt wurde, entschuldigt das auch ein paar Dinge. Allzu ernst nehmen sollte man sie nicht, schließlich tut sie es selbst auch nicht.

Der ursprüngliche Titel sollte beispielsweise lauten: „Almaviva oder die nutzlose Vorsicht“. Ein Statement dafür, dass wahre Liebe immer zueinander finden würde, was sich nicht nur heutzutage an der Realität schneidet, sondern damals in einer Zeit von politischen und standesgemäß arrangierten Ehen geradezu zynisch wirkt. Es fragt ja auch keiner, ob diese unter Androhung von Gewalt geschlossene Ehe überhaupt Substanz hat. Ob Almavivas und Rosinas ursprüngliche Schwärmerei erhalten oder nach ein paar heißen Liebesnächten verloren geht. Aber die Antwort auf die Frage, ob die Ehe glücklich oder sogar mit Kindern erfüllt ist oder es massenhaft Affären gibt, wäre am Ende ja auch nicht mehr lustig!

 Die bekannte Figaro-Arie eignet sich deshalb als Paradebeispiel für diese Art Komödie. Als gesangliche Vorstellung des Barbiers ist sie gespickt mit unglaublich schnellen Läufen. Massenhaft Triller und ausreißende melodische Figuren erzeugen zwangsläufig den Eindruck, es hier mit einem weltbewegenden Ereignis, vielleicht sogar der wichtigsten Figur der ganzen Oper zu tun zu haben. Eigentlich hat Rossini damit ein faszinierendes Werk der Instrumentationskunst geschaffen, das an dieser Opernarie aber verloren wirkt. Denn immerhin soll die drängende Musik „nur“ den Gesang Figaros inklusive Selbstvorstellung untermalen. Auch dies ist höchstfiligran, fast schon übertrieben kompliziert gestaltet und mit Koloraturen ausgeschmückt, die an Raffinesse nur schwer zu überbieten sind.

Doch der Text ist mit seinen einfallslosen „Lalala“ oder dem dutzendfachen „Figaro“ oberflächlich, geradezu flach. Dazu gibt er inhaltlich nur das Offensichtliche wieder, was genauso gut die Handlung oder das Bühnenbild erklären könnten. Frei übersetzt: „Macht Platz für den Diener der Stadt“ … „bereit, Tag und Nacht zu arbeiten“ … „niemand kann Figaro das Wasser reichen“… ja, wenn das so ist, warum reicht dann nicht die Handlung, um das zu zeigen? Wird solch eine Banalität den herausgeputzten Melodien gerecht?

Ich persönlich würde hier am liebsten jedes Mal den Sänger stummstellen und die Musik selber genießen, während uns der Barbier sein umsichtiges Treiben als agierende Person präsentiert. Selbst in einer Komödie kann man zu offensichtlich sein. Das Prinzip „show, don’t tell“ war damals wohl nicht so weit verbreitet? Aber unter der Prämisse wäre die komplette Arie ja auch überflüssig.

Durch seinen nichtssagenden Charakter ist dieser Part indes perfekte Vorlage, um ihn seit 1941 im Cartoon gänzlich zu demontieren. Besonders Bugs Bunny und die Looney Toons tun sich hier hervor – dort scheint Rossini Hauskomponist und seine Figaro-Arie das Lieblingsstück zu sein. Aber auch Tom und Jerry, Disney und andere waren sich nicht zu schade für diesen Klamauk. Cartoon Network nahm diese Musik einst sogar zur Grundlage für die sendereigene Werbung, in der der Text komplett durch Namen von Zeichentrickfiguren ersetzt wurde. Ein markantes Beispiel dürfte auch der (mitunter politisch absolut inkorrekte) Magical Maestro von Tex Every sein:

Ist solche Musik, die im Endeffekt nur ein Demontageobjekt darstellt, also überflüssig? Der Text ist jedenfalls nicht in der Lage, die an und für sich hinreißende Musik zu bereichern, sondern reduziert sie eher. Inhaltlich bietet diese Arie kaum etwas, was nicht auch die Handlung selbst darstellen könnte. Und der Fokus auf übertrieben komplizierte Gesangskunst im Kontrast zur alltäglichen Profanität wirkt bizarr, wenn nicht sogar lächerlich. Es ist ein Erlebnis, wie ein frisch aus dem Chemielabor kommendes Erdbeereis: Aufgetakelt und optisch auf Hochglanz poliert, aber der Geschmack ist künstlich und trübt die ursprüngliche Freude.

Für mich ist dieses auf die Spitze getriebene Gehasche nach Kunstfertigkeit durch Ausreizung aufsehenerregender Effekte ohne Hintergrund, Substanz und authentisches Gefühl mitunter einer der Gründe dafür, diese Art von Musik nicht schätzen zu können. Sie steht mir viel eher distanziert als ein künstliches Objekt um seiner Selbst Willen gegenüber.

Solch einzig auf Handwerksfertigkeit beschränkte „Kunst-“werke können unter bestimmten Voraussetzungen vielleicht auch Bewunderung erzeugen. Und wie schon gesagt: kompositorisch ist dies eine Arie erster Klasse. Mir weckt solche Musik aber die Verdrießlichkeit, wenn sie außer Filigranität und damit reinem Selbstzweck nichts bietet. Denn ist der Zweck von Musik nicht in erster Linie, dass sie emotional ergreift? Form und Technik sollten Mittel zum Ausdruck und nicht zum Selbstzweck sein. Und ich weiß – ich bin nicht der einzige, der das in meiner Generation und in jüngeren Generationen so sieht. Bleibt für diese Form musikalischer Künstlichkeit also nur noch der Kontext im Cartoon als authentische und emotional wirksame Stimmungswiedergabe? Es scheint so…

Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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