© SF/Marco Borrelli
Giuseppe Verdi Messa da Requiem
Die Wiener Philharmoniker sind das Orchester seines Lebens, das Verdi-Requiem ist das Stück seines Lebens. Kein Zweiter durchdringt das Verdi-Requiem so tief wie Riccardo Muti. Das Stück, das er in Salzburg mehrfach dirigierte, vormals zuletzt 2019, ist Teil seiner DNA.
Iwona Sobotka, Sopran
Marianne Crebassa, Mezzosopran
Michael Spyres, Tenor
Maharram Huseynov, Bass
Wiener Philharmoniker
Musikalische Leitung: Riccardo Muti
Salzburg, Großes Festspielhaus, 16. und 18. August 2026
von Kirsten Liese
Nun aber ließ der Maestro verlauten, nach den Aufführungen in Salzburg würde er das Werk nicht mehr dirigieren. Am 18. August erklang es demnach zum letzten Mal. Warum, das sagt er nicht konkret dazu. Aber vielleicht mag das damit zusammenhängen, dass er seine hohen Ansprüche zusehends weniger umsetzen kann und ihn das zu sehr schmerzt. Auf den Proben, so kam mir zu Ohren, soll er nicht restlos glücklich gewesen sein.
Aber offenbar wurde doch noch alles gut, denn zumindest an dem vor mir besuchten zweiten und dritten Abend war kein Anflug von Missstimmung zu bemerken.
Und vielleicht wirkten die Aufführungen im Hinblick auf ihre historische Dimension auf mich sogar noch dramatischer als vorangegangene. Oder kam es mir nur so vor?
Optimale Kommunikation
Dass Muti so konsequent darauf besteht, mit den Solisten in Blickkontakt zu stehen und sie ergo direkt vor sich platziert, so dass Dirigent und Sänger einander ansehen können – in den meisten Konzerten stehen sie absurderweise mit dem Rücken zueinander – , hatte daran großen Teil. Am zweiten Abend schien es mir fast, als nehme Muti die Solisten fast mehr ins Visier als das auf ihn eingeschworene Orchester. Das zahlte sich aus.
Die hohen Solo-Stimmen, Iwona Sobotka und Michael Spyres, steigerten sich dabei noch vom zweiten zum dritten Abend: Ihre Spitzen im Fortissimo tönten da ohne Schärfen noch kultivierter.

Lyrische und dramatische Qualitäten
Sobotka gefiel mir überhaupt viel besser als 2024 in Paris, wo sie kurzfristig für eine andere Sängerin im Requiem eingesprungen war. Die Stimmführung wirkt nun insgesamt viel schlanker, das Timbre noch schöner und wärmer an einer Stelle wie dem „sed signifer sanctus Michael“ (der heilige Bannerträger Michael führe sie in das heilige Licht“), an der sie im herrlichsten dolcissimo auf einem langen hohen Ton crescendiert.
Unter den heutigen Sopranistinnen kenne ich nicht allzu viele, die über eine vergleichsweise Durchschlagskraft im Dramatischen verfügen und gleichzeitig lyrische Passagen derart zärtlich zu gestalten vermögen.
Schauriges Dies Irae
Im „Dies Irae“ beben bei Muti immer die Wände, aber diesmal tönte es irgendwie noch furchterregender als sonst, zu erleben war hier ein regelrechtes Rasen, an dem neben den Donnerschlägen der Pauke die Streicher zur treibenden Kraft wurden. Mir kam es so vor, als würden Hunderte von Pfeilen meinen Körper durchbohren. Dabei bewirkte dieses körperliche Erleben – um das klar zu sagen – mitnichten nur die ungeheure Lautstärke, sondern eben dieses wütende Empfinden, das Muti auf alle Mitwirkenden, insbesondere in diesem Teil auf Orchester und den Wienerstaatsopernchor (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) übertrug.
Beim „Tuba mirum“ ließ sich einmal mehr erleben, wie grandios sich Muti auf Raumeffekte versteht, wenn er hier die miteinander korrespondierenden Trompeten in weiter Ferne voneinander postierte, die einen links zur Seite auf der Bühne, die übrigen im Rang.
Grandiose Mezzosopranistin
Wenn die Musik dann beim „Mors stupebit et natura“ (Schaudernd sehen Tod und Leben) gespenstisch leise wird, ist Maharram Huseynov an der Reihe. Er verfügt über eine satte Tiefe und folgt Muti im unheilvollen Ausdruck, nur strömt sein Bass, zu verengt weit hinten im Hals, nicht ganz frei.

Mit Marianne Crebassa ist dagegen ein Mezzo an Bord, der meine hohen Erwartungen noch weit übertrifft. Schon bei ihrem ersten größeren Solo „Liber scriptus proferetur“ (Und ein Buch wird aufgeschlagen) lässt sie eine sonore, rotweindunkle prächtige große Stimme hören, schlank geführt durch alle Register. Vor ausladenden schaukelnden Vibrati, die zahlreiche ihrer Kolleginnen gerne an den Tag legen, bleibt man bei ihr verschont.
Berührendes Gebet
Sehr gebannt war man freilich auf Michael Spyres, der sich schon seit einiger Zeit im deutschen spätromantischen Repertoire als einer der besten Tenöre unserer Zeit empfohlen hat. Mit italienischem Repertoire hatte ich ihn bislang noch nicht gehört und freute mich umso mehr, dass er sich darauf ebenso gut versteht.
Die Prüfsteine eines jeden Tenors im Verdi-Requiem sind das „Ingemisco“ sowie das Solo im Offertorium „Hostias et preces tibi“ (Opfer und Lobgebet bringen wir vor Dich), eine der anrührend-zärtlichsten Stellen im gesamten Stück überhaupt. Da ist es, als halte Muti zu hauchfeinen ätherischen hohen Streicherklängen die Zeit an, stellt sich Gänsehaut ein, wenn Spyres dieses innigliche Gebet anstimmt, rein, unschuldig und schön.
Ebenso dolcissimo musizieren die trefflichen Flötisten der Wiener Philharmoniker ihr Solo im zärtlichen Nachspiel des Sanctus.
Intensiv geprobt haben dürfte Muti mit seinen Gesangssolisten auch am Lux Aeterna, das sie ohne Orchester und Chor im Quartett eröffnen. Seitens der Intonation ist das – ohne harmonisches Gerüst – sehr heikel. Am zweiten Abend gelingt ihnen das bereits sehr achtbar, am letzten Abend perfekt!

Magische Momente
Das „Libera me“ stellt vermutlich die größte Herausforderung an die Sopranistin im Dialog mit dem Chor. Unter Mutis beschwörenden Zeichen gelingen Sobotka da magische Momente, dies schon mit den denkbar schönsten Klängen zu der von vier Fagotten eingeleiteten Versen „Tremens factus sum ego sunt et terra“ (Zitternd muss ich stehen und in Ängsten). Und wie die Polin dann nach dem hochdramatischen Fugato im Dialog mit dem Chor ihren letzten angsterfüllten Ausbruch durchlebt und dann ganz leise in den Worten „Libera me“ endet – das geht einfach mitten ins Herz.
Ergreifendes Libera Me
Es versteht sich, dass in diesem letzten Verdi-Requiem Mutis Chor und Solistin in den Versen „Libera me Domine de morte aeterna in die illa tremenda“ die richtige Betonung finden, die die meisten Aufführungen unter anderen Dirigenten entbehren: Dank Mutis italienischer Opernakademie weiß ich, dass das Wort „illa“ betont werden muss, da es um keinen beliebigen, sondern eben genau diesen furchtbaren Tag des Weltgerichts geht, der Erschütterung von Himmel und Erde.
War die vom Salzburger Festspielpublikum am 18. August verdient frenetisch gefeierte Aufführung nun wirklich die letzte? Hanne Weber, Mitglied des Chors des Bayerischen Rundfunks, die der letzten Aufführung beiwohnte, wünscht sich, dass Muti das Verdi Requiem doch zumindest noch einmal mit ihrem Chor, den er für den besten der Welt hält, aufführen möge. Ich würde das auch sehr begrüßen. Die Aussichten darauf sind aber vermutlich gering. Wenn man einmal öffentlich von etwas Abschied genommen hat, bleibt es meistens dabei. Leider.
Kirsten Liese, 19. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Rezension: Giuseppe Verdi, Messa da Requiem, Riccardo Muti 1981klassik-begeistert.de
Wiener Philharmoniker, Riccardo Muti Salzburg, Großes Festspielhaus, 15. August 2023
Kirsten Liese, Maestro Muti klassik-begeistert.de, 18. August 2026
Sehr geehrte Frau Liese,
zur Rezension des o.g. Konzertes möchte ich Sie herzlich beglückwünschen. Das ist eine ausgezeichnete Kritik, das meine ich jetzt nicht auf das Konzert bezogen – das ich leider nicht gesehen habe – sondern auf Ihre kenntnisreiche, detailgenaue und kompetente Art, WIE Sie sie schreiben.
Ernst Raffelsberger, der Chorleiter, ist ein Cousin meines Mannes, darum habe ich alle Kritiken gelesen, und die Ihrige ist mir besonders positiv aufgefallen. Im Stil erinnert sie mich an Prof. Joachim Kaiser, den ehemaligen Leiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung. Leider liest man mittlerweile im Klassikbereich, speziell zum Thema Opern, viele Kritiken, die den musikalischen Bereich mehr oder weniger ausklammern und sich dafür auf die Inszenierungen (bei Opern) verlegen.
Ein Trauerspiel.
Ihre Kritik habe ich an Ernst Raffelsberger geschickt.
Viele Grüße aus München!
Ingeborg Raffelsberger
Liebe Frau Raffelsberger,
seien Sie herzlich bedankt für die große Anerkennung!!
Solche Leserpost erhält man nicht alle Tage, sie ist mir eine große Ehre – noch dazu von so fachkundiger Seite!!
Herzliche Grüße auch an Ernst Raffelsberger, der den Chor so toll einstudiert hat!
Kirsten Liese
Liebe Frau Liese,
nachdem ich nun gestern die Aufzeichnung des Verdi Requiems in Bayern 4 Klassik gehört habe, kann ich nun nach eigenem Hören noch etwas ergänzen:
Was für eine grandiose, geradezu epochale Aufführung! Diese Urgewalt, dieser umwerfende Spannungsbogen! Mein Mann und ich waren total begeistert und haben übereinstimmend gesagt, daß wir das Verdi Requiem noch nie so großartig gehört haben. Früher sagte man ja meistens, das sei eine weitere Oper von Verdi, hier aber war es wirklich ein Requiem, in dem man verschiedene Gefühlsebenen durchlief, vom Gänsehauteffekt, Schauer über dem Rücken über Erschütterung, Bedrücktheit bis fast zu Tränen. Diese wunderbaren mehrfachen Piani, sowohl von Orchester als auch von Chor, die teilweise geradezu archaischen Klänge, oder das apokalyptische „Dies Irae“. Das alles sucht seinesgleichen.
Und die Solisten! Die Sopranistin ist ja wohl eine Entdeckung und Marianne Crebassa hatte sowohl eine fabelhafte Höhe als auch eine satte Tiefe. Zu Michael Spyres fehlen mir fast die Worte. Diesen Stimmunfang dürfte es derzeit kein 2. Mal unter den Tenören geben, strahlend in der Höhe und voll und wohlklingend in der Tiefe. Auch der Baß hat uns gut gefallen, er hatte eine sehr schöne, warme Stimme.
Ich hoffe, diese Aufführung kommt als CD heraus, dann wäre es eine Referenzaufnahme.
Ich habe Ihre Kritik noch einmal gelesen, sie trifft es wirklich gut. Was Sie von den Spitzen der beiden hohen Stimmen im Fortissimo schreiben, habe ich gestern auch so empfunden, die wirkten ein bißchen grell. Das war an den Folgeabenden bestimmt besser – wie Sie schreiben – das haben die beiden sicher selber bemerkt und daraufhin nachgebessert.
Herzliche Grüße!
Ingeborg Raffelsberger
Liebe Frau Raffelsberger,
es freut mich sehr, dass Sie dieses letzte einmalige Verdi-Requiem auch so erleben konnten.
Ich unterschreibe jeden Satz Ihres treffenden Berichts! Wie gut, dass der BR das Konzert aufgezeichnet hat!!
Herzliche Grüße, Kirsten Liese
Liebe Verdi-Requiem-Enthusiasten,
bei aller berechtigten Wertschätzung und Begeisterung für Maestro Muti und dessen Lebenswerk, es gibt diese Aufführung in der Mailänder Scala vom August 2012, die damals Maßstäbe setzte und in der Fachwelt als die beste seit den 70er-Jahren gefeiert wurde. Ich denke, dieses Urteil gilt auch noch im Jahr 2026.
Dirigent: Daniel Barenboim
Chor und Orchester der Mailänder Scala
Solisten: Anja Harteros, Elina Garanča, Jonas Kaufmann, René Pape.
Das Besondere war damals, dass neben dem Chor und Orchester sowie dem Dirigenten alle vier Gesangssolisten herausragende Leistungen vollbrachten, was bei diesem Requiem selten der Fall ist. Das ist Fakt und daran ändert auch die Tatsache, dass Riccardo Muti Verdis Meisterwerk zum letzten Mal dirigierte, nichts.
Diese meisterhafte Aufführung gibt es übrigens als DVD und sie steht auch auf YouTube zur Verfügung.
Franz Büchel
Ihr Enthusiasmus in Ehren, aber ich habe das großartige Werk NUR besser als in dieser Aufführung (BR Klassik) gehört. Mit dieser Einschätzung stehe ich in breiter Gesellschaft musikerfahrener Zuhörer.
Das opernhafte Dirigat hat mich ganz und gar nicht erfreut, denn es handelt sich um ein geistliches Werk.
Von den Solisten war der Sopran noch am angemessensten, der Mezzo hatte massive Probleme mit dem Registerwechsel, über den Tenor schweige ich lieber (noch nie ein so unbeteiligtes Absingen der Noten gehört) und die Stimme des Bass-Sängers hat wohl schon bessere Zeiten erlebt.
Tut mir leid, aber das musste sein …
DI Waltraud Becker
Nun, Frau Becker, es ist ja nun hinreichend bekannt, dass Sie ein Jonas Kaufmann-Groupie sind. Und als ein solcher sympathisieren Sie natürlich mit den Dirigenten, die Herr Kaufmann präferiert, deshalb begeistern Sie sich für Herrn Petrenko.
Aber leider kann der als Verdi-Dirigent nicht mit Riccardo Muti mithalten, über den Sie vermutlich ganz anders urteilen würden, wenn er mit JK zusammenarbeiten würde.
Dass nun Riccardo Muti der beste Verdi-Dirigent der Zeit ist, ist auch hinlänglich bekannt. Das sagen sogar Experten, die den Kult um ihn für übertrieben halten. Insofern kann man Ihnen hinsichtlich Ihrer Beweggründe, Mutis Verdi-Requiem schlecht zu finden, sehr leicht in die Karten schauen.
Ich habe die Übertragung aus dem BR nicht gehört, habe aber Muti schon mit dem Verdi Requiem gehört und weiß, dass er das sensationell gut dirigiert.
Seien Sie nicht bös, aber Ihre ewig gleich ausgerichteten, inkompetenten Kommentare nerven allmählich.
MfG, Luisa Schmedt
Sehr geehrte Luisa!
Bitte bei der Sache bleiben. Genaues Lesen fördert zutage, dass ich weder Jonas Kaufmann noch Kirill Petrenko erwähnt habe!
Vielmehr habe ich versucht, meinen schlechten Eindruck zu beschreiben und zu begründen. Ich rate Ihnen dringend, das Angebot des BR zu nutzen (7 Tage verfügbar) und sich das Tondokument anzuhören.
Meine Referenzaufnahme dieses Werkes ist die mit Barenboim, ebenfalls Salzburger Festspiele/Scala 2012; Harteros, Garanča, Kaufmann (na klar!), Pape.
Ein Wort zu Petrenko: YouTube bietet eine etwa 45 minütige Dokumentation, die aus Anlaß der Verleihung des Léonie Sonning Music Prize 2026 durch König Frederic von Dänemark erstellt wurde. Eine dort getätigte Ausage sticht hervor: „Wir waren noch nie so gut wie jetzt“ aus dem Munde eines Mitglieds der Berliner Philharmoniker. Das sagt alles …
Waltraud Becker